Interview

«Es wird eine unglaubliche Unterstützungswelle geben»

Die Trauer um Hugo Chávez wird wie ein Stromstoss für die Regierung wirken, sagt Lateinamerika-Korrespondent Sandro Benini gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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Wen verliert Venezuela mit Hugo Chávez?
Das Land verliert einen charismatischen Mann, der eine echte Verbundenheit mit dem Volk zeigte und der gegen die Armut kämpfte. Venezuela verliert aber auch einen Typ, der je länger desto autoritärer, selbstgefälliger und irrationaler wurde. Und der nicht mehr weg wollte von der Macht. Chávez hätte nochmals kandidiert wenn er nochmals hätte kandidieren können.

Weshalb hing die Bevölkerung so sehr an Chávez?
Neben seinem Charisma war es der Kampf gegen die Armut, der ihm die Liebe seines Volkes einbrachte. Die Dankbarkeit der Unterschicht kommt durch die Sozialprogramme, die Chávez aufgleiste. Er setzte das Geld aus dem Erdölboom für Gratisschulen und Gratiswohnungen ein. Die Situation vieler verbesserte sich dadurch. Doch mit dem vielen Geld, das das Öl einbrachte, müsste das Land heute wirtschaftlich viel besser dastehen. Es ist auch nicht so, dass ihn alle lieben. Das Land ist gespalten.

Was geschieht nun mit Vizepräsident Nicolás Maduro?
Es wird im Land nun erst mal eine unglaubliche Mitleids- und Unterstützungswelle geben. Das wirkt wie ein Stromstoss für die Regierung. Die Regierung muss Neuwahlen ausrufen, welche Maduro mit grösster Wahrscheinlichkeit gewinnen wird – nicht aus einer eigenen Leistung heraus, sondern durch einen Sympathietransfer für Maduro als potenziellen Nachfolger von Chávez. Diesen Energieschub kann er positiv nutzen. Es ist deshalb voraussehbar, dass er die Wahl gewinnt.

Könnte nicht auch die Opposition erstarken?
Maduro hat weniger Charisma wie Chávez, er ist kein so guter Wahlkämpfer. Die ganzen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Inflation, ständig Stromausfälle etc: Einige haben das bislang vielleicht hingenommen und sich gesagt, dafür haben wir den heiligen Hugo. Ob die dann bereit sind, das auch bei einem Maduro so hinzunehmen, ist tatsächlich fraglich. Doch dieser Effekt wird nicht innerhalb eines Monates eintreten, sondern vielleicht innerhalb eines halben Jahres.

Die letzten Meldungen aus Venezuela irritierten. Maduro warf «Feinden» vor, für die Krankheit von Chávez verantwortlich zu sein. Ausserdem ordnete die Regierung die Ausweisung von zwei US-Diplomaten an.
Das war noch nicht alles. Vor einer Woche schon hat die Regierung den Oppositionellen Leopoldo López wegen einer Geschichte, die schon mehr als zehn Jahre her ist, verklagt. Man hatte wirklich das Gefühl, das ziehen sie jetzt nochmals aus der Schublade raus. Zudem haben sie nach der Miami-Reise von Henrique Capriles behauptet, der Oppositionsführer treffe sich mit Mafiosi. Es sei eine Verschwörung in Gang. Alle diese Zeichen lassen darauf schliessen, dass die Regierung einen Konfrontationskurs fährt – zur Einschüchterung der Opposition.

Was bedeutet es für die USA, dass die Diplomaten ausgewiesen wurden?
Die USA ist der wichtigste Abnehmer von venezolanischem Erdöl. Einen wirklichen Oppositionskurs kann Venezuela sich gar nicht leisten. Das Vorgehen Venezuelas ist ein Versuch, in einer Notsituation den Feind, den Chávez immer schon an die Wand malte, noch deutlicher darzustellen, um ein Wir-Gefühl zu provozieren. Dass es mit den USA zu einem Bruch kommt, wäre vermessen zu spekulieren.

Wie gefährlich ist die Situation fürs Land?
Die Anzeichen sind besorgniserregend. Ich habe das noch bei keinem anderen Politiker in Südamerika erlebt, wie Chávez vergöttert wird. Wenn jetzt die Regierung anfängt zu sagen, die Opposition ist schuld, dann spielen sie mit dem Feuer.

Was heisst das konkret?
Das müssen wir sehen, was in den nächsten Stunden und Tagen geschieht.

Erstellt: 06.03.2013, 01:31 Uhr

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