Facebook und Google unter Druck wegen Fake-News zu Las Vegas

Nach der Bluttat in Las Vegas verbreiteten sich viele Falschmeldungen über soziale Medien. Die Unternehmen sehen sich derweil als neutrale Plattformen - ohne inhaltliche Verantwortung.

Weisse Kreuze: Ein Arbeiter richtet für die Opfer der Massenschiesserei in Las Vegas 58 Kreuze auf.

Weisse Kreuze: Ein Arbeiter richtet für die Opfer der Massenschiesserei in Las Vegas 58 Kreuze auf. Bild: Chris Wattie/Reuters

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Pünktlich zu jeder Katastrophe haben Falschnachrichten Hochkonjunktur. Wenn unklar ist, was gerade passiert, werden Theorien und angebliches Insiderwissen nachgefragt und geklickt. Im Jahr 2017 ist das Thema sogenannter Fake-News allerdings so brisant, dass die Welt wissen möchte, wer die Informationen in Umlauf bringt, wie viel Publikum sie finden und welche Motive dahinterstecken.

Im Falle des Massenmords von Las Vegas geraten in den USA einmal mehr die beiden mächtigsten digitalen Akteure, Facebook und Google, in die Kritik. Hobby-Internetdetektive hatten nach Bekanntwerden der Schüsse einen unbeteiligten Mann als Täter identifiziert. Wer den Namen googelte, bekam einen bestätigenden Thread des Troll-Forums 4Chan präsentiert - und zwar in der Box, in der Google Nachrichten platziert. Die Suche nimmt seit 2014 auch Quellen jenseits klassischer Nachrichtenseiten in die News-Box auf. Warum auch die bekannte Hoax-Schleuder 4Chan dazuzählte, wissen wohl nicht einmal Googles eigene Programmierer.

Auf Facebook wiederum fand sich der Name des vermeintlichen Täters eine Zeitlang auf der Safety-Check-Seite, wo Nutzer ihren Freunden mitteilen können, dass sie in Sicherheit sind. Als Quelle diente die dubiose, rechte Seite Alt-Right-News. Früher wurden solche Nachrichtenartikel von Menschen ausgewählt, mittlerweile setzt Facebook auch hier auf Maschinen. Offenbar leidet darunter die Qualitätskontrolle. Sowohl Google als auch Facebook versprachen, ihre Algorithmen zu überarbeiten, um ähnliche Fälle in Zukunft zu vermeiden.

Youtube weist die Verantwortung zurück

Am Mittwoch bekam schliesslich auch noch Google-Tochter Youtube die Wut der Angehörigen der Opfer zu spüren. Nutzer, die dort nach «Las Vegas Shooting» suchten, sahen auch Videos, die das tödliche Massaker als Hoax darstellten oder Verschwörungstheorien zur Tat propagierten. Ein Angehöriger sagte:

«Wenn ich meine Frau um ihr Leben ringen sehe, mit einer Schusswunde in ihrer Brust, und meine Tochter auch getroffen wurde, ist das ziemlich schlüssiger Beweis, dass das Massaker stattgefunden hat.» Angehöriger

Youtube liess verlauten, dass die Videos nicht gegen die Nutzungsregeln verstiessen. Die Clips wurden teilweise mehrere Hunderttausend Mal aufgerufen. Die Fälle verdeutlichen die Probleme der Plattformwirtschaft. Facebook und Google schreiben zwar selbst keine Nachrichten, verteilen diese aber und dienen so für Milliarden Nutzern als Gatekeeper für das Weltgeschehen.

Damit befinden sie sich mit einem Bein im journalistischen Geschäft der Informationsverbreitung. Beide weigerten sich lange Zeit, diese Rolle - und damit auch Verantwortung für die Inhalte - anzunehmen. Sie beharrten darauf, neutrale Plattformen zu sein. Zwar nimmt insbesondere Facebook allmählich stärkeren inhaltlichen Einfluss. Dennoch wollen beide Unternehmen klassische Nachrichten vorrangig mit Hilfe von Algorithmen und auf Grundlage von Nutzervorlieben sortieren, anstatt menschliche Kuratoren einzusetzen.

Für Algorithmen spielt der Wahrheitsgehalt keine Rolle

Die aktuellen Falschnachrichten zeigen, wie problematisch es ist, ausschliesslich auf Maschinen zu vertrauen. Nach den Ereignissen in Las Vegas orientierten sich die Algorithmen daran, wie schnell die News erschienen und sich weiterverbreiteten. Der Wahrheitsgehalt spielte keine Rolle. Die Fälle sind auch deshalb brisant, weil beide Plattformen regelmässig beteuern, mehr gegen Falschnachrichten unternehmen zu wollen. Facebook setzt auf externe Faktenprüfer, Google versieht fragwürdige Nachrichten mit einem entsprechenden Warnhinweis. Bislang sind die Erfolge ausgeblieben, Falschnachrichten und Verschwörungstheorien sind nach wie vor ein Problem.

Letztere finden vor allem auf Youtube ein Millionenpublikum. Dort ist das Interesse an «alternativen Theorien» traditionell besonders gross. Deshalb verbreiten sich Videos mit dem Versprechen der «WAHRHEIT», die sich hinter der allgemein verbreiteten Wahrheit verbirgt. Dieses Bedürfnis bedienen Produzenten aus Überzeugung, ideologischen Gründen oder finanziellen Motiven - schliesslich lässt sich die grosse Reichweite auf Youtube durch Werbung versilbern, unabhängig von der Qualität der Inhalte. Oft kommen auch alle drei Faktoren zusammen.

Mehr löschen, fordern die einen - bloss nicht, sagen die anderen

In den USA befindet sich das Silicon Valley in einer Zwickmühle. Einerseits verlangen gerade progressive Kreise, dass die Plattformen mehr gegen Desinformation unternehmen sollen. Dabei berufen sie sich etwa auf Werbeanzeigen, die russische Akteure auf Facebook geschaltet hatten, um Einfluss auf das Duell zwischen Trump und Clinton zu nehmen. Erst mit monatelanger Verspätung entdeckte Facebook die Manipulationsversuche. Auch die Rolle von Falschnachrichten im vergangenen Wahlkampf hatte Facebook erst kleingeredet, um nach massiver Kritik doch einzugestehen, dass Fake-News ein wirkliches Problem seien.

Andererseits befürchten Konservative, dass Tech-Konzerne zu stark in den Informationsfluss eingreifen und damit politisch Einfluss nehmen. Sie sehen das Recht auf Meinungsfreiheit bedroht. In der Tat ist die Frage berechtigt, ob private Unternehmen darüber entscheiden sollen, was im Internet gesagt und geschrieben werden darf. Selbst Juristen tun sich oft schwer damit, strafbare Äusserungen zu identifizieren, und die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge ist selten so eindeutig wie bei den Falschnachrichten nach Las Vegas.

Je stärker Google und Facebook in die Auswahl der Nachrichten eingreifen, desto lauter werden jene Kritik äussern, die sich unterdrückt und bevormundet fühlen. Zumindest das Label, mit dem Facebook Inhalte mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt versieht, scheint bei einigen Nutzern eher eine Trotzreaktion hervorzurufen. Einer Yale-Studie zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Falschnachricht als solche identifiziert wird, mit entsprechendem Hinweis um lediglich 3,7 Prozent. Trump-Anhänger und Unter-26-Jährigen fallen sogar häufiger auf Falschmeldungen herein, wenn Facebook diese kennzeichnet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 21:16 Uhr

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