Eine Welle der Gewalt erfasst Jamaika

Eine Lotteriemafia hat sich darauf spezialisiert, Rentner aus Grossbritannien und den USA übers Ohr zu hauen. Die Regierung in Kingston hat den Notstand ausgerufen.

Ein Soldat patrouilliert mit Journalisten durch Kingston. Bild: Reuters

Ein Soldat patrouilliert mit Journalisten durch Kingston. Bild: Reuters

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Eigentlich kann keiner der Betrogenen sagen, er sei nicht gewarnt worden. Jamaikas Dancehall-Superstar Vybz Kartel rappte schon vor einem halben Jahrzehnt in seinem karibischen Ghetto­slang: «Dem call it scam, mi call it reparation» – sie nennen es Betrug, ich nenne es Wiedergutmachung. In dem Lied lobt und preist Kartel eine in Jamaika operierende Lotteriemafia, die sich darauf spezialisiert hat, ältere und gutgläubige Expats aus den USA und Grossbritannien abzuzocken. Man erfährt im Text, dass dieses sogenannte Scamming vor allem über manipulierte Geldtransfers mit Dienstleistern wie Western Union funktioniert und warum es nach Jahrhunderten der kolonialen Unterdrückung allemal gerechtfertigt sei, wenn sich die Unterdrückten ein paar ­«US-Dolla» zurückergaunerten.

Inoffizielles Video zum Song «Reparation» von Vybiz Kartel. Video: Youtube

Es geht hier aber nicht nur um die ­Relativierung einer kleinen Gemeinheit. Vybz Kartel (39), der auch als «Worl’ Boss» oder «Di Teacha» bekannt ist, wurde 2014 wegen Doppelmordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Dancefloors und Charts in Jamaika dominiert er auch noch als Gefängnisinsasse. Sein Reparationssong ist so etwas wie der Soundtrack der Saison. Die Monate Januar und Februar gelten als Hauptsaison des Jamaika-Tourismus. Aber in diesem Jahr ist davon kaum etwas zu spüren. Premier Andrew Holness hat bis Mai ei­nen Sicherheitsnotstand über den westlichen Teil der Karibikinsel verhängt. In Montego Bay, dem wichtigsten Hafen für Kreuzfahrtschiffe, wird Touristen geraten, «in ihren Resorts zu bleiben». Restaurants und Geschäfte bleiben auf Anordnung der Behörden geschlossen. Wo sonst Kreuzfahrer durch die Strassen schlendern, patrouilliert jetzt Militär.

Laut der Regierung in Kingston dient das Notstandsdekret vor allem dazu, den Ring der Lotteriebetrüger zu bekämpfen, der für den Ausbruch der jüngsten Gewaltwelle verantwortlich gemacht wird. Jamaika gehört seit Jahren zu den zehn Staaten mit der weltweit höchsten Mordrate. 2017 wurden mehr als 1600 Tötungsdelikte registriert, dabei leben auf der Insel nur knapp drei Millionen Menschen. Sie hat grundsätzlich das Pech, auf der Drogen- und Waffenhandelsroute zu liegen, die von Südamerika über Haiti in die USA führt.

Tillerson intervenierte

In den ersten drei Wochen des Jahres 2018 ist die ohnehin hohe Zahl der Gewaltverbrechen signifikant angestiegen. Das erklärt auch der jamaikanische Gewaltforscher Damion Blake von der Elon University in North Carolina mit den Machenschaften der Lotteriemafia. Nach seiner Darstellung funktioniert deren Betrugsschema so: Die meist ausländischen Opfer erhalten einen Anruf, mit dem ihnen ein Lottogewinn verkündet wird. Um den Preis zu erhalten, sei lediglich eine kleine Bearbeitungsgebühr fällig, zahlbar über Western Union oder Moneygram. Wer da einmal anbeisst, und das tun offenbar vor allem wohlhabende US-amerikanische Rentnerinnen und Rentner erstaunlich oft, muss immer mehr zahlen. Laut Blake sind 750 bis 2500 Dollar pro Woche nicht unüblich.

Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, würden die Anrufer mithilfe von Google Earth oft die Häuser der Opfer beschreiben und behaupten, direkt vor der Tür zu stehen. An die Adressen und Telefonnummern gelangen die Verbrecher offenbar über Hotels, Callcenter, Airlines, Geldtransferunternehmen und Lieferservicefirmen. Es handle sich um ein Multi-Millionen-Dollargeschäft, so Blake, das Bandenkriege, Korruption und Waffenschmuggel auf der Insel anheize. Gemordet wird nicht für Kokainlieferungen, sondern für die lukrativen Adresslisten.

Das Problem ist so gravierend, dass US-Aussenminister Rex Tillerson auf seiner Lateinamerika-Reise in Jamaika Station machte, um Premier Holness dazu aufzufordern, Lotteriebetrüger an die USA auszuliefern. Die gleiche Forderung erhebt Washington bei kolumbianischen und mexikanischen Drogenbossen. Und wenn man die Parallele ein bisschen weiterspinnt, dann muss man wohl prophezeien, dass auch dieses Millionengeschäft weder mit Militäreinsätzen noch mit Auslieferungen kaputt zu kriegen ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 20:39 Uhr

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