Porträt

Ein verrückter Narziss

Die Autobiografie von Julian Assange sollte Andrew O’Hagan 2011 als Ghostwriter schreiben. Jetzt schildert der Autor, wie der Wikileaks-Gründer das Projekt hintertrieb.

Julian Assange im Park von Ellingham Hall: Der Wikileaks-Gründer lebte hier von Ende 2010 bis Ende 2011 mit Fussfesseln.

Julian Assange im Park von Ellingham Hall: Der Wikileaks-Gründer lebte hier von Ende 2010 bis Ende 2011 mit Fussfesseln. Bild: Jason Bye/Keystone

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Ellingham Hall bietet alle Annehmlichkeiten eines britischen Herrenhauses: 250 Hektaren Park, Felder und Wald; zehn Schlafzimmer und grosszügige Empfangsräume; Hirschgeweihe und Gemälde der Vorfahren an den Wänden; eine Haushälterin, die für das leibliche Wohl sorgt. «Mein goldener Käfig», so nannte Julian Assange das Anwesen, wo er im Dezember 2010 Zuflucht fand. Es gehörte der Familie von Journalist Vaughan Smith. Der Wikileaks-Gründer musste eine Fussfessel tragen und täglich bei der Polizei vorsprechen. Das alles hinderte Assange nicht daran, das Herrenhaus in Norfolk, 200 Kilometer nordöstlich von London, zum Hauptquartier von Wikileaks zu machen.

Bis Assange Ende 2011 auszog, gingen Dutzende Besucher in Ellingham Hall ein und aus: Journalisten und Anwälte, Computerhacker, Regisseure und Verleger. Alles drehte sich um den weisshaarigen Australier mit dem verschmitzten Gesicht. Der damals 39-Jährige erwiderte die Aufmerksamkeit mal mit Wohlwollen, mal mit Wut, mal höflich, mal bissig. «Er war das Zentrum eines kleinen Imperiums», schreibt der Autor Andrew O’Hagan. «Sein Stolz konnte einen ganzen Raum in Flammen setzen.» Dabei war der Mann, der mit der Enthüllung geheimer US-Dokumente die Welt erschüttert hatte, zwar oft brillant und mutig – aber letztlich «dünnhäutig, verschwörerisch, unehrlich und narzisstisch».

Ein Riesenprojekt

«Er hat nicht das geringste Verständnis für Menschen», befindet O’Hagan. «Es ist schwer, einen Anführer zu finden, der so verlässlich die Menschen um sich herum falsch einschätzt, ihre Motivation, ihre Bedürfnisse, ihre Werte, ihre Talente, ihre Loyalität.» Das schreibt ein Mann, der in dieser Zeit so viel mit Assange zu tun hatte wie sonst nur die engsten Wikileaks-Mitarbeiter. Denn O’Hagan war als Ghostwriter engagiert, Assanges Autobiografie zu schreiben. Ein Riesenprojekt.

Der schottische Verlag Canongate hatte zusammen mit dem renommierten Haus Alfred A. Knopf in New York 600'000 Pfund (knapp 900'000 Franken) im Voraus bezahlt für ein Buch, in dem Assange seine eigene Geschichte und die Entstehung von Wikileaks erzählen sollte. Verlage in aller Welt hatten sich angeschlossen, das Buch sollte in 40 Sprachen übersetzt werden (die deutschen Rechte lagen bei Kiepenheuer & Witsch in Köln).

Ein totaler Flop

O’Hagan verbrachte Wochen auf engstem Raum mit Assange, führte nächtelange Interviews, trug Berge von Material zusammen, schrieb einen ersten Entwurf. Doch das Projekt entwickelte sich zum Desaster. Assange brauchte das Geld, um seine Anwälte zu bezahlen, aber er hatte kein Interesse daran, offen über sich selbst zu reden. Er hielt den Verlag und O’Hagan endlos hin: «Ich muss mich um Fragen von Leben und Tod rund um die Welt kümmern.»

Assange schrieb in fünf Monaten keinen einzigen Satz für die Autobiografie. «Sein grosses Geheimnis war: Er wollte alles über sich geheim halten, ausser seiner Berühmtheit», urteilt O’Hagan. Im Juni 2011 kam es zum Eklat: Assange kündigte den Buchvertrag, zahlte sein Vorabhonorar aber nicht zurück. Daraufhin beschloss der Verlag, die erste Fassung auch gegen Assanges Willen zu drucken. «Julian Assange: Die nicht autorisierte Autobiografie» erschien im September 2011 und war ein Flop. In der ersten Woche wurden nur wenige Hundert Exemplare verkauft, die internationalen Verlage sprangen ab. Und Assange reagierte mit einer Erklärung, in der er aus Gesprächen mit seinem Verleger zitierte, die er ohne dessen Wissen mitgeschnitten hatte.

O’Hagan hatte versucht, seine Rolle als Ghostwriter geheim zu halten, doch sie wurde schnell bekannt. Seither wurde er bedrängt, seine Version der Ereignisse zu erzählen. Jetzt, fast drei Jahre später, hat er das getan. In der jüngsten Ausgabe des «London Review of Books» zeichnet er das Bild eines Julian Assange, der von aller Welt bewundert wird, der die Grossmacht USA gegen sich aufgebracht hat, der sich als Weltverbesserer und Kämpfer für Gerechtigkeit darstellt, der aber gleichzeitig seine engsten Mitarbeiter und Verbündeten gegen sich aufbringt und letztlich nur Interesse an sich selbst hat. «Julians Lieblingsbeschäftigung war es, im Internet zu verfolgen, was andere, vor allem seine ‹Feinde›, über ihn sagten», schreibt O’Hagan.

«Feinde» – das waren nicht etwa die westlichen Geheimdienste, deren Geheimnisse er veröffentlicht hatte; das waren die Journalisten, Anwälte und Mitarbeiter, ohne deren Hilfe er nie Erfolg gehabt hätte. Nicht ausstehen konnte er Bill Keller, damals Chefredaktor der «New York Times». Auch für die Kollegen beim britischen «Guardian», die ihm den Weg in eine breite Öffentlichkeit geebnet hatten, verspürte er Verachtung.

Spektakuläre Enthüllungen

Assange hatte Wikileaks zwar schon 2006 als Plattform gegründet, auf der Informanten anonym geheime Dokumente hochladen konnten. Doch wirklich bekannt wurde Wikileaks erst im April 2010 mit der Veröffentlichung eines Videos, das die Geschützkamera eines US-Helikopters im Irak aufgenommen hatte. Darin wurde ein Angriff gezeigt, bei dem ein Dutzend Zivilisten von US-Soldaten getötet wurde, unter ihnen zwei Reuters-Journalisten. Das Material löste international Empörung aus.

Im Juli 2010 folgte das sogenannte «Kriegstagebuch aus Afghanistan», eine Sammlung Zehntausender geheimer US-Dokumente. Ein ähnliches Konvolut über den Irak-Krieg veröffentlichte Wikileaks im Oktober 2010. Und im November 2010 eine riesige Datenbank offizieller Depeschen aus US-Botschaften in aller Welt, die unter dem Namen Cablegate bekannt wurde. All diese Dokumente waren für die USA äusserst peinlich und sorgten durch ihre gleichzeitige, kommentierte Veröffentlichung im «Spiegel», im «Guardian» und in der «New York Times» für eine hitzige globale Diskussion über die Rolle der Grossmacht.

Assange wurde weltbekannt, trat in den Medien und an Kongressen auf, erhielt Auszeichnungen und fand prominente Unterstützung. Inmitten der medialen Aufregung reiste er im August 2010 nach Schweden. Neben Terminen mit Politikern und Diskussionen mit Hackern verbrachte er mehrere Nächte mit einer Frau und eine Nacht mit einer anderen. Beide beschuldigten ihn später der Vergewaltigung. Daraufhin wurde ein internationaler Haftbefehl gegen Assange ausgestellt, gegen den er sich in London vor Gericht wehrte. Während dieses Verfahrens lebte er, gegen Kaution auf freiem Fuss, in Ellingham Hall.

In dem altehrwürdigen Haus herrschte ein «Zirkus», eine «verrückte Unprofessionalität» schreibt O’Hagan. Überall standen Laptops herum. Eine fast kindische «Spionagesprache» wurde geredet, doch niemand schien sich auch nur an einfachste Sicherheitsregeln zu halten. «Assange und seine Mitstreiter folgten einem Hacker-Stundenplan: Sie waren die ganze Nacht wach und schliefen den halben Tag ... Militärische Lügen von globalem Ausmass wurden aufgedeckt von einer Schar schläfriger Amateure, die sich um den Herd in der Küche versammelt hatten.»

Kein gefestigtes Leben

Verzweifelt versuchte O’Hagan, Assange zu einer fruchtbaren Kooperation zu bewegen: «Ich wollte ihm einen Schnellkurs in Selbstironie geben, bestand darauf, dass er nicht sich selbst zum Helden jeder Episode machte.» Vergeblich. Assange ist ein Mann, der «alle Anstandsregeln verachtet», der «isst wie ein Schwein und jedem ins Wort fällt». Assange ist, zumindest im Ansatz «mad, sad and bad» – «verrückt, traurig und böse», ein hoffnungsloser Fall.

Gründe dafür lassen sich einfach finden: Assange hat nie ein gefestigtes Leben geführt. Sein biologischer Vater liess seine Hippie-Mutter sitzen, als sie mit Julian schwanger wurde. Der Stiefvater war ein lieber Kerl, aber auch ein Alkoholiker. Die Eltern betrieben ein Wandertheater, die Familie war ständig unterwegs. Der nächste Mann der Mutter stellte sich als Mitglied einer rabiaten Sekte heraus, vor dem Julians Mutter mit ihren beiden Buben jahrelang durch Australien flüchtete, wiederholt den Wohnort wechselnd. Bis Julian als 16-Jähriger alt genug war, dem Verfolger entgegenzutreten und ihn zum Teufel zu schicken.

Zu dieser Zeit entdeckte der verstörte Jugendliche Computer. Er verbrachte die Nächte in virtuellen Cyberräumen, wurde zu einem der besten Hacker Australiens, drang in die Netzwerke des Pentagons und von Telecomfirmen ein. Bis die Behörden ihm auf die Spur kamen. Einer Haftstrafe entging er nur, weil er eine so schwierige Kindheit gehabt hatte.

Flucht in die Botschaft

Es folgte ein Studium der Mathematik und Physik in Melbourne ohne Abschluss. Und die Weiterentwicklung einer Hackerideologie, deren wichtigstes Ziel «Transparenz» war, die Aufdeckung von Geheimnissen. Eine schlüssige politische Meinung hatte Assange nie. «Er war kein Linker», schreibt O’Hagan. «Er konnte den dialektischen Materialismus nicht von einer Tüte Nüsse unterscheiden.» Letztlich, so O’Hagan, sei seine soziale Unfähigkeit Assange zum Verhängnis geworden. Nicht wegen seiner Arbeit für Wikileaks landete er vor Gericht, sondern weil er seinen Umgang mit Frauen nicht mässigte. Und nicht bereit war, sich den Konsequenzen zu stellen. Dabei will Schweden ihn nur verhören – eine Anklage gibt es bisher nicht.

Julian Assange musste Ellingham Hall Ende 2011 verlassen – Gastgeber Vaughan Smith hatte genug von ihm. Sechs Monate später, im Juni 2012, hatten die britischen Gerichte alle seine Einsprachen gegen die drohende Auslieferung nach Schweden abgewiesen. Statt sich dem Urteil zu fügen, flüchtete er in die Botschaft von Ecuador in London. Das lateinamerikanische Land, das «nicht berühmt ist für seinen Respekt der Redefreiheit», wie O’Hagan schreibt, hat Assange Asyl gewährt.

Auf der Strasse vor der Botschaft stehen Polizisten. Setzt Assange einen Fuss auf britischen Boden, wird er verhaftet. Aber man kann ihn besuchen. O’Hagan hat das mehrfach getan – irgendwie fühlt er sich dem inzwischen 42-Jährigen immer noch verbunden. Im Zürcher Helmhaus, wo die Mediengruppe Bitnik sein kleines Arbeitszimmer mit Internetanschluss nachgebaut hat, kann man sich derzeit ansehen, wie Assange seit mehr als 500 Tagen haust. Es ist alles andere als ein goldener Käfig. Der Fall in Schweden verjährt im Jahr 2020.

Erstellt: 06.03.2014, 07:18 Uhr

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Chronologie: Der Fall Julian Assange

Chronologie: Der Fall Julian Assange Nach der Veröffentlichung von über 250'000 US-Geheimdokumenten gerät Wikileaks-Gründer Julian Assange stark unter Druck. Vergewaltigungsvorwürfe machen den Australier schliesslich zum gejagten Mann.

Andrew O’Hagan

Der 45-jährige Schotte hat früher für die «London Review of Books» und den «New Yorker» geschrieben. Seine Romane sind in über einem Dutzend Sprachen erschienen.

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