Hintergrund

Ein mexikanischer Capo kommt frei

Er liess einen US-Agenten foltern und ermorden: Rafael Caro Quintero war in den 80-er Jahren einer der mächtigsten Drogenbosse Mexikos. Nun ist er auf freiem Fuss – wegen juristischer Formfehler.

Nach seiner Verhaftung fiel das mächtige Kartell von Guadalajara: Drogenboss Rafael Caro Quintero 2005 im Gefängnis.

Nach seiner Verhaftung fiel das mächtige Kartell von Guadalajara: Drogenboss Rafael Caro Quintero 2005 im Gefängnis. Bild: AFP

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Einer der grossen mexikanischen Drogenbosse der 1980-er Jahre ist frei: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde Rafael Caro Quintero aus einem Hochsicherheitsgefängnis in der Stadt Guadalajara entlassen. Grund dafür sind juristische Formfehler. Unter anderem hätte der heute 61-jährige Capo nicht von einem Bundesgericht, sondern von einem Regionalgericht verurteilt werden müssen. Von seiner 40-jährigen Haftstrafe hat Quintero 28 Jahre abgesessen.

Der aus dem Bundesstaat Sinaloa stammende Quintero war Mitbegründer des Kartells von Guadalajara. Enrique «Kiki» Camarena, einem Agenten der amerikanischen Drogenbehörde DEA (Drug Enforcement Administration), war es gelungen, das Vertrauen Quinteros und anderer Drogenbosse zu gewinnen.

Marihuana für acht Milliarden Dollar

Aufgrund seiner Informationen stürmten im November 1984 mehr als 450 Soldaten das Gehöft «El Búfalo» im nördlichen mexikanischen Bundesstaat Chihuahua. 4000 Bauern bauten auf einer Fläche von tausend Hektaren Marihuana an. Die Jahresproduktion hatte einen Wert von 8 Milliarden Dollar. Viele der eingesetzten Arbeiter hatten die Drogenkriminellen entführt und zu Sklavenarbeit gezwungen.

Es war die zweitgrösste Operation, welche die DEA je gegen das organisierte Verbrechen geführt hatte. Monate zuvor war es ihr und kolumbianischen Behörden gelungen, ein gigantisches Kokainlabor in Kolumbien aufzuspüren und zu zerstören. Betrieben wurde es von Pablo Escobar, dem Chef des Medellín-Kartells. Die Ordnungskräfte beschlagnahmten 14 Tonnen Kokain.

Eine historische Schmach für die Amerikaner

Es dauerte einige Monate, ehe Quintero und die anderen Drogenbosse herausfanden, wer sie verraten hatte. Im Februar 1985 wurde der amerikanische Agent am helllichten Tag von Polizisten entführt, die im Sold der Verbrecher standen. Quintero liess den Spitzel stundenlang foltern und schliesslich zu Tode prügeln. Seine Leiche fand man einen Monat später in einem entlegenen Landstrich des Bundesstaates Michoacán.

Der Mord an Camarena ist für die DEA bis heute eine historische Schmach. Entsprechend rabiat war die Reaktion der Amerikaner. Um die Mörder ihres Agenten aufzuspüren, lancierten sie die «Operation Legende». Eine Spezialeinheit reiste nach Mexiko, um die Ermittlungen zu koordinieren. Der politische Druck auf Mexikos damaligen Präsidenten Miguel de la Madrid war enorm.

Binnen kurzer Zeit verhaftete die Polizei nicht nur Quintero, sondern auch seine Komplizen Ernesto Fonseca Carrillo und Félix Gallardo. Das Kartell von Guadalajara fiel auseinander. Aus seinen Überresten entstanden die Verbrechersyndikate, die heute noch aktiv sind in Mexiko: Das Kartell von Sinaloa, von Juárez, von Tijuana und das Golf-Kartell. Camarenas Schicksal schildert der amerikanische Autor Don Winslow in seinm grossartigen semifiktionalen Roman «Tage der Toten.»

Ein Sprecher der DEA kommentierte Quinteros Freilassung mit knappen Worten. «Ja, wir haben davon erfahren. Wir sind dabei, die Sache zu analysieren.» Gegen den Drogenboss liegt ein Auslieferungsbegehren der USA vor. Unbekannt ist derzeit, ob die amerikanischen Justizbehörden von den Mexikanern verlangen, Quintero umgehend wieder festzunehmen und zu überstellen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2013, 22:29 Uhr

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