Ein schamloses Interview

Sean Penn und «Rolling Stone» ging es bei der Reportage über Drogenboss El Chapo nur um die eigene Grossartigkeit.

Sean Penn am Wochenende bei seiner «Sean Penn & Friends Help Haiti Home»-Gala. Foto: Getty Images

Sean Penn am Wochenende bei seiner «Sean Penn & Friends Help Haiti Home»-Gala. Foto: Getty Images

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Das letzte Wochenende sorgte für einen dieser merkwürdigen und ungeplant erhellenden Zufälle. Zuerst kommt die Nachricht von der Verhaftung des mexikanischen Drogenbosses Joaquin «Chapo» Guzman Loera. Kurz darauf publiziert das «Rolling Stone»-Magazin eine bizarre Reportage und ein Video von und mit Sean Penn, in denen sich Massenmörder Guzman als im Kern guter und sogar unbeholfener Mensch darstellen darf.

Wenig später zeigt sich Penn zusammen mit Leo DiCaprio an einer Benefizveranstaltung in Hollywood zugunsten von Haiti und erinnert an seine unbestritten grosse Hilfe für das zerstörte Land. Fast gleichzeitig erscheinen in den Medien erste und überwiegend ätzende Kommentare. Penn schweigt. Die Golden-Globe-Preisverleihung am Sonntag schliesslich sieht Hollywood in Festlaune. Einen Seitenhieb von Gastgeber Ricky Gervais auf den «Spitzel» Sean Penn finden alle zum Totlachen komisch. DiCaprio holt seinen Preis ab. Alles ist wieder unter Kontrolle.

Der Persönlichkeitskult

Doch sind die Zusammenhänge zwischen Hollywood, seinem Persönlichkeitskult und dem Interview mit dem lachhaften Titel «El Chapo spricht» zu real, um sie mit einem Witzchen beiseitezuschieben. Die grosse Frage, die Penn mit seinem langen und oft wirren Text offenlässt, ist die Frage nach seiner eigenen Rolle. Die Reportage ist dürftig und vermittelt kaum einen Einblick ins Innere des Drogenbosses, der nach eigenen Worten zwischen 2000 und 3000 Morde auf dem Gewissen hat. Dafür schildert Penn sein eigenes Befinden bis zum Abwinken und entwirft ein filmreifes Szenario mit Überwachungsdrohnen, Feuergefechten und sogar seiner Entmannung durch die Drogenmafia.

Vom Tequila-Genuss umnebelt, lässt er im Gespräch mit dem Drogenboss einen Furz fahren, was wir nur wissen, weil er dies für berichtenswert hält. Dass er aber El Chapo mit harten Fragen konfrontiert hätte, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall ist nichts davon zu lesen. Dafür gewährt er ihm das Recht, den Text vor dem Druck nach Bedarf abzuändern, also zu beschönigen. Dass der Kriminelle davon keinen Gebrauch macht, heisst nicht, dass wir die Reportage zum Nennwert nehmen können.

«Die Praxis des Absegnens diskreditiert die Geschichte, unabhängig davon, ob etwas korrigiert wurde», meint Andre Seaman, Ethikexperte der Society of Professional Journalists. Der Chefredaktor der «New York Times» ist gleicher Meinung. Unter diesen Bedingungen hätte er auf das Interview verzichtet, sagte Dean Baquet. Die Umstände erlauben dem Drogenboss sogar, sich in einem Video als fürsorglicher Familienvater und liebender Sohn zu präsentieren, der an sich jede Gewalt verabscheut. «Alles, was ich tue, ist, mich selber zu verteidigen, nichts mehr. Beginne ich einen Streit? Nie.» Penn kann mitfühlen und beschreibt El Chapo als «unbeholfenen Teenager».

Schlichtes Eigeninteresse

Diese Naivität würde weniger stören, wenn Penn die Videoaufnahme wenigstens selber gemacht hätte. Doch war es ein Vertrauter des Drogenbosses, der die überaus harmlosen Fragen stellte. Man zweifelt, ob «Rolling Stone» wirklich der grösste Scoop der Geschichte gelungen ist, wie Herausgeber Jann Wenner meint. «Ich denke, einige Menschen hätten ihr erstgeborenes Kind geopfert, um an diese Story zu kommen», rechtfertigt Wenner seine Rolle. Das mag stimmen. Viel näher liegt die Vermutung, dass Wenner aus schlichtem Eigeninteresse handelte. Er braucht dringend Geld, um einen Prozess wegen einer Falschgeschichte um eine Gruppenvergewaltigung und Forderungen von 25 Millionen Dollar durchzustehen.

An diesem Punkt kommen die Interessen aller Beteiligten zusammen: El Chapo wollte sein Leben verfilmen und hatte dazu die mexikanische Schauspielerin Kate del Castillo engagiert. Als Penn davon hörte, wollte er mit dabei sein. Die Schauspielerin, die in Hollywood Fuss fassen will, brachte ihren Kollegen mit dem Drogenboss zusammen, was wiederum dem um die Finanzen fürchtenden Magazin-Chefredaktor nur recht sein konnte. Allen ging es letztlich nur um das eine: die eigene Grossartigkeit. Da gingen der Drogenkrieg und seine Opfer glatt vergessen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2016, 07:35 Uhr

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