Historisch, trotz aller Beiläufigkeit

Die USA reichen Kuba die Hand und ebnen sich damit den Weg zurück in ihren Hinterhof.

Zwei Männer, die sich respektieren: Die Hände von Raúl Castro (links) und Barack Obama am Amerika-Gipfel. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Zwei Männer, die sich respektieren: Die Hände von Raúl Castro (links) und Barack Obama am Amerika-Gipfel. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

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In Panama hatten einst Zehntausende Arbeiter unsagbare Qualen durchlitten, um den amerikanischen Kontinent zu teilen. Nun, 101 Jahre nach der Eröffnung des Kanals, könnte Panama auch als Ort eines amerikanischen Brückenschlages in die Geschichte eingehen. Viel Fantasie war vor Beginn des Amerika-Gipfels am Wochenende der Frage gewidmet worden, wie wohl der historische Handschlag zwischen US-Präsident Barack Obama und Kubas Staatschef Raúl Castro inszeniert werden würde. Die Beiläufigkeit, mit der die beiden das ankündigte Ritual schliesslich schon beim Stehcocktail hinter sich brachten, demonstrierte vor allem: «buena onda» beziehungsweise «good vibrations». Die beiden Männer hatten vorher telefoniert, einander respektiert und vielleicht sogar verstanden.

Auch in der grossen Runde war die Stimmung spürbar, als Raúl Castro bei seinem ersten Amerika-Gipfel seine viel zu lange Rede so entschuldigte: «Das ist für all die Gipfel, an denen ihr mich nicht habt reden lassen.» Castro wollte nicht darauf verzichten, vor dem definitiven Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem amerikanischen Kontinent das 20. Revue passieren zu lassen – von den Zeiten vor Kubas Revolution. Die ist inzwischen ein halbes Jahrhundert her, und noch immer gibt es keine freien Wahlen.

Dem US-Präsidenten, so darf man seine Worte deuten, ist das künftig einerlei. «Unsere Staaten sollten die alten Streitereien begraben. Wir müssen gemeinsam die Verantwortungen der Zukunft angehen», sagte Obama, der auf seinem dritten und letzten Amerika-Gipfel erstmals den Eindruck hinterliess, dass ihn die Region wirklich interessiere. Seine Rede handelte von Entwicklung und dem Kampf gegen die Armut. Fraglos war es aber Raúl Castro, der das Zitat des Tages lieferte. «Obama ist ein ehrlicher Mann», sagte er am Schluss seines Vortrages und würdigte die Mühen seines Konterparts, die Blockade der Insel zu beenden. Zuletzt sprach er Obama gar von dem Vorwurf frei, ein «Imperialist» zu sein.

Das Wirken des «Imperiums»

Was sich wohl Nicolás Maduro dabei dachte? Seit seinem Amtsantritt vor bald zwei Jahren begründet Venezuelas Präsident die Missstände in seinem Land mit dem Wirken des «Imperiums». Noch vor Beginn des Gipfels hatte Maduro zu provozieren versucht, als er in einem Viertel von Panama-Stadt einen Kranz für die Opfer der US-Militärintervention ablegte. Maduro war erbost darüber, dass die US-Regierung sein Land vor einem Monat zur «Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten» erklärte.

Um einer Eskalation beim Gipfel vorzubeugen, hatten in der Vorwoche offenbar sowohl die mexikanische als auch die brasilianische Regierung in Caracas angerufen. Gleichzeitig stellte Obama in einem Interview klar, dass die obige Formulierung ein bürokratischer Passus sei und Venezuela in seinen Augen «keine Gefahr für die USA» darstelle.

Was Obama wohl als Beschwichtigung gesagt hatte, ist auch als Abgesang zu lesen auf das Projekt Patria Grande, jenen Pan-Latino-Traum von Maduros Vorgänger Hugo Chávez, der mit seinem explosiven Temperament die Gipfel 2005 und 2009 dominiert hatte. Chávez hatte viel Geld ausgegeben, um ein Gegengewicht zu den USA zu etablieren. Am 10. Dezember wird die «grosse Heimat» wohl ein wichtiges Mitglied verlieren, denn keiner der drei Kandidaten mit Aussichten auf die argentinische Präsidentschaft mochte sich bislang als Chavist outen. Die Peronisten Daniel Scioli und Sérgio Massa sowie der liberale Mauricio Macri versprechen vielmehr die Öffnung des Landes.

Brasilien erwacht gerade aus dem Rausch, den die explodierenden Rohstoffpreise auf dem ganzen Kontinent ausgelöst hatten. Der Traum des Ex-Präsidenten Lula, der einst Brasilien zur Supermacht des Südens machen wollte, ist mit dem Fallen der Preise geplatzt. Jetzt, wo dafür die US-Wirtschaft wiedererstarkt, erkannte Obama den rechten Moment für die Rückkehr in das, was die USA einst voll Überheblichkeit als ihren Hinterhof bezeichneten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2015, 19:10 Uhr

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