«Es ist genug, genug, genug»

Essensvorräte, Kleider, Decken und sogar eine Küche samt Kochmannschaft – die Wall-Street-Demonstranten wollen noch lange mitten in New Yorks Finanzdistrikt ausharren.

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«Sogar Gott hasst die Wall Street.» Chuck Berkeley hält das Plakat mit beiden Armen gestreckt in die Höhe, scheinbar pausenlos. Die Wut verleiht ihm Kraft. «Die Gier der Wall-Street-Banker hat das Land zu Fall gebracht», sagt er, «ihre Kriminalität ist offensichtlich, doch die Politiker sind ihnen hörig.» Berkeleys Stimme ist laut, doch sein Blick ist merkwürdig trüb. Er habe ein Glaukom und sehe fast nichts mehr, erklärt er. Berkeley ist krank, arbeitslos, obdachlos. Er kann sich keine Augenoperation leisten, und der Staat schenke ihm nicht einmal eine Brille mit der aktuellsten Sehstärke, denn darauf habe er nur alle fünf Jahre Anspruch.

Ganz so schlimm wie Chuck Berkeley sind die wenigsten dran, die hier seit dem 17. September auf einem Platz mitten in Manhattans Finanzdistrikt campieren und demonstrieren. Aber wütend sind sie alle. Auf die soziale Ungerechtigkeit, die wachsende Armut, die hohe Arbeitslosigkeit; darauf, dass manche Kinder nicht genug zu essen haben und mit ihrer Familie in Notunterkünften, Zelten oder Autos leben müssen; darauf, dass ein Prozent der Amerikaner rund 25 Prozent des landesweiten Gesamteinkommens verdient und 40 Prozent des Einkommens besitzt; darauf, dass eine gute Schulausbildung der Kinder sogar für Normalverdienende ruinös bis unerschwinglich ist.

Gegen die soziale Ungerechtigkeit

Die 40-jährige Sonya Zink ist eigens von Wisconsin nach New York gereist, um sich der Protestbewegung anzuschliessen. Es sei das erste Mal in ihrem Leben, dass sie so etwas tue. Sie habe zwei Kinder, das sei Verpflichtung genug. Warum protestiert sie gerade jetzt? «Es ist Zeit», sagt sie, «es ist genug, genug, genug.» Es sei unglaublich, in den USA müssten immer mehr Kinder Hunger leiden, während andere auf 20 Milliarden Dollar sässen. «Über die Hälfte meiner Nachbarn müssen zu einer ‹Food Bank› um ihre Kinder ernähren zu können», sagt Sonya Zink. In Kalifornien sei es noch schlimmer, da müssten die Erwachsenen jedes einzelne Kind mitbringen, um zu beweisen, dass sie dieses Essen brauchen. «Und das Budget für diese Notleidenden wurde nun um 30 Prozent gekürzt!»

Wie einige Hundert andere, ist Sonya Zink gekommen um zu bleiben. Sie sitzt am Boden auf ihrem Schlafsack, isst ein Stück Pizza, das sie zuvor in der «Küche» geholt hatte, rückt etwas zur Seite und sagt: «Willkommen in meiner Stube.» Die Demonstranten haben es sich richtig gemütlich gemacht hier im Zuccotti Park. Zahllose Spender haben Kartons voller Äpfel, Dosennahrung, Bonbons, Salzstengel, Instant-Haferbrei sowie Berge von Mützen, Pullovern, Jacken, Decken, Hygienartikel und Medikamente hergekarrt – jeder kann sich bedienen. Auf einem Tisch steht: «Abendessen um 19 Uhr», dahinter bereiten ein paar Helfer in einer improvisierten Küche Essen zu. Es gibt sogar eine kleine Bibliothek und ein Medienzentrum – ein Tisch mit Laptops, angetrieben von einem Generator. «Hier herrscht nicht nur Verzweiflung; Spass und Freude sind auch wichtig, um diese Aktion aufrecht zu erhalten», sagt Bill Dobbs, der sich als Pressesprecher dieser Aktion «Occupy Wall Street» (Besetzt die Wall Street) etabliert hat.

Prominente Unterstützung für die Demonstranten

Doch wenige Meter weiter hat die Gemütlichkeit ein Ende. Ein Polizeiauto steht neben dem anderen, ein Polizist neben dem nächsten, am Himmel rattert ein Hubschrauber. Jedes Telefonat, jedes SMS, werde abgehört, heisst es. Auf dem Platz werden die Demonstranten in Ruhe gelassen, doch bei ihren diversen Protestzügen durch die Stadt wurden in den vergangenen Tagen Hunderte verhaftet oder gar geschlagen. Sonya Zink ist heiser. Ein Polizist habe mit einer Gummischrot-Pistole auf sie gezielt, da habe sie ihn angebrüllt. Er habe ihr darauf gedroht, sie in eine geschlossene Anstalt stecken zu lassen und mit Zwangsmedikationen ruhigzustellen.

Die Hunderten von Verhaftungen haben den Demonstranten immerhin die Sympathie der breiten Bevölkerung und weltweite Publizität gebracht. Zahlreiche Prominente, etwa Starregisseur Michael Moore, die Schauspieler Susan Sarandon und Tim Robbins sowie Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz statteten den Protestierenden einen Besuch ab, um so ihre Sympathie für deren Anliegen zu bekunfen.

«Das ist ein historischer Moment, die Amerikaner haben schon sehr lange nicht mehr im grossen Stil öffentlich gegen etwas demonstriert», sagt Helon Roop, Skateboard-Designer, 23 Jahre alt. Ein grosser Teil der Protestierer ist ähnlich jung wie er, doch es hat auch erstaunlich viele Erwachsene und alte Menschen, die sich zu ihnen gesellt haben. Eine ältere Frau sitzt auf einem Stuhl, neben sich ein Schild: «Stricken für Besetzt die Wall Street». «Grossmütter gegen Wall Street» steht auf dem T-Shirt einer anderen Frau.

Andere US-Grossstädte schliessen sich an

Alle haben sie genug von der Misere, in der Amerika steckt. Nur auf gemeinsame, konkrete Forderungen hat sich die höchst heterogene Gruppe noch nicht einigen können. So manche Aktivisten nutzen die Bewegung für ihre ureigenen Anliegen. Umweltschützer und AKW-Gegner haben sich dazugesellt. Gegen die Überfischung der Ozeane wird aufgerufen, für ein gerechteres Steuersystem, gegen die Todesstrafe, für eine bessere Bildung. Das ganze Übel dieser Welt wird hier zusammengefasst und lamentiert. Ein Sprechchor – weil Megafone verboten sind – ruft: «Die Welt steht Kopf – und wir tun so, als ob es kein Ende gebe.» Es gehe nicht um eine konkrete Liste gemeinsamer Rezepte, es gehe vor allem um den gemeinsamen Protest gegen all die Ungerechtigkeiten, sagt Sprecher Bill Dobbs, «es braucht noch viel mehr Leute, um etwas ändern zu können.» Diese wütenden Leute mehren sich. Mittlerweile wird auch in Boston, Chicago, San Francisco und vor allem in Los Angeles protestiert. Und Chuck Berkeley hält weiter tapfer sein Plakat in die Höhe.

Erstellt: 07.10.2011, 19:33 Uhr

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