Der grösste Exodus, den Lateinamerika je gesehen hat

Venezuela könnte eine der reichsten Nationen der Erde sein, stattdessen fliehen unter Machthaber Maduro fast so viele Menschen wie aus Syrien.

Tausende Venezolaner verlassen täglich ihre Heimat. Seit der Weg über die Simón-Bolívar-Brücke blockiert ist, suchen sie andere Wege ins Ausland. Foto: Luis Robayo (AFP)

Tausende Venezolaner verlassen täglich ihre Heimat. Seit der Weg über die Simón-Bolívar-Brücke blockiert ist, suchen sie andere Wege ins Ausland. Foto: Luis Robayo (AFP)

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Ronald Reyes erinnert sich, wie er, nach all den Monaten des Hungers und der Sorgen, endlich Venezuela hinter sich gelassen hatte, dieses Land, in dem er nach Jahren der Wirtschaftskrise und der Hyperinflation keine Perspektive mehr sah, so wie so viele andere auch. Was er damals noch nicht wusste: Das Schlimmste stand ihm noch bevor.

Ein halbes Jahr später, nach einem Tausende Kilometer langen Irrweg auf der Flucht, steht er ganze elf Kilometer westlich der Simón-Bolívar-Brücke, in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta. Und er hat alles verloren: sein Zuhause, seinen Job, und jetzt auch seine Gesundheit. Ronald Reyes ist 24 Jahre alt, aber manchmal steht er da und fragt sich, wie viel Zeit ihm noch zum Leben bleibt.

Mehr als 3,7 Millionen Menschen – ein Neuntel der Bevölkerung – haben Venezuela inzwischen verlassen. Experten rechnen damit, dass es bis Jahresende mehr als 5 Millionen werden. Das käme heran an die Zahl derer, die aus dem Bürgerkriegsland Syrien geflohen sind. Es ist der grösste Exodus, den Lateinamerika je gesehen hat.

Im Sommer 2018 kostet eine Packung Kondome in Venezuela so viel wie das monatliche Gehalt eines Oberarztes.

Ronald Reyes war auf der Flucht, und jetzt ist er gestrandet. Gestrandet im Haus der Hilfsorganisation Censurados in Cúcuta, die sich um Menschen wie ihn kümmert. Um Menschen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat und die trotzdem ihre Hoffnung nicht aufgeben wollen.

Als er 16 Jahre alt war, erzählte Reyes seinen Eltern, dass er Männer liebt. Der Vater wollte das nicht akzeptieren, er schlägt Reyes, bis er es nicht mehr aushält und abhaut. Er schläft mal bei Freunden, mal bei der Tante, daheim in Valencia im venezolanischen Bundesstaat Carabobo. Er findet einen Job in einer Konditorei, und er geniesst das Leben. «Una vida loca», wie er sagt, das verrückte Leben, von dem er lange geträumt hatte. Er lacht, wenn er davon erzählt, er war glücklich. Reyes verbringt die Wochenenden in der Schwulendisco Chillout, und er macht sich keine Gedanken, als die Kondome irgendwann zu teuer werden. Im Sommer 2018 kostet eine Packung in Venezuela etwa fünf Millionen Bolívares, das entspricht damals in etwa dem monatlichen Gehalt eines Oberarztes. In der Konditorei verdient Reyes deutlich weniger. Doch er führt sein verrücktes Leben weiter, die Abende in der Disco, die Männer.

Im vergangenen Spätsommer dann sagt ihm sein Chef, dass er keine Arbeit mehr für ihn habe. Die Konditorei muss schliessen, weil in der Krise die Kunden wegbleiben. Und so beschliesst Reyes, sich auf den Weg zu machen, erst nach Kolumbien, dann immer weiter nach Süden, zu einem Freund, nach Argentinien. Dort aber sollte er nie ankommen.

Und dann kam der Fieberanfall

Kurz hinter der venezolanisch-kolumbianischen Grenze geht ihm das Geld aus, erzählt er. Da er sich keinen Bus mehr leisten kann, geht er von nun an zu Fuss. Helfer sagen, dass man an den Flüchtlingen erkennen kann, wie schlimm es in Venezuela inzwischen ist. Dass man an ihnen ablesen kann, wie sich die Krise über die Jahre zuspitzte. Erst seien die Wohlhabenden gekommen, erzählen die Helfer, sie nahmen den Flieger. Dann die Mittelschicht, die meist im Reisebus kam. Inzwischen kommen die Armen, die zu Fuss unterwegs sind.

Reyes kam nach Bogotá, lief immer weiter nach Süden, irgendwann passierte er die Grenze nach Ecuador. Und dann kam der Anfall. Er hat plötzlich hohes Fieber und Durchfall, und er merkt, dass er an Gewicht verliert. Er geht in ein Krankenhaus, so erzählt er es. Doch die Ärzte sagen ihm, sie könnten ihn nicht behandeln, wenn er nicht bezahlen könne. In seiner Verzweiflung kehrt er um, kämpft sich zurück nach Kolumbien, bekommt dort neue Fieberanfälle – und erhält schliesslich im Krankenhaus die Diagnose: Er ist HIV-positiv.

Er findet Unterstützung bei der Organisation Censurados. Sie kümmert sich um ihn und andere HIV-Positive, ausgerechnet in Cúcuta, dem Grenzort. Er ist also wieder ganz nah an Venezuela, das er eigentlich für immer hinter sich lassen wollte. In Cúcuta bekommt Reyes Medikamente, es gehe ihm damit «wunderbar», sagt er. Wenn er wieder vollends bei Kräften ist, will er wieder losziehen nach Süden, nach Argentinien.

Venezolanische Polizisten lassen nur noch «humanitäre Fälle» passieren, also vor allem Alte, Kranke und Eltern mit kleinen Kindern.

Als Reyes über die Simón-Bolívar-Brücke nach Kolumbien ging, damals im September, war es noch vergleichsweise einfach. Damals durften die Venezolaner über die Brücke laufen, wenn sie Papiere dabeihatten.

Inzwischen aber hat Venezuelas autokratischer Herrscher Nicolás Maduro beschlossen, seinem Volk die Flucht zu erschweren. Auf der Simón-Bolívar-Brücke stehen jetzt zwei Container quer, sie blockieren den Weg, auf dem bis vor Monaten Zehntausende Venezolaner das Land verliessen.

Hinter gelben Absperrungen stehen venezolanische Polizisten und Soldaten und bewachen den kleinen Spalt auf dem Bürgersteig, der noch offen ist. Sie lassen nur noch «humanitäre Fälle» passieren, also vor allem Alte, Kranke und Eltern mit kleinen Kindern. Die Menschen waten nun durch den Grenzfluss Táchira und schlagen sich durch das Gebüsch neben der Brücke, sie tragen Kisten und Koffer, manche auch kleine Kinder. Die Soldaten versuchen gar nicht erst, sie aufzuhalten. Das wäre ohnehin unmöglich an dieser Grenze, die 2219 Kilometer lang ist.

40'000 Venezolaner erreichen täglich Cúcuta, so haben es Hilfsorganisationen gezählt. Die einen kaufen hinter der Grenze ein und kehren wieder um nach Venezuela, wo es in den Supermärkten und Apotheken fast nichts mehr gibt.

Die anderen aber, das zeigt eine von den Vereinten Nationen unterstützte Reise auf der Fluchtroute, kehren nicht mehr um. Es sind einige Tausend pro Tag, sie suchen ihr Glück in Kolumbien oder in den anderen Ländern weiter im Süden. Es werden immer mehr.

Die Hauptverantwortung für all das trägt Nicolás Maduro, der Despot von Caracas. Er regiert ein Land, das eigentlich so reich sein könnte. Es verfügt über die achtgrössten Reserven weltweit an Erdgas und über die grössten überhaupt an Erdöl. Durch Misswirtschaft und Korruption aber hat Maduro Venezuela in eine schwere Versorgungskrise samt Hyperinflation geführt. Eine Krise, ohne die sich Ronald Reyes möglicherweise nicht mit HIV infiziert hätte. Und wie nebenbei hat Maduro, der sich selbst einen Sozialisten nennt, auch noch die Demokratie abgeschafft. Er hat das Parlament entmachtet, Journalisten eingesperrt und die Bevölkerung eingeschüchtert.

Die Menschen fliehen unterdessen immer weiter. Und sie lassen sich von nichts aufhalten, auch nicht von den Soldaten und von den Kriminellen, die auf den illegalen Grenzrouten lauern, die Frauen vergewaltigen und die Flüchtlinge ausrauben.

«Dieses Land ist sehr gut zu mir»

Dass die Menschen fliehen, liegt auch an den Geschichten, die in Venezuela jeder kennt. Sie erzählen davon, dass weiter unten im Süden alles besser ist. Sie erzählen von Menschen, die wieder genug zu Essen haben, die sogar etwas nach Hause schicken und ihren Familien helfen können. Sie erzählen von Menschen wie Teresa Mora.

Teresa Mora steht an der Avenida Miguel Iglesias in der peruanischen Hauptstadt Lima, es ist ein sonniger Tag Ende März, und dass die Sonne so brennt, freut sie sehr. Denn Mora hat einen Handkarren dabei und eine Tasche, darin: Wassereis und gekühlte Limonade, die sehr zitronig schmeckt. Sie hatte in Venezuela BWL studiert und als Buchhalterin gearbeitet, zwölf Jahre lang, bei der Stadtverwaltung. Und jetzt verkauft sie auf der Strasse Wassereis.

Perus Migrationsbehörde hat nachgerechnet: Unter den Einwanderern sind 22'700 Ingenieure, 17'700 Lehrer, 3600 Ärzte und12'000 Krankenpfleger.

In Venezuela musste ihr Mann seine Autowerkstatt schliessen, weil keine Kunden mehr kamen; ihr eigenes Gehalt reichte wegen der Inflation bald nicht mehr zum Leben. Im Kühlschrank war irgendwann kein Essen mehr, und ihre Stimme klingt belegt, als sie erzählt, wie sie zu ihrem Mann sagte: «Es geht nicht mehr. Wir müssen gehen.» Mit einer Gruppe von etwa zwanzig Verzweifelten brachen sie auf, fuhren fünf Tage lang mit dem Bus, sie gehörten noch zu denen, die sich das leisten konnten. Auch sie überquerten die Simón-Bolívar-Brücke in Cúcuta. Und im März 2018 schliesslich erreichten sie Lima.

Nach einem Jahr in Peru gebe es nichts, worüber sie sich ärgern könne, sagt Teresa Mora. «Wir essen drei Mahlzeiten am Tag, und dazwischen reicht es sogar noch für einen Snack! Dieses Land ist sehr gut zu mir.»

Es ist ja auch nicht so, dass Peru aus reiner Nächstenliebe seine Grenzen offen und die Venezolaner arbeiten lässt. Die nationale Migrationsbehörde hat schon mal nachgerechnet: Nach ihren Erkenntnissen sind unter den Einwanderern etwa 22700 Ingenieure, 17700 Lehrer, 3600 Ärzte und 12'000 Krankenpfleger. Das passt gut, weil es in Peru an diesen Fachkräften mangelt.

Erstellt: 09.05.2019, 10:36 Uhr

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