Eine Hinrichtung wühlt die USA auf

Das Weisse Haus hat die verpatzte Exekution in Oklahoma kritisiert. Dennoch will die Regierung Obama eine Abkehr von der Todesstrafe nicht empfehlen. Im Volk jedoch schwindet die Unterstützung.

Die Hinrichtung per Giftspritze ist umstritten: Exekutionsraum im kalifornischen San-Quentin-Gefängnis. Foto: Eric Risberg (AP, Keystone)

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Weder auf «grausame» noch «unübliche» Weise soll der Staat Verbrecher strafen, so will es die US-Verfassung. In Oklahoma sind die Behörden diesem Anspruch nicht gerecht geworden: Am Dienstag ist der verurteilte Mörder Clayton Lockett während seiner Hinrichtung aus der Betäubung erwacht, hat gemäss Zeugen gezuckt und Grimassen geschnitten, versucht, sich auf dem Schragen aufzusetzen, und vernehmbar «Mann . . .» gestammelt. Dabei habe er sichtlich gelitten; eine anwesende Anwältin sagte später, es habe «wie Folter» ausgesehen. Schliesslich zog das Gefängnispersonal den Vorhang zum Zeugenfenster zu, und der Chef des Strafvollzugs stoppte die Hinrichtung. Lockett starb 43 Minuten nach Beginn seiner Exekution dennoch, an einem Herzinfarkt. Eine für denselben Abend vorgesehene zweite Hinrichtung wurde um 14 Tage verschoben.

Die verpatzte Hinrichtung wühlt die USA auf. Das einzige westliche Land mit Todesstrafe scheint zusehends weniger in der Lage, den Tod fachmännisch zu verabreichen. Bereits im Januar ging eine Hinrichtung in Ohio schrecklich schief; damals rang der Mörder und Vergewaltiger Dennis McGuire 15 lange Minuten mit dem Tod und schnappte nach Luft. Mit solchen Szenen haben auch ­Befürworter der Todesstrafe Mühe.

Mitschuld an der Stümperei scheint das verabreichte Gift: Weil die bewährten Präparate Thiopental und Phenobarbital knapp werden in den USA, Hersteller den Betrieb einstellen und die EU einen Einfuhrstopp verhängt hat, improvisiert der Justizvollzug bei Hinrichtungen mit neuen Cocktails. In Ohio wurde eine ungetestete Mischung aus dem Beruhigungsmittel Midazolam und dem Morphinderivat Hydromorphon verwendet, in Oklahoma eine Kombination aus Midazolam, Kaliumchlorid und dem Muskelrelaxans Vecuronium.

Die Behörden in Oklahoma behaupten zwar, an Locketts Qualen sei eine geplatzte Vene schuld, nicht das verwendete Gift. Doch Kritiker überzeugt das nicht: Schliesslich hatte das Oberste Gericht des Gliedstaats die beiden angesetzten Hinrichtungen erst untersagt, weil der Staat die Herkunft seines Gifts nicht verraten mochte. Die republikanische Gouverneurin Mary Fallin ordnete dennoch die Hinrichtung an; sie fand, das Gericht habe seine Kompetenzen überschritten. Schliesslich gaben die Richter ihren Widerstand auf.

Wegen solcher Schludrigkeiten verlieren staatliche Hinrichtungen an Rückhalt in den USA. 1994 waren noch 80 Prozent der Amerikaner für die Todesstrafe, heute sind es nur noch 60. Seit 2007 haben sechs Staaten die Todesstrafe abgeschafft, in 18 der 50 Staaten sind Hinrichtungen heute verboten. Auch die Zahl der Exekutionen ist rückläufig: Letztes Jahr starben 39, 1999 noch 98 Menschen durch den Staat. Immer mehr Amerikaner wollen ihr Land nicht mehr neben China, dem Iran und Saudiarabien in derselben finsteren Statistik sehen. Auch wächst die Angst vor Justizirrtümern; jedes Jahr werden Häftlinge aus dem Todestrakt entlassen, weil neues Beweismaterial sie entlastet. Und Sparsame denken an die Kosten: Ein zum Tod Verurteilter bleibt jahrelang auf der Death Row und kostet den Steuerzahler mehr als jeder lebenslang Inhaftierte.

Obama glaubt an Todesstrafe

Für Befürworter der Todesstrafe ist das gut investiertes Geld. Sie glauben an die abschreckende Wirkung staatlicher Tötungen und ans Recht der Bevölkerung auf «echte Gerechtigkeit», wie es Rechtsprofessor Robert Blecker nennt. In Texas oder Oklahoma nehmen Hinrichtungen seit ein paar Jahren wieder leicht zu, Sheriffs und Staatsanwälte brüsten sich mit exekutierten Häftlingen wie mit Kerben im Revolverknauf.

Die Regierung Obama gehört für einmal nicht zu den mässigenden Kräften. Zwar hat ein Sprecher des Weissen Hauses erklärt, die Exekution von Oklahoma sei nicht so «human» ausgefallen, wie dies die Grundsätze des Landes verlangten. Eine Abkehr von Hinrichtungen aber mag die Regierung Obama nicht empfehlen. Der Präsident glaubt an den Sinn der Todesstrafe: Gewisse Verbrechen seien so furchtbar, dass die Gemeinschaft «das volle Ausmass ihrer Empörung durch diese ultimative Strafe zum Ausdruck bringen» dürfe, schrieb er in seinem Buch «Audacity of Hope».

Zu solchen Verbrechen zählt auch terroristischer Massenmord: Ende Januar hat Obamas Justizminister Eric Holder die Anklagebehörde angewiesen, für den überlebenden Boston-Attentäter Dschochar Zarnajew den Tod zu fordern. Das heisst noch nicht, dass er auch hingerichtet wird: Beobachter vermuten, der Staat wolle so ein Geständnis erzwingen und später auf lebenslange Haft umschwenken. Dennoch: Die Behörden haben klargemacht, dass sie die Tötung des Täters für vertretbar halten. Dies, obwohl im Bundesstaat Massachusetts die Todesstrafe abgeschafft und die Bevölkerung laut Umfragen klar gegen die Tötung Zarnajews ist.

Die Bundesregierung kann seit 1988 wieder Hinrichtungen anstreben; drei Männer sind seither exekutiert worden, darunter Timothy McVeigh, der 1995 ein Regierungsgebäude in Oklahoma City in die Luft sprengte und dabei 168 Menschen tötete. Alle drei Hinrichtungen geschahen in einem Spezialgefängnis in Terre Haute, Indiana, via Giftinjektion. Welches Präparat für Zarnajew zum Einsatz kommen könnte und ob die Regierung dessen Herkunft bekannt geben wird, ist ungewiss.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2014, 02:15 Uhr

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