Hintergrund

Für die USA sind die Risiken einer Eskalation zu gross

Trotz Giftgas ist eine US-Intervention im syrischen Bürgerkrieg eher unwahrscheinlich: Die Regierung Obama fürchtet eine unkontrollierbare Eskalation mit fatalen Folgen für die Region.

In Jordanien bereiten sich US-Soldaten auf «mehrere Szenarien» vor: Jordanische Soldaten bei einem Einsatz an einer Demonstration gegen die Stationierung der US-Soldaten. (26. April 2013)

In Jordanien bereiten sich US-Soldaten auf «mehrere Szenarien» vor: Jordanische Soldaten bei einem Einsatz an einer Demonstration gegen die Stationierung der US-Soldaten. (26. April 2013) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nachdem US-Nachrichtendienste gestern Donnerstag den Einsatz von Sarin-Giftgas in Syrien nicht mehr ausgeschlossen hatten, verstärkten sich Spekulationen über ein amerikanisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg. Verteidigungsminister Chuck Hagel informierte den Kongress schriftlich, dass US-Geheimdienste «mit unterschiedlicher Gewissheit» einen Einsatz von Giftgas von Seiten des Assad-Regimes bestätigt hätten.

Tatsächlich hat Präsident Obama die Regierung Assad in den vergangenen Monaten mehrmals vor der Verwendung chemischer Waffen gewarnt. Unter anderem sagte der Präsident, dies würde «eine rote Linie» überschreiten und folgenschwere Konsequenzen zeitigen. Allerdings hatte Obama einschränkend gesagt, die Vereinigten Staaten würden erst reagieren, wenn «eine ganze Menge von chemischen Waffen verlegt oder eingesetzt werden».

Lage im Irak immer bedrohlicher

In Washington wird deshalb trotz des Drängens einiger Senatoren nicht erwartet, dass die Regierung Obama schon bald in den syrischen Bürgerkrieg eingreifen wird: Zu gross sind die Risiken einer Eskalation, zu ungewiss die Reaktionen aus Moskau, Beijing und Teheran und zu gefährlich die möglichen Auswirkungen auf die zusehends bügerkriegsähnliche Situation im Irak. Barack Obama hat die Geschichte des Vietnamkriegs genau studiert und möchte schon deshalb eine unkontrollierbare militärische Intervention um beinahe jeden Preis vermeiden. Zumal die immer bedrohlichere Lage im Irak für Obama ein weiterer Beweis für die Unkalkulierbarkeit militärischer Einsätze im Nahen Osten ist.

Die Ausschaltung syrischer Giftgas-Kapazitäten erforderte überdies beträchtliche amerikanische Ressourcen: Neben Assads Luftwaffe müssten auch Kurzstreckenraketen sowie Artilleriegeschütze vernichtet werden, die als Trägerwaffen für chemische Munition dienen können. In einer telefonischen Konferenzschaltung mit Reportern wiegelte ein enger Mitarbeiter Obamas denn auch ab: Es gebe zwar Hinweise auf den Einsatz von Sarin, aber die Beweislage reiche nicht aus. Eine US-Intervention, so der Obama-Mitarbeiter, erfordere «Gewissheit» eines solchen Einsatzes.

Die Pläne wären ausgearbeitet

Zweifellos beeinflusst das nachrichtendienstliche wie politische Debakel der niemals gefundenen irakischen Massenvernichtungswaffen das Verhalten der Obama-Administration ebenso wie die Gefahr einer Ausweitung des Konflikts zu einer regionalen Krise oder gar einen Krieg, der vor allem den Irak weiter destabilisieren dürfte. Zwar hat das Pentagon längst Pläne für einen US-Einsatz in Syrien ausgearbeitet und dem Präsidenten vorgelegt, eine Umsetzung dieser Pläne gilt jedoch in Washington derzeit als äusserst unwahrscheinlich.

So hat Verteidigungsminister Hagel, von dem bekannt ist, dass er eine Intervention ablehnt, bisher nur die Verlegung von rund 200 Soldaten der 1. Gepanzerten Division aus dem texanischen Fort Bliss nach Jordanien angeordnet, wo sie laut Hagel zusammen mit jordanischen Verbänden «die Einsatzbereitschaft verbessern und sich für mehrere Szenarien vorbereiten» sollen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2013, 22:36 Uhr

Obama: Nur vorläufige Beweise. (Video: Reuters )

Obama äussert sich

US-Präsident Barack Obama hat eine gründliche Untersuchung zum Thema angekündigt. Sollten derartige Waffen tatsächlich Verwendung finden, wäre dies ein «Paradigmenwechsel», bekräftigte Obama heute im Weissen Haus.

Es war Obamas erste Stellungnahme zu dem Thema, seitdem das Weisse Haus am Vortag von neuen Geheimdienstinformationen über einen möglichen Einsatz von Sarin-Gas durch das syrische Regime berichtet hatte. «Wir können dem systematischen Einsatz von Kampfmitteln wie Chemiewaffen gegen zivile Bevölkerungen nicht tatenlos zusehen», sagte er. «Sollte die syrische Regierung gegen ihr eigenes Volk Chemiewaffen einsetzen, wäre damit eine Linie überschritten, die mein Kalkül und die Haltung der Vereinigten Staaten in diesen Fragen ändern werden».

Zugleich übte sich Obama in Zurückhaltung. Es seien nach wie vor weitere Beweise darüber nötig, wann und wie tödliche Kampfstoffe zur Verwendung gekommen sein könnten. Daher würden die USA auf eigener Faust aber auch gemeinsam mit den Vereinten Nationen in Syrien «vor Ort Beweise sammeln», kündigte Obama an.(sda)

Bildstrecke

Chronologie der Aufstände in Syrien

Chronologie der Aufstände in Syrien Die Ereignisse in Syrien seit dem Beginn der Proteste im März 2011.

Bildstrecke

Krieg in Syrien: Zerreissprobe für den Libanon

Krieg in Syrien: Zerreissprobe für den Libanon Nach dem Anschlag auf Geheimdienstchef Wissam al-Hassan im Zentrum von Beirut liefern sich Gegner und Befürworter des Regimes im Nachbarland Syrien immer wieder Strassenschlachten.

Artikel zum Thema

Das kriegsmüde Washington zögert

Bodenproben, Videoaufnahmen und Augenzeugenberichte sollen den Einsatz von Giftgas in Syrien bestätigen. Hat Bashar al-Assad nun die von US-Präsident Obama bezeichnete «rote Linie» überschritten? Mehr...

USA vermuten Assad hinter Giftgaseinsatz

Hat das syrische Regime die von US-Präsident Obama gezeichnete «rote Linie» überschritten und Chemiewaffen eingesetzt? Die US-Geheimdienste gehen neu mit «einiger Sicherheit» davon aus. Mehr...

Was wollen die Katarer in Syrien?

Katar ist ein enger Verbündeter der USA und unterstützt die syrische Opposition im Kampf gegen Assad. Doch die Eigeninteressen des Emirats würden immer offensichtlicher, monieren die Rebellen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...