«Ich bin schockiert über das Ausmass der Spionagetätigkeit»

Fünf Ehepaare haben während mehr als zehn Jahren für Russland in den USA spioniert. Der Fall sei schlimmer als zu Zeiten des Kalten Kriegs, sagt ein Kenner der Geheimdienste.

Nach der Festnahme sofort vor Gericht: Fünf der zehn Angeklagten, die Spione sein sollen.

Nach der Festnahme sofort vor Gericht: Fünf der zehn Angeklagten, die Spione sein sollen. Bild: Keystone

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Das Treffen auf höchster Ebene fand erst letzte Woche statt. Barack Obama und Dmitrij Medwedjew waren in Washington zusammengekommen, um die amerikanisch-russischen Beziehungen weiter zu verbessern. Bei dieser Gelegenheit bezeichnete Obama seinen russischen Amtskollegen als «soliden und verlässlichen Freund». Diese angebliche Freundschaft steht jetzt aber auf einem harten Prüfstand, nachdem ein russischer Spionagering in den USA am Sonntag ausgehoben worden ist. Im Nordosten des Landes verhaftete das FBI zehn mutmassliche Agenten im Dienste Russlands.

Wie amerikanische Medien berichten, sind Kenner der russischen Geheimdienste erstaunt – über das Ausmass, die lange Dauer und die Ziele des Agentennetzes, hinter dem der russische Auslandsgeheimdienst (SVR) stehen soll. Dabei habe Ministerpräsident Wladimir Putin, früherer Präsident Russlands und Ex-Chef des FSB (vormals KGB), den Amerikanern versprochen, die Geheimdienste zu reformieren und vom dunklen Image aus Sowjetzeiten wegzubringen. Das nun aufgedeckte Wirken der Agenten in den USA erinnert an den Kalten Krieg. Die zehn Verdächtigen sollen teils seit den neunziger Jahren Informanten rekrutiert und Informationen für Russland gesammelt haben.

«Rückkehr der alten Tage, sogar noch schlimmer»

«Ich bin schockiert über das Ausmass der Spionagetätigkeit und über die Tatsache, dass bei diesem Agentenring so viele Personen involviert waren», sagt Oleg Kalugin im Gespräch mit der «New York Times». Der frühere KGB-General Kalugin war in den sechziger und siebziger Jahren selbst als Spion in den USA tätig gewesen, getarnt als Diplomat und Korrespondent von Radio Moskau. «Das ist eine Rückkehr der alten Tage, sogar noch schlimmer», berichtet Kalugin, «damals waren es nie mehr als zehn Agenten in einem Ring, es waren weniger.»

Ziel der jüngsten Agentenmission war es, Verbindungen zu höchsten Politik-Kreisen in den USA aufzubauen, um an geheime Informationen heranzukommen. Die Spione sammelten Informationen über Nuklearwaffen, die Iran- und Afghanistan-Politik sowie andere Themen der amerikanischen Aussenpolitik, die Führung der CIA, Geschäfte des US-Kongresses, die Abrüstungspläne von US-Präsident Barack Obama und weitere Interna aus dem Weissen Haus, wie die «New York Times» berichtet. Die Agenten unterhielten Kontakte unter anderem zu einem früheren hochrangigen Beamten der US-Behörde für nationale Sicherheit, einem Forscher für Nuklearwaffen sowie einem Geschäftsmann, der in der Politik tätig ist. Wie geheim und wertvoll die Informationen sind, die die Agenten nach Moskau übermittelt haben, ist bislang nicht bekannt.

Moderne Methoden des Netzwerks

Der frühere Sowjet-Spion Kalugin, der heute als US-Bürger in der Nähe von Washington lebt, zeigt sich beeindruckt, wie es den US-Behörden gelungen ist, den Spionagering aufzudecken. Immerhin war es das Resultat von mehr als zehn Jahren Fahndungsarbeit. Amerikanische Agenten sollen sich – unter anderem als russische Regierungsbeamte getarnt – mit den mutmasslichen SVR-Agenten getroffen haben. Die Bundespolizei FBI hatte die Verdächtigen auch überwacht, sie in ihren Wohnungen und in Hotelzimmern abgehört, ihre Anrufe mitgeschnitten und ihre E-Mails gelesen.

Das FBI listete in seiner Anklageschrift die Methoden des Netzwerks auf. Die Spione arbeiteten den Angaben zufolge mit verschlüsselten Botschaften. Bargeld sei ihnen von russischen Boten bei Aufenthalten in lateinamerikanischen Ländern übergeben worden. Daten seien via ein geheimes elektronisches Netz über Laptops weitergegeben worden. Bei Reisen nach Moskau und zurück in die USA seien die Spione zur Tarnung über Rom geflogen und hätten falsche Pässe benutzt.

Fünf Ehepaare mit unauffälligen Leben

Bei den zehn verhafteten Personen handelt es sich um fünf Ehepaare, die bemüht waren, ein unauffälliges Leben zu führen. Die Nachbarn der Festgenommenen zeigten sich erstaunt, wie amerikanische Medien berichten. Die Agenten gaben sich als US-Bürger, Kanadier, Peruaner und Russen aus. Ausserdem wurde die Identität eines verstorbenen Kanadiers verwendet. Ein Geldlager war jahrelang in einem Feld vergraben. So geht es aus Akten eines Bundesgerichts in New York hervor, aus denen «New York Times» und «Washington Post» zitieren.

Die mutmasslichen Spione sind bereits am Montag angeklagt worden. Ihnen drohen Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. In einigen Fällen geht es auch um Geldwäscherei, die mit Strafen von bis zu 20 Jahren Gefängnis bestraft werden kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.06.2010, 12:57 Uhr

Russische Spionage in den USA

In den letzten zehn Jahren erregten zwei Spionagefälle, in die der russische Auslandsgeheimdienst (SVR) verwickelt war, Aufsehen in den USA. Im Februar 2001 wurde der damalige FBI-Mitarbeiter Robert Hanssen festgenommen. Während rund 20 Jahren hatte Hanssen für Russland und zuvor für die UdSSR gearbeitet. So verriet er zum Beispiel die Namen von Doppelagenten. Hanssen, im Juli 2001 verurteilt, verbüsst eine lebenslange Haftstrafe.
In einem anderen spektakulären Fall geht es um Sergej Tretjakov, der von 1995 bis 2000 - als Uno-Diplomat getarnt - in den USA tätig gewesen war. In einem 2008 veröffentlichten Buch machte Tretjakov bekannt, dass er zu Beginn des Jahrzehnts der russischen Regierung geholfen habe, rund 500 Millionen Dollar aus dem «Oil for food»-Programm im Irak abzuzweigen. Er habe Manipulationen des Ölpreises durch Saddam Hussein absichtlich nicht gesehen. Davon habe die russische Ölindustrie profitiert. (vin)

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