Fakten? Fuck.

Im US-Wahlkampf handelten mazedonische Teenager, Internetprofis und der siegreiche Kandidat mit derselben Ware: Lügen. Mit durchschlagendem Erfolg.

«FBI plant Clinton-Verhaftung!» war eine der viel geteilten Falschmeldungen im US-Wahlkampf – ganz im Sinn des Trump-Schlachtrufs «Lock her up».

«FBI plant Clinton-Verhaftung!» war eine der viel geteilten Falschmeldungen im US-Wahlkampf – ganz im Sinn des Trump-Schlachtrufs «Lock her up». Bild: Reuters

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Mitten im Wahlkampf stellten einige Reporter fest, dass über 100 US-Politik-Nachrichtenseiten aus einer Kleinstadt in Mazedonien kamen: Veles.

Alle waren pro Trump. Und jede Meldung eine Sensation. Etwa: «Der Beweis: Obama wurde in Kenia geboren – Trump hatte recht», «Bill Clintons S*x-Tape – unzensuriert!»,«Papst verbietet Katholiken, Clinton zu wählen», «Eure Gebete wurden erhört! FBI plant Clinton-Verhaftung!»

Als die Reporter nach Veles reisten, stiessen sie auf eine Gruppe von Teenagern. Diese hatten ihre Nachrichtenseiten nicht aus Trump-Begeisterung eröffnet, sondern aus geschäftlichen Gründen: Sie erfanden News, um möglichst viel Klicks zu bekommen. Und damit Anzeigengelder von Google und Facebook. In einem guten Monat machte eine Seite 5000 Dollar, mit einem einzigen Hit sogar 3000 Dollar. Die Nachricht «Clinton empfiehlt Trump als Präsident: ‹Er ist ehrlich und lässt sich nicht kaufen!›» wurde auf Facebook 480'000-mal geteilt und kommentiert.

Erfundene Geschichten haben mehr Leser

Dagegen wurde die Enthüllung der «New York Times», dass Donald Trump 1995 fast 1 Milliarde Dollar Verlust erklären musste, gerade 175'000-mal geteilt und kommentiert. Also dreimal weniger als die erfundene Story.

«Man glaubt, in Mazedonien ist man ahnungslos», sagte ein Teenager. «Aber das stimmt nicht.» In der Tat waren die Teenager am Puls der Zeit: Auch in den USA hatten parteiische Nachrichtenseiten mehrfach so viele Fans und Klicks als etablierte Nachrichtenorganisationen. Ihre Hits waren nicht zuletzt die erfundenen Geschichten. In einer Studie wertete «Buzzfeed» einige Seiten aus: Bei den linken Seiten war etwa 20 Prozent des Inhalts falsch, bei den rechten Seiten 38 Prozent – und es waren so gut wie immer die Storys, die beim Publikum am besten liefen.

Die Flut von Fälschungen ist spätestens seit Trumps Sieg ein Politikum: Denn Facebook ist längst der wichtigste, weil meistgelesene Verlag der Welt. In einer Erklärung verteidigte sich der Facebook-Chef Mark Zuckerberg: «99 Prozent aller geteilten Inhalte auf Facebook sind akkurat.»

Recht haben? Recht behalten!

Das verblüffte sogar seine eigenen Leute. Eine Gruppe von Facebook-Ingenieuren meldete sich und sagte, die Falschmeldungen seien eine Epidemie, und man müsse dringend etwas dagegen tun. Ein Facebook-Ex-Manager sagte, man habe bereits im Mai ein Tool entwickelt, es aber nie eingesetzt. Die «New York Times» vermutete: Deshalb, weil vor allem rechte Seiten betroffen worden wären. Und Facebook Ärger fürchtete.

Nur: Warum sind Falschnachrichten derart erfolgreich? Dazu drei Thesen:

1. Das US-Mediensystem ist seit Jahren ge­spalten. Spätestens seit Fox News werden nicht mehr zwei Sichten auf die Wirklichkeit verkauft, sondern zwei Wirklichkeiten. Internetseiten wie das ultrarechte «Breitbart», dessen Chef nun Trumps Strategiechef wird, sind nur die harte, rohe, logische Weiterentwicklung.

2. In der Politik geht es nicht um die Wirklichkeit, sondern um deren Veränderung. Und deshalb nehmen Wähler Politikern ihre Lügen kaum je übel: Denn sie beweisen deren Macht, Dinge bereits mit Worten zu verändern.

3. Das gilt verstärkt für die harte Rechte. Donald Trump äusserte im Wahlkampf einen Strom von Lügen. Ohne grossen Wert auf eine einzige Fähigkeit, eine einzige Tugend zu legen. Ausser die, dass er die Macht hat, sich diesen Strom von Lügen leisten zu können. Das genügte für die Präsidentschaft.

Seltsam hilflose Medien

Gegenüber diesem Typ von Machtpolitiker sind die traditionellen Medien seltsam hilflos: Er liefert einen Strom von unflätigen Schlagzeilen. So schnell, dass sie sich gegenseitig neutralisieren: als neue Normalität. Und sobald die Journalisten den starken Mann als unfähig beschreiben, wird er für seine Leute zum Helden – als Mann der neuen Wirklichkeit gegen die gestrige Presse.

Das Neueste? In Princeton entwickelten vier Studenten in 36 Stunden eine Möglichkeit, gefälschte Nachrichten auf Facebook zu erkennen. Rein technisch wäre die Sache also simpel. Google plant, Falschnachrichtenseiten die Anzeigen zu sperren. Und Trumps ultrarechte Seite «Breitbart» plant die Expansion nach Deutschland.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2016, 21:59 Uhr

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