Hintergrund

Eines der letzten Abenteuer unserer Zeit: Internet auf Kuba

Die kubanischen Behörden behindern den Zugang zum Internet, wo sie nur können. Dafür entwerfen sie Alternativen zu Facebook und Wikipedia. Und auf Twitter verlor Raúl Castros Tochter kürzlich die Nerven.

Schlagabtausch auf Twitter: Präsidententochter Mariela Castro (links) und Bloggerin Yoani Sánchez.

Schlagabtausch auf Twitter: Präsidententochter Mariela Castro (links) und Bloggerin Yoani Sánchez. Bild: Reuters

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Eigentlich zeigt sich die kubanische Regierung unter Raúl Castro ja überraschend reformfreudig. Neuerdings dürfen Kubaner Autos und Wohnungen kaufen, ohne den Staat um Erlaubnis zu bitten. Sie dürfen Handys besitzen, und es wird sogar spekuliert, dass sie irgendwann in naher Zukunft ungehindert ins Ausland reisen können.

Von der Globalisierung und Demokratisierung der Information hingegen will das Regime nichts wissen, oder so wenig wie möglich. Dies erklärt sein vermurkstes Verhältnis zum Internet. Es einfach zu verbieten, das wäre dann doch zu radikal und weltfremd, aber die Bevölkerung ungeschützt der globalen Daten-, Bilder- und Nachrichtenflut auszusetzen, halten die kubanischen Revolutionäre offensichtlich für zu gefährlich.

Quälend langsame und unerschwingliche Verbindungen

Deshalb verfolgen sie eine mehrfache Abwehrstrategie: Zugang zum Internet haben vor allem staatliche Stellen, insbesondere im Kultur-, Forschungs- und Bildungsbereich. Ausländer und kubanische Privatpersonen brauchen eine offizielle Bewilligung. Sie wird – wenn überhaupt – erst erteilt, wenn der Staat durch eine langwierige Überprüfung festgestellt hat, dass es sich beim künftigen Surfer nicht um einen konterrevolutionären Imperialisten handelt. Zudem sind mehrere Internet-Seiten gesperrt.

In Internet-Cafés und Hotels ist die Verbindung von quälender Langsamkeit und kostet zwischen 8 und 12 Dollar pro Stunde – angesichts des kubanischen Durchschnittslohns von monatlich 20 Dollar ein teures Vergnügen. Laut der Organisation Reporter ohne Grenzen ist das Internet auf Kuba kontrolliert und abgeschottet wie sonst nur in China, Nordkorea und dem Iran.

Schamlos geklautes Layout der Facebook-Homepage

Daneben versuchen die kubanischen Funktionäre, den verderblichen Internetseiten aus dem Ausland ihren Reiz zu nehmen, indem sie eigene erschaffen. So gibt es seit Anfang Dezember ein kubanisches Facebook, zu dem man allerdings nur übers Intranet von Universitäten Zugriff hat. Das Layout der Homepage dürfte dem Begründer des echten Facebook, Mark Zuckerberg, wenig Freude bereiten, ist es doch schamlos geklaut. Und dann behaupten die Kubaner auch noch, die Idee stamme von ihrem Ministerium für höhere Bildung, genauer: Vom Höheren Institut für Metallurgie der Gemeinde Moa. Offiziellen Angaben zufolge hat das kubanische Facebook bereits 6800 Mitglieder.

Schon ein Jahr alt ist die kubanische Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Sie heisst Ecured (www.ecured.cu) und ist im Unterschied zum kubanischen Facebook allgemein zugänglich. Ihr Ziel bestehe darin, Internet-Inhalte «mit einem antikolonialen Fokus zu erschaffen und zu sozialisieren». Bisher enthält Ecured immerhin 76'493 Artikel, aber wer zum Beispiel den Eintrag über die Schweiz liest, stellt enttäuscht fest, dass er mit jenem aus Wikipedia identisch ist. Die USA hingegen geisselt Ecured eigenständig als «Imperium unserer Epoche».

Schlagabtausch auf Twitter

Für Mariela Castro, die Tochter des Staatspräsidenten Raúl Castro, dürfte es kein Problem gewesen sein, einen Internetzugang zu erhalten – und auch keins, ein Twitter-Konto zu eröffnen, wie sie es kürzlich getan hat. Die 49-jährige Pädagogin und Psychologin hat sich grosse Verdienste erworben, indem sie sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt. Ihr ist es hauptsächlich zu verdanken, dass Kuba in dieser Hinsicht das fortschrittlichste Land Lateinamerikas ist. Dank Twitter kam es vor kurzem zu einem Schlagabtausch, wie er vor dem Internet-Zeitalter undenkbar gewesen wäre. Eine der ersten, die Mariela Castro über das soziale Netzwerk kontaktierten, war nämlich die oppositionelle Bloggerin Yoani Sánchez. Sie schrieb: «Ich habe gehört, Mariela Castro habe ein Twitter-Konto eröffnet. Willkommen in der Twitter-Pluralität. Hier kann mir niemand den Mund verbieten, eine Reise verweigern oder den Zutritt verwehren.» Seit sie ihren Blog «Generation Y» schreibt, ist Sánchez mit internationalen Preisen überhäuft worden, konnte jedoch keinen von ihnen persönlich abholen, weil ihr die Behörden beharrlich die Ausreise verweigern. Ihr Blog war auf Kuba drei Jahre lang gesperrt, ehe er im vergangenen Februar wieder freigeschaltet wurde. Das US-Politmagazin «Foreign Policy» hat Sánchez 2008 zu den zehn einflussreichsten lateinamerikanischen Intellektuellen und dieses Jahr sogar zu den hundert wichtigsten Menschen der Welt gezählt.

Die Toleranz der Präsidententochter

In einem weiteren Tweet von Sánchez heisst es: «Eine Frage an Mariela: Muss Toleranz umfassend sein oder nicht?» Mariela Castro blieb die Antwort zunächst schuldig, während Sánchez weiter twitterte: «Die Paradoxie von Twitter: Winzlinge können von jenen Rechenschaft fordern, die normalerweise unerreichbar sind.» Eine halbe Stunde später schlug die Tochter des Staatschefs in einer eher rätselhaften Botschaft zurück. Sie schrieb: «Deine Auffassung von Toleranz widerspiegelt die alten Mechanismen der Macht. Um deine ‹Dienste› zu verbessern, musst du noch viel lernen.»

Das Scharmützel zwischen den beiden wurde von zahllosen Twitterern weiterverbreitet, und viele von ihnen wandten sich nun ebenfalls an die Diktatorentochter. Da war es mit deren Toleranz auch schon zu Ende. Sie schrieb: «Widerliche Schmarotzer, habt ihr von euren Auftraggebern den Befehl bekommen, mir alle unisono und nach demselben Muster zu antworten?» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.12.2011, 14:53 Uhr

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