High Noon in Boston

Ausgerechnet im liberalen Boston planen Rechtsextreme und Nationalisten einen Aufmarsch, inklusive Hetzreden. Die Stadt will das verhindern, Gegendemos sind angekündigt.

Wenns sein muss, verprügelt er Linke: US-Nationalist und Trump-Fan Kyle «Based Stick Man» Chapman.

Wenns sein muss, verprügelt er Linke: US-Nationalist und Trump-Fan Kyle «Based Stick Man» Chapman.

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Aus den Tiefen des amerikanischen Rechtsextremismus spült es bizarre Figuren an die breite Öffentlichkeit. Einer dieser Radikalen ist ein 34-jähriger libertärer Politiker aus Orlando (Florida), der einen lateinischen Namen trägt: Augustus Sol Invictus. Augustus geht auf den römischen Kaiser zurück und bedeutet «der Erhabene», Sol Invictus steht für «unbesiegte Sonne». Der 34-Jährige ist Anhänger einer neuheidnischen Bewegung. Über ihn ist die skurrile Geschichte überliefert, dass er eine Ziege tötete und danach ihr Blut trank, um dem Gott der Wildnis zu danken. Diese Geschichte erzählte Augustus Sol Invictus selber, als er vor zwei Jahren für den US-Senat kandidierte.

Augustus Sol Invictus ist auch Mitglied des militanten Flügels der Proud Boys, einer Bruderschaft-ähnlichen Organisation, die einen westlichen Chauvinismus («The West is the Best») propagiert. Auf Facebook bezeichnet sich Augustus Sol Invictus als «Kapitän, Rechtsanwalt, Agitator und Rebell» sowie als «der gefährlichste Libertäre in Amerika». Zuletzt hatte er einen Auftritt als Redner in Charlottesville, wo der Aufmarsch von Ultrarechten in Gewalt ausartete. Für nächsten Samstag ist er in Boston angekündigt, wo die Kundgebung «Boston Free Speech» stattfinden soll.

Ein Aufmarsch von Nationalisten und Rechtsradikalen in Boston – das erscheint als Provokation. Boston ist ein Symbol der Geschichte Amerikas und so etwas wie die intellektuelle Hauptstadt des Landes. Im benachbarten Cambridge befinden sich die Eliteuniversitäten Harvard und MIT. Boston steht auch für Internationalität und Liberalität – das sind Werte, die von Amerikas Rechten gehasst werden.

Nicht willkommen in Boston

Unter dem Eindruck der Gewalttätigkeiten in Charlottesville ist die sogenannte Free-Speech-Veranstaltung erst recht nicht willkommen in der Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts an der Ostküste, wie der TV-Sender CBS Boston berichtet. «Wir wollen euch nicht in Boston haben», sagte Bürgermeister Marty Walsh an die Veranstalter des «Free Speech Movement». «Wir brauchen keine Leute, die Hass verbreiten.»

Die Bostoner Behörden suchen nun nach rechtlichen Möglichkeiten, um den «Boston Free Speech» zu verhindern. Lokale Gruppierungen haben inzwischen auf Facebook und Twitter Gegendemonstrationen angekündigt. Damit besteht die Gefahr, dass es am Samstag in Boston – wie in Charlottesville – zu Zusammenstössen kommt. Viele Bostoner sind in Sorge, sie befürchten ein «High Noon»-Szenario der Gewalt.

Alt-Lite grenzt sich von Alt-Right ab

Zumindest auf dem Papier gibt es einen markanten Unterschied zwischen den Veranstaltern von Charlottesville und Boston. Gemäss einer Analyse der Anti-Defamation League (ADL) ist der «Free Speech Movement» nicht der Alt-Right-Bewegung zuzurechnen, sondern der Alt-Lite-Bewegung. Alt-Lite vermeidet die offene Propagierung einer weissen Vorherrschaft. Beide Bewegungen haben jedoch gemeinsame Feindbilder, wie zum Beispiel Linke, Immigranten und Feminismus. Beide hassen das Polit-Establishment und neigen zu Verschwörungstheorien. Und beide Bewegungen unterstützen Donald Trump.

Der «Boston Free Speech»-Anlass will mehrere Gruppierungen ansprechen: «Konservative, Libertäre, Traditionalisten, klassische Liberale, Trump-Supporter sowie alle, die für das Recht auf freie Meinungsäusserung einstehen.» Das geplante Treffen in Boston versteht sich explizit als Widerstandsaktion gegen den «Antifa-Terrorismus».

Das Programm des «Boston Free Speech» birgt einigen Zündstoff, nicht nur weil Augustus Sol Invictus auftreten soll. Ein umstrittener Redner ist auch Joe Biggs, der bis letztes Jahr für das ultrarechte Hetzportal «Alex Jones’s Info Wars» arbeitete und die «Pizzagate»-Verschwörungstheorie mitverbreitete. In den USA inzwischen berühmt-berüchtigt ist Kyle «Based Stick Man» Chapman, der in der rechtsextremen Szene Heldenstatus geniesst, seit er bei einer Antifa-Kundgebung in Berkeley mit Stock, Schild und Helm auf linke Demonstranten losging. Der 41-jährige Trump-Fan bezeichnet sich selber als amerikanischen Nationalisten. Er gehört dem militanten Flügel der Proud Boys an.

Bostoner Holocaust-Mahnmal erneut beschädigt

Das gesellschaftliche Klima ist auch in Boston bereits vergiftet. Wie der «Boston Herald» berichtete, ist das «New England Holocaust Memorial» in Boston am gestrigen Montag schon zum zweiten Mal in diesem Sommer von Vandalen beschädigt worden. Die Polizei hat einen 17-Jährigen festgenommen und prüft nun, ob es sich um Hasskriminalität handelt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.08.2017, 18:08 Uhr

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