Harsche Kritik an Hersh

Die Mission Bin Laden sei erfunden, hat der Journalist Seymour Hersh geschrieben. Das löste heftige Reaktionen aus. Besonders deutliche Worte fand der Bin-Laden-Experte Peter Bergen.

Das Gewissen mit spitzer Feder: Seymour Hersh deckte Kriegsverbrechen der Amerikaner im Vietnamkrieg und den Folterskandal im irakischen Gefängnis Abu Ghraib auf. (Archiv; 2007)

Das Gewissen mit spitzer Feder: Seymour Hersh deckte Kriegsverbrechen der Amerikaner im Vietnamkrieg und den Folterskandal im irakischen Gefängnis Abu Ghraib auf. (Archiv; 2007) Bild: Reuters

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Seymour Hershs Berichterstattung sorgt häufig für grosses Aufsehen. Doch sein Bericht über die «Lügen» der Obama-Regierung in Sachen Operation «Neptuns Dreizack», bei der Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden im Mai 2011 getötet wurde, sprengt alle Dimensionen. So sehr, dass die Internetseite der «London Review of Books», wo Hersh seinen Bericht publiziert hatte, unter den Zugriffen zusammenbrach.

Auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet diskutierten und kommentierten unsere User gestern sachlich und teils hitzig. Laut unserer nicht repräsentativen Umfrage glauben rund 40 Prozent Hershs Version, rund 20 Prozent derjenigen des Weissen Hauses und wiederum circa 40 Prozent keiner der beiden Darstellungen. Twitter unter #HershConspiracy (HershVerschwörung) quillt regelrecht über – teils mit Zuspruch für Hersh, aber auch mit viel Kritik.

Medien nehmen Hersh auseinander

Während die Reaktionen aus dem offiziellen Washington absehbar sind, haben auch die amerikanischen Medien eindeutige Analysen publiziert:

Der CNN-Korrespondent für Sicherheitspolitik, Peter Bergen, schreibt in einem Kommentar: «Hershs Bericht ist ein Mischmasch aus Unsinn, der durch Augenzeugenberichte, ungemütliche Fakten und gesunden Menschenverstand zu widerlegen ist.» Bergen verfolgte die Jagd nach Bin Laden, verfasste dazu ein Buch und war nach der Mission im Anwesen im pakistanischen Abbottabad.

Rob O'Neill ist ein ehemaliger Navy Seal. Er gibt an, Osama Bin Laden erschossen zu haben. Auf Hershs Bericht reagiert er gegenüber Fox News so: «Die Sache ist so lächerlich, dass sie beinahe eine Beleidigung des Wortes ‹lächerlich› ist.» Hersh habe sein Leben nie riskieren müssen. «Er hat nur schlechte Quellen und schreibt Müll.»

Er will Bin Laden erschossen haben: Rob O'Neill kritisiert Hersh. (Video: Fox News)

Das «Wall Street Journal» nennt in einer Analyse «drei Gründe, skeptisch zu sein»:

1. anonyme Quellen,

2. Aussagen der Quellen können unterschiedlich interpretiert werden,

3. die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan steckten 2011 wegen einer CIA-Affäre in einer schweren Krise, was eine geheime Kooperation unwahrscheinlich machte.

Auch Max Fisher von Vox Media nimmt Hershs Bericht auseinander. Er kritisiert nicht so sehr die anonymen Quellen, sondern zeigt vielmehr Widersprüche in der Geschichte auf betreffend:

  • den angeblich geheimen Deal zwischen den USA und Pakistan, Osama Bin Laden umzubringen;

  • Pakistans Reputationsschaden, wenn es in einer geheimen Absprache den Amerikanern erlaubt hätte, die Operation auf seinem Territorium durchzuführen;

  • Pakistans zwiespältige Rolle, in der es amerikanische Hilfszahlungen fordert, gleichzeitig jedoch den USA den Aufenthaltsort von Bin Laden verheimlicht.

Die «New York Times» und die «Washington Post» sind zurückhaltender mit Analysen.

Dementi aus Washington

Die amerikanischen Behörden schickten prompt das Dementi, nachdem sie von Hershs Bericht erfahren hatten. Der ehemalige stellvertretende und kommissarische CIA-Direktor Mike Morell sagte: «Jeder Satz, den ich gelesen habe, ist falsch.» Der Informant, auf den sich Hersh berufe, habe «keine Ahnung, worüber er redet».

Und das Weisse Haus schreibt in einem Tweet, den ein Korrespondent von CNN weiterverbreitete: «Es gibt zu viele Ungereimtheiten und gehaltlose Anschuldigungen, als dass man jeden Punkt überprüfen könnte. Jedoch zu behaupten, die Tötung von Osama Bin Laden sei keine rein amerikanische Mission gewesen, ist offenkundig falsch.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.05.2015, 09:47 Uhr

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