Er darf sagen, was er denkt

Der prominente Republikaner John Boehner attackiert Präsident Donald Trump.

Ist froh, Washington und dem Chaos, das Trump dort veranstaltet, entkommen zu sein: John Boehner. Foto: Gary Cameron (Reuters)

Ist froh, Washington und dem Chaos, das Trump dort veranstaltet, entkommen zu sein: John Boehner. Foto: Gary Cameron (Reuters)

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John Boehner ist ein Freund von Donald Trump. Sie sind beide Republikaner, kennen sich seit 15 Jahren und spielen miteinander Golf. Nichts deutet darauf hin, dass Boehner offene Rechnungen mit Trump zu begleichen hätte. Eher ist es so: Boehner hat seine Zeit als aktiver Politiker hinter sich, er will nichts von Trump, und er schuldet Trump nichts. Das macht ihn zu einem der wenigen Republikaner, die es sich leisten können, die Dinge beim Namen zu nennen. Und das hat Boehner vor einigen Tagen getan. Man müsse den neuen US-Präsidenten dafür loben, dass er den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat verstärkt habe, sagte Boehner bei einer Konferenz. «Alles andere, das er gemacht hat, war ein vollkommenes Desaster.»

Die Demokraten in Washington hat dieses Urteil gefreut. Sie vergassen darüber jene Zeiten, in denen nicht Trump, sondern John Boehner einer ihrer Lieblingsfeinde war. Das ist noch nicht so lange her: Boehner war von 1991 bis 2015 Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus, und immer wenn in dieser Zeit ein Demokrat Präsident war, half er im Parlament mit, den Widerstand zu organisieren. Boehner kletterte in jenen Jahren in der Fraktionshierarchie stetig nach oben, in den letzten vier Jahren war er Speaker of the House, also der ranghöchste Republikaner im Land.

Einer aus dem «Establishment»

Boehner gab sich damals alle Mühe, die Agenda des demokratischen Präsidenten Barack Obama zu blockieren – ohne freilich das Land zu ruinieren. Doch in den Augen der Tea-Party-Eiferer in der eigenen Fraktion war er immer noch zu nachgiebig. Boehner ist zwar ein sehr konservativer, aber eben kein fanatischer Republikaner. Er trinkt lieber Rotwein als Bier, raucht gern gute Zigarren und spielt Golf. Für die harten Rechten in der Partei war er deswegen nie mehr als ein lauer Countryclub-Republikaner, einer aus dem verhassten «Establishment», der mit dem Feind paktierte. Sie quälten und nervten ihn so sehr, dass er 2015 Amt und Mandat hinwarf.

Boehner fiel weich. Er heuerte bei einer grossen Lobbyfirma an, zudem sitzt er – als einer der wenigen bekennenden Raucher, die es in Amerika noch gibt – im Verwaltungsrat eines Tabakkonzerns. Das dürfte ihm Einkünfte im siebenstelligen Bereich einbringen. Die Zeiten, als er mit elf Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen in Ohio aufwuchs und in der Kneipe seines Vaters arbeitete, sind lange vorbei.

Für die Zukunft hat John Boehner keine politischen Pläne mehr. Er ist offensichtlich froh, Washington und dem Chaos, das Trump dort veranstaltet, entkommen zu sein: «Ich wache morgens auf, trinke meinen Kaffee und sage: Halleluja, halleluja, halleluja», sagte er. Das hat wohl mit der Höhe seines heutigen Gehalts zu tun. Vielleicht aber auch damit, dass er jetzt sagen kann, was er denkt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2017, 21:02 Uhr

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