Evo Morales steht vor einem Wahltriumph

Boliviens Präsident ist beim Volk äusserst beliebt. Die Opposition befürchtet, er wolle sich an der Macht verewigen.

Evo Morales beehrt die Abschlusskundgebung seines Präsidentschaftswahlkampfes. Foto: David Mercado/Reuters

Evo Morales beehrt die Abschlusskundgebung seines Präsidentschaftswahlkampfes. Foto: David Mercado/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Es ist ganz einfach, Wahlen zu gewinnen», sagte Evo Morales kürzlich in einem Interview mit der spanischen Zeitung «El País». In seinem Fall trifft die Behauptung zu: Es gibt keinen Zweifel, dass der 55-jährige ehemalige Gewerkschaftsführer vom Stamm der Aymara am Sonntag wiedergewählt wird. Jüngsten Um­fragen zufolge hat er 59 Prozent der Stimmberechtigten hinter sich, während der konservative Zementunternehmer Samuel Doria 13 und Ex-Regierungschef Jorge Quiroga 8 Prozent erreichen. Morales gehört der Partei Bewegung zum Sozialismus (MAS) an und regiert seit 2006.

Für die hohe Popularität des bolivia­nischen Präsidenten gibt es zwei Hauptgründe: Die boomende Wirtschaft sowie die Tatsache, dass die Eingeborenen während seiner Regierungszeit mehr Rechte erhalten haben. Laut Internationalem Währungsfonds ist Bolivien 2014 das südamerikanische Land mit den ­ersten Wachstumsprognosen; seit Mo­rales’ Amtsantritt ist die Volkswirtschaft im Durchschnitt jährlich um 5 Prozent gewachsen, vor allem dank hoher Rohstoffpreise auf den Weltmärkten. Bolivien ist eines der erdgasreichsten Länder der Welt. Eine der ersten Amtshand­lungen des Präsidenten bestand 2006 darin, die Erdöl- und Erdgasindustrie zu nationa­lisieren und die Abgaben für auslän­dische Konzerne massiv anzuheben. War der Entscheid damals umstritten, steht heute auch die Opposition dahinter.

Mit den zusätzlichen Einnahmen vergrösserte Bolivens Regierung den Staatsapparat, schuf aber auch Sozialprogramme, die viel zu Morales’ Popularität beitragen und den Binnenkonsum an­kurbeln. Hinzu kommen Investitionen in die Infrastruktur. Einen nationalen Schulterschluss bewirkten die Bemühungen des Präsidenten, das Nachbarland Chile zur Übergabe eines Küstenstreifens zu be­wegen. Dadurch soll Bolivien einen ­Zugang zum Pazifik erhalten.

Anders als seine venezolanischen Gesinnungsgenossen Hugo Chávez und Nicolás Maduro ist es Morales gelungen, Haushaltsdefizit und Verschuldung unter Kontrolle zu halten; Ersteres beträgt weniger als 1 Prozent. Ausserdem gehören Boliviens Devisenreserven gemessen am Bruttoinlandprodukt zu den höchsten weltweit.

2009 stimmte eine Mehrheit des Volkes einer Verfassungsreform zu, welche die Rechte der Eingeborenen stärkte und sämtliche indigenen Idiome zu Amtssprachen erhob. Kritiker und internationale Menschenrechtsorganisationen bemängeln zwar, dass unter Morales Formen sogenannt indigener, auf kollektiv getroffenen Entscheidungen basierender Justiz für rechtens erklärt wurden. Insgesamt hat sich jedoch die soziale Mobilität für die Eingeborenen deutlich verbessert.

Die Kehrseite von Morales’ Regierung ist laut Kritikern ein zunehmender Hang zu Autoritarismus, Einschränkung der Pressefreiheit und Einschüchterung des politischen Gegners. Die Opposition befürchtet, der Präsident werde nach dem Wahlsieg die Verfassung ändern, um unbegrenzt wiederkandideren zu können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2014, 21:32 Uhr

Artikel zum Thema

Bolivien erlaubt Kinderarbeit bereits ab zehn Jahren

Bislang lag in Bolivien das offizielle Mindestalter für Kinderarbeit bei 14. Eine vom Parlament gebilligte Regelung geht nun noch einen Schritt weiter. Die Zustimmung von Präsident Evo Morales ist so gut wie sicher. Mehr...

Bolivien empfängt Morales wie einen Helden

Gerüchte über eine Mitreise Edward Snowdens, gesperrte Lufträume: Nach Evo Morales unterbrochenen Heimreise ist Boliviens Präsident in La Paz gelandet – und wurde von jubelnden Menschen empfangen. Mehr...

Hohe Bilder

Evo Morales.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Burn, baby, burn: An der «Nit de la Cremà» im südspanischen Alicante brennen zu Ehren des Heiligen Johannes rund 180 riesige Holzfiguren. (24. Juni 2019)
(Bild: Manuel Lorenzo/EPA) Mehr...