Interview

«Es wäre eine Kriegserklärung des Iran an Saudiarabien»

Kaum vorzustellen, was die Ermordung eines saudischen Botschafters in Washington durch iranische Kräfte für politische Konsequenzen hätte, sagt USA-Experte Heinz Gärtner.

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Herr Gärtner, in Washington sollte der saudische Botschafter von der iranischen Al-Kuds-Miliz ermordet werden. Das tönt abenteuerlich.
In Washington sprach man von Plänen. Es ist ja überhaupt nicht sicher, ob eine solche Aktion überhaupt durchgeführt worden wäre. Ja, ich halte es zu diesem Zeitpunkt sogar für äusserst unwahrscheinlich.

Warum?
Man muss sich einmal vor Augen führen, was das hiesse. Es wäre nichts weniger als eine Kriegserklärung des Iran an die Adresse von Saudiarabien und eine Katastrophe für die Region des Nahen und Mittleren Ostens. Möglich, dass man sich bei den Al-Kuds-Milizen über eine solche Aktion Gedanken gemacht hat. Ob es mehr als das war, daran muss gezweifelt werden.

Haben die Amerikaner das Thema aufgebauscht?
Justizminister Eric Holder hat sich bei der öffentlichen Stellungnahme sehr offensiv verhalten. Ich halte die Art und Weise dieser Information für unverhältnismässig.

Geht es hierbei schon um den Wahlkampf in den USA? Nein, dafür ist es noch zu früh.

Sehen Sie einen politischen Hintergrund?
Wie wir bereits letztes Jahr aus Wikileaks-Enthüllungen erfahren haben, sind die Saudis über das iranische Atomprogramm derart besorgt, dass sie die USA angeblich schon mehrfach zu einem Militärschlag gegen den Iran aufgefordert haben. Was wir jetzt sehen, ist eine Art öffentlicher Bekundung Washingtons zum Bündnispartner Saudiarabien.

Wie meinen Sie das?
Die USA haben heute klargemacht, dass sie solches nicht tatenlos hinnehmen würden. Es wäre mit einer starken Reaktion vonseiten der USA zu rechnen.

Angriffe auf den Iran?
Zumindest ein heftiges Säbelrasseln. Ob es zu Angriffen käme, bezweifle ich.

Haben Saudiarabien und der Iran ein grösseres Problem miteinander, das nun in den USA mit diesem Zwischenfall manifester wird?
Es geht sicher um die Vorherrschaft in der Region. Die Saudis sehen es nicht gerne, wie ihnen das Regime in Teheran den Rang abläuft.

Und so binden die Saudis ihren amerikanischen Bündnispartner enger an sich.
Dieser Schuss vor den Bug der Iraner zeigt, wie die Interessen der USA in der Region sind. Vielleicht wird dieses Mordkomplott von Washington aber auch nur vordergründig benützt, um sich klar hinter Saudiarabien zu stellen.

Warum sollten die USA das tun?
Ich halte es für möglich, dass die USA Informationen über – von Iran angefeuerte – aufständische Kräfte in Saudiarabien haben. Für diesen Fall würde Washington jetzt ein klares Zeichen setzen. Ich rede hier nicht von Verschwörungen.

Indem sich Washington hinter Saudiarabien stellt, haben die USA nicht ein Problem?
Klar bringt diese Haltung die Administration von Präsident Barack Obama in Notstand. Man unterstützt den arabischen Frühling, respektive deren Anführer. In Saudiarabien macht man eine Ausnahme. Offenbar gehen die USA davon aus, dass auf der arabischen Halbinsel nur Saudiarabien für Stabilität garantieren kann und gehen deshalb diesen Kompromiss ein.

Erstellt: 12.10.2011, 15:39 Uhr

Heinz Gärtner ist Sicherheitsexperte am Österreichischen Institut für Internationale Politik in Wien.

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