Für Astrid Silva hat das unwürdige Versteckspiel ein Ende

Mit einem Kleid, einer Puppe und einem Kreuz ist sie vor über 20 Jahren in die USA gekommen. Nun kann die junge Mexikanerin aufatmen.

Musste sich mehr als 20 Jahre vor dem Staat verstecken: Die junge Mexikanerin Astrid Silva. Foto: David Becker / Keystone

Musste sich mehr als 20 Jahre vor dem Staat verstecken: Die junge Mexikanerin Astrid Silva. Foto: David Becker / Keystone

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Fast ihr ganzes Leben lang war Astrid Silva ein Schattenwesen. Im Alter von vier Jahren überquerte sie mit ihren Eltern auf einem Floss den Rio Grande und erreichte das Ufer der Vereinigten Staaten. Alles, was sie dabeihatte, war ihr Kleid, eine Puppe und ein Kreuz. Sie lebte zwei Jahrzehnte lang als illegale Migrantin in Las Vegas. Ihr Vater arbeitete als Gärtner, ihre Mutter als Putzfrau. Astrid ging zur Schule, denn Schulen fragen nicht nach Aufenthaltspapieren, und sie war meistens unter den Klassenbesten.

Erst später begriff sie, was es bedeutet, sich ewig vor dem Staat zu verstecken. Sie musste ohne Führerschein leben, und ohne Ausweis konnte sie abends auch nicht mit ihren Freunden tanzen gehen in den Clubs. Sie zögerte lange, bevor sie sich an der Universität anmeldete; sie befürchtete, ihr Name führe die Polizei auf ihre Spur. Stattdessen verdiente sie Geld mit Babysitten. Und sie konnte nicht zur Beerdigung ihrer Grossmutter nach Mexiko reisen, weil sie es nie zurück in die USA geschafft hätte.

Mitgefühl für arbeitende Ausländer

Nun hat US-Präsident Barack Obama angekündigt, Millionen von «Illegalen» im Land ein befristetes Bleiberecht zu gewähren. In seiner Rede bat er um Mitgefühl für all jene Ausländer, die sich hart arbeitend in Amerika einbringen und doch stets fürchten müssen, dass die Polizei sie findet und ausser Landes schickt. «Sollen denn die, die unser Obst ernten und unsere Betten machen, nie eine Chance bekommen?», fragte er. Obama erinnerte seine Landsleute daran, dass sie oder ihre Vorfahren alle einmal Neuankömmlinge gewesen seien in Amerika. Am Ende seiner Rede erzählte er die Geschichte von Astrid Silva, von den Fleissigen und Hoffnungs­frohen, die sich nie zeigen dürfen.

Astrid Silva (26) weinte vor dem Fernseher, als der Präsident ihren Namen nannte. Sie sagt, sie habe nichts davon gewusst. Aber es ist kein Zufall, dass Obama sie erwähnte. Ihr Schicksal veranschaulicht nicht nur, wie kaputt das Einwanderungsrecht ist, sie hat Washington auch immer wieder daran erinnert. Dem Senator des Staates Nevada, Harry Reid, hat sie Brief um Brief geschickt. «Ich habe nie auch nur einen Kaugummi gestohlen, und doch fühle ich mich, als stehe ‹Verbrecher› auf meiner Stirn», schrieb sie.

Junge Ausländer schützen

Im Sommer 2012 verfügte Obama erste Erleichterungen für junge «Illegale» wie Silva. Wer als Kind ohne Visum in die USA gelangt ist, erhält ein befristetes Bleiberecht und eine Arbeitserlaubnis, aber nicht die Staatsbürgerschaft. Obama wollte damit junge Ausländer schützen, an deren Abschiebung der Staat kein Interesse hat, weil sie der Gesellschaft mehr nutzen als schaden.

In Washington ist es eigentlich eine Tradition, Milde zu zeigen gegenüber jenen Migranten, die schon lange im Land sind und sich gesetzestreu und produktiv verhalten. Alle Präsidenten der jüngeren Zeit, auch die republikanischen, haben bestimmte Gruppen vor Abschiebungen verschont oder sogar Amnestien ermöglicht. Weil sich die in Teilen radikalisierte Republikanische Partei nun aber gegen eine Einwanderungsreform stellt, muss der Präsident sein Volk ­davon überzeugen, dass er recht hat.

Am Freitag wollte er in Las Vegas für seine Reformen werben und Astrid Silva treffen. Im vergangenen Jahr, als sie zum ersten Mal eine Arbeitserlaubnis in der Hand hielt, schrieb sie: «Ich bin jetzt 25 und habe das Gefühl, dass mein Leben endlich begonnen hat.» Alle Sorgen ist sie deswegen aber nicht los: Sie muss jetzt hoffen, dass Obamas neue Dekrete auch ihren Vater schützen. Die Polizei will ihn eigentlich zur Jahreswende nach Mexiko zurückschicken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 23:50 Uhr

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