Homo-Ehen, Abtreibung und die Bibel

Opportunist, religiöser Fundamentalist oder liberaler Extremist – das sind die Sieger der Primärwahlen von Iowa bei den Republikanern. Einer der drei könnte der nächste US-Präsident werden.

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Mitt Romney hat die Primärwahlen in Iowa gewonnen, hauchdünn vor Rick Santorum und Ron Paul. Für welche Politik stehen diese drei Männer?

Die drei Fragezeichen

Romney ist ein sehr erfolgreicher Manager mit einem Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe. Er ist ein ebenso erfolgreicher Opportunist: Einst hat er Abtreibung gutgeheissen und die Klimaerwärmung als ernsthafte Bedrohung bezeichnet. Unter dem Druck der christlichen Fundamentalisten und der Tea Party hat er beides widerrufen. Zudem ist er Mormone und hat einmal seinen Hund auf einem Familientrip nach Alaska auf das Dach seines Autos gebunden.

Santorum ist der Enkel eines italienischen Einwanderers, der in einer Kohlemine geschuftet hat. Er vertritt damit grundsätzlich die wichtigste Wählergruppe der Republikaner: weiss, männlich, untere Mittelschicht. Santorum ist streng katholisch und kommt bei den christlichen Fundamentalisten gut an.

Paul galt bis vor kurzem noch als Spinner: keine Notenbank, eine minimale Armee und eine völlig abgespeckte Regierung. Das sind seine Forderungen. Fünf Ministerien will Paul gänzlich streichen, die anderen massiv verkleinern. Er will, dass sich die USA von der Aussenwelt praktisch wieder vollständig zurückziehen und auf Gold gestütztes Privatgeld einführen. Kurz: Paul will die Vereinigten Staaten in eine Art neoliberales Nordkorea verwandeln.

Ultrarechte bahnen sich den Weg

Die USA haben hohe Schulden, eine untragbar hohe Arbeitslosigkeit, eine zerfallende Infrastruktur und ein Bildungssystem, das sich international nur noch knapp im Mittelfeld befindet. Auch die Amerikaner müssen sich mit den Folgen der Klimaerwärmung befassen und sich auf ein digitales Zeitalter vorbereiten. Doch worüber streiten sich die Präsidentschaftskandidaten? Über Homo-Ehen, Abtreibung und die Bibel. Das ist, wie Thomas Friedman in der «New York Times» schreibt, zwar alles sehr unterhaltsam, aber völlig irrelevant. In der «Financial Times» bezeichnet Jeffrey Sachs die Ausmarchung der Republikaner als einer Art «USA sucht den Superstar» für Erwachsene, als eine bizarre TV-Show im Reality-Format.

Präsident Barack Obama hat derweil viel von seiner Popularität eingebüsst. Die Republikaner – einst eine gutbürgerliche Partei wie hierzulande die FDP – sind ins ultrarechte Eck gerückt. Das bedeutet, dass heute ein Mann, der noch vor kurzem als unwählbarer Extremist gegolten hätte, der nächste Präsident der USA werden könnte. Eine nicht sehr komfortable Aussicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.01.2012, 13:26 Uhr

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