Selbst ernannter «Soldat des Volkes»

Venezuelas Staatschef Hugo Chávez war eine der schillerndsten Figuren der Politik. Mit dem Ölreichtum des Landes im Rücken nahm er gewaltige, aber auch sehr umstrittene Reformen in Angriff.

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Bei seinem Aufstieg an die Spitze des ölreichsten Landes Südamerikas wurde der Linksnationalist Chávez von seinem untrüglichen Machtinstinkt geleitet. Nachdem er 1992 nach einem gescheiterten Putschversuch zwei Jahre Haft absitzen musste, gelang es ihm bei der Präsidentschaftswahl 1998, auf verfassungskonformen Weg an die Macht zu kommen. Danach sagte er dem «wilden Neoliberalismus» und dem korrupten politischen Establishment des Landes den Kampf an und überstand 2002 einen Militärputsch und einen zweimonatigen Generalstreik. 2006 wurde er mit 62 Prozent der Stimmen wiedergewählt.

2009 setzte Chávez in einem Referendum die Möglichkeit seiner unbegrenzten Wiederwahl durch. Mit seiner «Revolution für den Sozialismus des 21. Jahrhunderts» sah sich Chávez in direkter Nachfolge des südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar. Er liess den Namen seines Landes sogar in Bolivarische Republik Venezuela ändern.

Als selbst ernannter «Soldat des Volkes» leitete Chávez im Laufe der Zeit Verstaatlichungen in der Öl-, Stahl- und Zementindustrie sowie in den Bereichen Telekommunikation und Stromversorgung ein. Er startete eine Alphabetisierungskampagne und verbesserte das Gesundheitssystem. Vor allem die ärmere Bevölkerung ist Chávez für seine sozialistisch geprägten Reformen dankbar. Der überzeugte Katholik war zweimal geschieden und hinterlässt vier Kinder und drei Enkelkinder.

«Hasta la vida, siempre!»

Die Tatsache, dass Venezuela über die weltweit grössten Ölreserven verfügt, nutzte der Präsident für eine selbstbewusste Aussenpolitik insbesondere gegenüber den USA, die er bevorzugt als «Imperium» bezeichnete. Während der UNO-Generaldebatte 2006 in New York sagte er in seiner Rede nach dem vorausgegangenen Auftritt des damaligen US-Präsidenten George W. Bush: «Gestern kam der Teufel hierher, und dieser Ort riecht noch immer nach Schwefel.»

Mit billigem Öl und den Einnahmen aus dem Rohstoff unterstützte Chávez linke Regierungen in anderen Ländern Lateinamerikas. Zugleich zeigte er sich pragmatisch: Die Öllieferungen an die USA stellte er nie ein. Gute Beziehungen pflegte er zu Gegnern der USA, etwa zum iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad und zum syrischen Staatschef Baschar al-Assad.

Zuletzt musste Chávez zurückstecken. Der Mann, der wenig schlief und sich kaum je einen Urlaub gönnte, geriet mit mehreren Krebsoperationen in Kuba an seine Grenzen. Er fuhr seine Wahlkampf-Auftritte zurück und gab sogar seine sonntägliche Fernsehsendung «Aló Presidente» auf. Chávez' Kampfeswille war fast bis zum Schluss ungebrochen. Als er im Dezember zu seiner letzten Krebsoperation nach Havanna aufbrach, reckte er die Faust und rief: «Hasta la vida, siempre!» (Vorwärts zum Leben, immer!). Damit bezog er sich auf den berühmten Ausspruch des argentinisch-kubanischen Revolutionärs Ernesto Che Guevara «Hasta la victoria, siempre! (kle/mw/AFP)

Erstellt: 05.03.2013, 22:57 Uhr

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