Greta bei den Amis

Vom Ex-Präsidenten bis zum Late-Night-Talker: Die Klimaaktivistin beeindruckte auf ihrer Reise durch die USA mit ihrer ruhigen und lockeren Art.

Klimastreik vor dem Weissen Haus, Auftritt in einer Talkshow und Treffen mit Obama: Greta hat auf ihrer USA-Reise einiges erlebt. Video: Tamedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Small Talk ist Greta Thunberg normalerweise nicht zu haben, aber an diesem Abend in New York bewies sie Humor. Als Erstes habe sie diese grosse Stadt gerochen, erzählte sie von ihrer Segeltörn über den Atlantik. Wissendes Gelächter im Auditorium.

«Natürlich war es die Verschmutzung», sagte Thunberg, «aber immerhin war es nach zwei Wochen mal wieder ein Geruch.» Das ist nun nicht die lustigste Pointe der Welt, aber durch die trockene Art, auf die Thunberg sie präsentierte, wirkte sie tatsächlich komisch. Sie erzählte die Episode mit dem Gefühl für Timing eines Stand-up-Comedians.

Das gleiche Gefühl zeigte sie etwas später, als sie sagte, dass sie zwar zur Veränderung mahne, aber dadurch ja nicht der Feind der Menschen sei. Pause. «Das hoffe ich zumindest.» Erneut nicht die Kracher-Pointe, aber durch die Art der Darbietung sehr erheiternd.

Mehr Medien als Aktivisten

Drei Tage vorher, als das Schiff mit Greta Thunberg an Bord in New York einlief, zeigte sich erstmals ein Muster, das sich bei den folgenden öffentlichen Auftritten Thunbergs in den USA wiederholen sollte: Gemessen an dem Hype in den Medien waren vergleichsweise wenige Menschen am Anleger, um sie zu begrüssen.

Von den 250, vielleicht 300 Leuten an der Südspitze Manhattans, die Thunbergs Ankunft erwarteten, schien die Hälfte für die Medien zu arbeiten. Der Rest bestand aus jugendlichen Aktivisten und Schaulustigen. Sie stimmten zur Melodie von «Bruder Jakob» einen Gesang an: «Welcome Greta, Welcome Greta, to New York.»

Ein Herz für die Klimaaktivistin: Junge Menschen feiern Gretas Ankunft in New York. Foto: Andrew Kelly, Reuters

Nach den zwei Wochen der relativen Einsamkeit des Atlantiks war Thunberg offensichtlich unwohl in Anbetracht des Medienaufkommens. Sie grimassierte, sie verlor den Faden, als sie ein paar Worte sprach, sie entschuldigte sich: «Mein Gehirn funktioniert nicht richtig», sagte sie.

Niemandes Gehirn hätte nach einer solchen Reise sofort richtig funktioniert, schon gar nicht das einer 16 Jahre alten jungen Frau, die das Asperger-Syndrom hat, eine milde Form von Autismus, und die nie zuvor derart lange auf See war. Dennoch meldeten sich auf Twitter und in anderen sozialen Medien natürlich sofort Menschen zu Wort, die die Reise als unverantwortlich beschrieben, die Thunberg krank nannten oder sich über ihre Grimassen belustigten.

«Ich habe Sinn gefunden in einer Welt, die vielen Menschen manchmal so oberflächlich und sinnlos erscheint.»Greta Thunberg

Als sie sich von den Strapazen der Reise erholt hatte, antwortete Thunberg auf Twitter: «Wenn die Hater sich auf dein Aussehen und dein Anderssein fokussieren, heisst das, dass sie keinen Ausweg mehr sehen. Dann weisst du, dass du gewinnst! Ich habe Asperger, und das heisst, dass ich manchmal ein bisschen von der Norm abweiche. Und unter den richtigen Umständen ist Anderssein eine Superkraft.»

In einem weiteren Tweet schrieb sie: «Bevor ich mit den Schulstreiks anfing, hatte ich keine Energie, keine Freunde, und ich habe mit niemandem gesprochen. Ich habe einfach allein zu Hause gesessen. All das ist nun vorbei, weil ich Sinn gefunden habe in einer Welt, die vielen Menschen manchmal so oberflächlich und sinnlos erscheint.»

Damit warf sie noch einmal ein Schlaglicht auf einen Aspekt dieser Geschichte, der ein wenig in den Hintergrund geraten ist, seit Thunberg weltweit bekannt wurde. Für sie ist der Schulstreik auch eine persönliche Befreiung. Jahrelang litt sie unter Depressionen, sie ass zu wenig, sie verkroch sich zu Hause.

Am 20. August 2018 setzte sie sich zum ersten Mal ins Zentrum Stockholms und streikte, ganz allein. Ihren Vater hatte sie überredet, eine Sperrholzplatte im Baumarkt zu besorgen. Auf diese schrieb sie: «Skolstrejk för Klimatet», Schulstreik fürs Klima. Fortan sass sie an jedem Freitag mit dem Schild in Stockholm, und wenn diese Geschichte den normalen, den erwartbaren Fortgang genommen hätte, dann würde sie da heute noch sitzen, ohne dass jemand Notiz von ihr nähme. Doch diese Geschichte nahm nicht den erwartbaren Fortgang.

Ihr Vater Svante sagt, Greta sei nicht wiederzuerkennen. Noch ein Jahr zuvor hätte sie nicht auf diesem Platz stehen können, sie hätte Panikattacken gehabt. Nun, ein weiteres halbes Jahr später, absolviert sie auf ihrer USA-Reise einen Auftritt nach dem anderen, sie ermahnt Senatoren, sie scherzt in einer Talkshow, sie plaudert mit Barack Obama.

Video: «Fist Bump» von Obama für Greta

«Du veränderst die Welt», sagte Barack Obama bei seinem Treffen mit Greta Thunberg in den USA. Video: The Obama Foundation

Ihr erster Termin nach der Ankunft in New York war der freitägliche Schulstreik. Vor dem Gebäude der UNO erschien sie mit ihrem zum Symbol gewordenen Schild, das sie auf allen Reisen mit sich führt, sie sass inmitten der amerikanischen Aktivisten, die alle viel lauter waren und fortwährend irgendwas skandierten. In den amerikanischen Medien wurde über die Veranstaltung durchaus berichtet, aber eher nebenbei.

Am fünften Tag ihrer US-Reise war Thunberg zu Gast in der Late-Night-Show von Trevor Noah. Klar, im Studio sitzen nur rund 250 Zuschauer, die vor der Show von einem erstaunlich lustigen Einheizer in Stimmung gebracht werden, was insofern ganz gut ist, als Noah nicht der witzigste unter den Late-Show-Moderatoren ist. Aber vor den Bildschirmen sitzen im Schnitt 1,3 Millionen Zuschauer, es war Thunbergs bis dato grösster Auftritt in den USA.

Ihr Auftritt war eine perfekte Mischung aus der bekannten Ernsthaftigkeit und der noch recht neuen Lockerheit. Sie erzählte erneut die Geschichte über New York und den Geruch, diesmal mit noch besserem Timing, das Publikum amüsierte sich bestens. Auf den Punkt genau erklärte sie ihr Anliegen, in einem exzellenten Englisch, mit breit gefächertem Vokabular. Kein Medien- oder Showprofi hätte das besser machen können. Wobei: Mittlerweile ist sie ja genau das, ein Profi.

Die Geborgenheit einer Bewegung

Ihren freitäglichen Streik absolvierte sie anschliessend in Washington, auf der Südseite des Weissen Hauses. Zu Beginn der Veranstaltung hielt sich die Zahl von Aktivisten und Medienvertretern erneut ungefähr die Waage, es waren ungefähr 200 Menschen da. Später stiessen noch rund 150 Jugendliche dazu.

Die Medienleute schienen wieder grösstenteils aus Europa zu kommen, besonders Deutsch hörte man so häufig, dass man den Eindruck hatte, sämtliche Washington-Korrespondenten aus Deutschland seien zu diesem Termin abgestellt worden. Wie am Freitag zuvor waren die amerikanischen Aktivisten sehr – nun ja – aktiv. Sie skandierten ohne Unterlass.

Freunde in aller Welt: Greta Thunberg mit anderen jungen Klimaaktivisten vor dem Capitol in Washington. Foto: Sarah Silbiger, Reuters

Von der Geborgenheit, die es bedeuten kann, Teil einer solchen Bewegung zu sein, erzählten einige Aktivisten am Montag, als Thunberg in Washington von Amnesty International mit dem «Ambassador of Conscience Award» ausgezeichnet wurde, dem Preis als Botschafterin des Gewissens.

Es ist die höchste Auszeichnung, die Amnesty zu vergeben hat, zu den früheren Preisträgern gehören Nelson Mandela, Václav Havel oder Joan Baez. Thunberg hatte darauf bestanden, mit sechs anderen Aktivisten auf der Bühne zu sitzen, und überliess diesen grösstenteils das Wort.

Die 15 Jahre alte Kallan Benson aus Maryland erzählte, dass sie durch ihr Engagement für das Klima so viele neue Freunde in aller Welt gefunden habe. Im Frühjahr hat sie ihre eigene Form des Streiks gefunden: Sie hat 90 Tage lang nicht gesprochen, und wer sie auf der Bühne des Lisner-Auditoriums der George Washington University unablässig reden hörte, der ahnte, dass das wirklich eine Herausforderung gewesen sein muss.

Ihr Auftritt ist eine perfekte Mischung aus der bekannten Ernsthaftigkeit und der noch recht neuen Lockerheit.

Der zehn Jahre alte Zayne Cowie aus Brooklyn, der wie Thunberg das Asperger-Syndrom hat, mochte zwar nicht reden, und immer, wenn Applaus aufbrandete, hielt er sich verschreckt die Ohren zu. Doch es wurde deutlich, dass er trotz der Anstrengung, die das für ihn bedeutete, mit seinen neuen Freunden auf der Bühne sitzen wollte. Cowie hat ein Buch geschrieben. Es heisst «Goodbye Earth!», ein Kinderbuch für Erwachsene, die sich jetzt endlich um den Klimawandel kümmern sollen. Er ist, wie gesagt, zehn Jahre alt.

Auch die anderen vier Aktivisten betonten, am meisten gäben ihnen der Zusammenhalt und das Miteinander. Während sie das sagten, sass Greta Thunberg schweigend daneben. Sie wirkte auf fast unheimliche Art ruhig, weise, wie die Mutter der Bewegung. Für die meisten der anderen Jugendlichen scheint diese Bewegung zweierlei zu sein: zum einen ein tief empfundener Protest, zum anderen die Chance, Teil eines grösseren Ganzen zu sein.

«Spart euch euer Lob»

Da Thunberg nun schon mal in Washington war, schaute sie auch im Kongress vorbei und beschied einem Senatskomitee: «Erspart uns eure Lobpreisungen. Ladet uns nicht ein und erzählt uns, wie inspirierend wir seien, um dann nichts zu tun.» Das klingt aggressiv, aber wirklich intensiv wurde es mal wieder, weil Thunberg auch dies so ruhig vortrug. Senator Ed Markey sagte später: «Wir brauchen Ihre Führungskraft.» Das sagen amerikanische Senatoren auch nicht alle Tage zu 16 Jahre alten Teenagern aus Schweden.

Und als wäre es das Normalste der Welt, stattete Greta Thunberg einem gewissen Barack Obama auch noch einen kurzen Besuch ab. «Du veränderst die Welt», rief Obama zur Begrüssung. Die beiden plauderten eine Weile, schliesslich brachte Obama ihr den Fist Bump bei, den teenagerhaften Faustgruss, und dabei wirkte sie nun doch beinahe – na ja, fast lässig.

«Du und ich, wir sind ein Team», sagte Obama. Was antwortet man, wenn der ehemalige Präsident der USA so etwas sagt? Thunberg sagte, als habe Obama nur das Offensichtliche ausgesprochen: «Ja.»


Podcast «USA: Entscheidung 2020»

Hören Sie sich die neuste Folge vom Podcast «Entscheidung 2020» mit USA-Korrespondent Alan Cassidy und Redaktor Philipp Loser auch auf Spotify oder auf iTunes an.


Erstellt: 20.09.2019, 09:00 Uhr

Artikel zum Thema

«Du und ich, wir sind ein Team»

Der frühere US-Präsident Barack Obama empfängt Greta Thunberg in Washington. Mehr...

Kein leichtes Spiel für Greta Thunberg

Kommentar Über den Atlantik hat es die Klimaaktivistin geschafft. Aber in den USA läuft sie Gefahr, mit ihren Anliegen unterzugehen. Mehr...

Greta Thunberg erhält Menschenrechtspreis

In Washington wurde die 16-jährige Klima-Aktivistin aus Schweden von Amnesty International geehrt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...