«Gott sei Dank war er kein Heiliger»

Hollywoods Verfilmung von Martin Luther Kings Leben scheitert erneut am Einspruch der Familie. Die Seitensprünge und Affären des US-Bürgerrechtlers sind für die Kinoleinwand scheinbar tabu.

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Nur Tage vor dem jährlichen nationalen Feiertag zu Ehren Martin Luther Kings warf Oliver Stone das Handtuch: Per Twitter teilte der Regisseur am vergangenen Freitag mit, dass er nicht – wie im Oktober mit lautem Fanfarenklang angekündigt – ein Hollywood-Grossprojekt über das Leben des afroamerikanischen Bürgerrechtskämpfers drehen werde. Er habe eine «traurige Nachricht», twitterte Stone: «Ich habe das Drehbuch erheblich umgeschrieben, aber die Produzenten wollen das nicht».

Produziert werden sollte der Film von Steven Spielbergs DreamWorks sowie Warner Brothers, die Hauptrolle sollte Jamie Foxx übernehmen. Stones Drehbuch missfiel jedoch Kings Kindern Bernice, Dexter, Martin und Yolanda sowie alten Weggefährten, weil darin die ausserehelichen Affären des Nobelpreisträgers Erwähnung fanden - ein heikles Thema, das Kings Familie nicht behandelt sehen wollte. Sein Script, so Stone, habe sich mit «Seitensprüngen, Konflikten innerhalb der Bürgerrechtsbewegung und Kings Verwandlung in einen radikaleren Menschen» befasst - was offenbar nicht akzeptabel war für Martin Luther Kings Familie, die den 1968 Ermordeten im Licht eines untadeligen Heiligen präsentieren möchte.

Bereits vor zwei Jahren gescheitert

Kings Affären waren einem engsten Kreis seiner Mitarbeiter bekannt und erregten das Interesse des King-Feindes und FBI-Direktors J.Edgar Hoover. Das FBI hörte die Telefonate des Bürgerrechtlers ab und wusste Bescheid über Kings Seitensprünge. 1989 äusserte sich Ralph Abernathy, ein enger Mitarbeiter Kings, in seinen Memoiren zu den Gerüchten – und behauptete, King habe in der Nacht vor seiner Ermordung in Memphis eine Affäre gehabt. Abernathy wurde daraufhin von führenden Afroamerikanern scharf kritisiert, blieb jedoch bei seiner Darstellung: Kings Seitensprünge seien «allgemein bekannt» gewesen. Laut Kings Biografen Taylor Branch gestand der Bürgerrechtler seiner 2006 verstorbenen Ehefrau Coretta zumindest eine Affäre vor seinem Tod.

«Die Erben sowie die 'angesehene' schwarze Gemeinschaft, die Kings Reputation schützt», hätten sein Drehbuch abgelehnt, behauptete Stone und kritisierte, dass Kings Leben weissgewaschen und dadurch unwirklich werde. In Hollywood wird unterdessen spekuliert, dass Spielberg und Warner Brothers befüchteten, die verärgerte Familie Kings hätte womöglich die Genehmigung zur Verwendung entscheidender Passagen aus den grossen Reden des Bürgerrechtlers im Film verweigert. Bereits vor zwei Jahren war eine Verfilmung von Kings Leben durch den Regisseur Paul Greengrass am Widerstand der Kinder Kings gescheitert.

Heilig oder nicht

Greengrass' Projekt mit dem Arbeitstitel «Memphis» hatte eine Affäre des Bürgerrechtlers am Rande erwähnt und damit sowohl den Zorn der Familie als auch des King-Freundes und ehemaligen UN-Botschafters Andrew Young erregt. Das FBI habe Lügen über Dr. King verbreitet, warum also sollte «eine Story erfunden werden, wenn die wahre Story doch so wunderbar ist?», sagte Young in einem Interview. Stone wiederum befürchtet, dass «der Mann mitsamt der Wahrheit erstickt wird». Er trauere um den wahren Martin Luther King, der die Amerikaner noch immer inspiriere, «aber Gott sei Dank kein Heiliger ist».

Ob heilig oder nicht: Die Kommerzialisierung des King-Gedenktages nimmt zusehends absurde Formen an. So wirbt etwa der Cognac-Produzent Hennessy mit dem Slogan «Drinks, die MLK stolz gemacht hätten» mit «Cocktail-Ideen» für den Feiertag.

Erstellt: 19.01.2014, 23:32 Uhr

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