«Ich hatte keine Hemmungen, Bin Laden zu töten»

Robert O’Neill erschoss 2011 den Al-Qaida-Boss. Im Interview spricht er über die Mission, seinen Abschiedsbrief und den Ethos der Navy Seals.

«Die Menschen wollen wissen, was in Abbottabad geschah»: Robert O’Neill, Ex-Navy-Seal.

«Die Menschen wollen wissen, was in Abbottabad geschah»: Robert O’Neill, Ex-Navy-Seal. Bild: Keystone

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Sie waren Mitglied des US-Spezialkommandos, das 2011 im pakistanischen Abbottabad Osama Bin Laden liquidierte. Und Sie gaben die tödlichen Schüsse auf den Al-Qaida-Chef ab. Fühlen Sie sich als amerikanischen Helden?
Nein, überhaupt nicht. Ich war Teil eines tollen Teams mit tapferen Männern, die einen guten Job gemacht haben. Wenn wir von Helden sprechen wollen, dann war das Team der Held.

Wie haben Sie die letzten Momente im Leben des meistgesuchten Terroristen erlebt?
Bin Laden war grösser und hagerer, als ich erwartet hatte, sein Bart war kürzer und die Haare weisser. Aber ich konnte ihn klar als den Mann erkennen, dessen Gesicht ich schon Tausende Male gesehen hatte. Er stand hinter seiner Frau Amal, der jüngsten seiner vier Ehefrauen. Er wirkte verwirrt und hatte seine Hände auf ihren Schultern. Weil Bin Laden deutlich grösser war als sie, hatte ich freie Schussbahn: Aus kurzer Distanz zielte ich auf seinen Kopf und drückte dann zweimal ab. Als Bin Laden am Boden lag, verpasste ich ihm einen dritten Kopfschuss. Man weiss ja nie.

Und dann?
Wir durchsuchten das Anwesen Bin Ladens. Wir nahmen alles mit, was wichtig aussah: Computer, Laufwerke, USB-Sticks, DVDs, CDs und Papiere. Mit unseren iPhones machten wir viele Fotos. Den toten Bin Laden steckten wir in einen Plastiksack. Alles musste sehr schnell gehen, weil wir nicht von den Pakistanern entdeckt werden wollten. Mit dem Helikopter flogen wir zurück nach Afghanistan zu unserem Stützpunkt in Djalalabad. Bin Ladens Leichnam übergaben wir Agenten von CIA und FBI. Sie stellten dann fest, dass wir den Richtigen erwischt hatten.

Bin Laden war unbewaffnet. Wäre es nicht richtig gewesen, ihn vor ein Gericht zu stellen? Sein Wissen hätte zudem für den Anti-Terror-Kampf wichtig sein können.
Das war eine «Kill or capture»-Mission, also Töten oder Gefangennehmen. In meiner Wahrnehmung stellte Bin Laden eine Bedrohung dar. Es war nicht auszuschliessen, dass er eine Sprengstoffweste trug und sich mit uns in die Luft jagen würde. Hätte er sich mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht nach unten auf den Boden gelegt, hätten wir ihn gefesselt und lebend mitgenommen. Ich hatte keine Hemmungen, diesen Mann zu töten – das war ja Bin Laden. Solches Töten ist ein antrainierter Reflex.

«Beim Anflug auf Abbottabad sagte ich mir: Heilige Scheisse, jetzt ist es so weit.»

Wie muss man sich die Vorbereitung für eine solche Mission vorstellen?
23 Kameraden und ich wurden einen Monat zuvor zu einem Trainingscamp in North Carolina bestellt. Dort war das Anwesen von Bin Laden massstabsgetreu nachgebildet worden. Wir haben die Erstürmung des Anwesens unzählige Male geübt. Zunächst wussten wir nicht, worum es ging. Aber wir ahnten, dass es ein grosses Ding sein musste. Beim Helikopterflug nach Abbottabad fing ich an zu zählen, um nicht in eine Gedankenspirale zu verfallen: von 0 bis 1000 und von 1000 bis 0, immer wieder. Beim Anflug auf Abbottabad sagte ich mir: Heilige Scheisse, jetzt ist es so weit. Ich muss aber zugeben, dass ich vor dieser Mission Angst hatte, anders als bei anderen Einsätzen. Ich hatte einen Abschiedsbrief an meine Frau und meine beiden Töchtern geschrieben und einem Freund übergeben. Ich hatte das Gefühl, dass ich diesmal nicht überleben würde.

Der Leichnam Bin Ladens wurde von der US-Marine im Arabischen Meer bestattet. Fotos des toten Terrorfürsten sind nie veröffentlicht worden. Fotobeweise hätten den vielen Verschwörungstheorien ein Ende setzen können.
Wer Verschwörungstheorien in die Welt setzen will, findet immer irgendeine abstruse Geschichte. Ich finde es richtig, dass keine Fotos des toten Bin Laden gezeigt wurden. Sein Gesicht war kaum noch zu erkennen. Das war ein fürchterlicher Anblick, den man der Öffentlichkeit nicht zumuten konnte.

«Ich muss zugeben, dass ich vor dieser Mission Angst hatte»: Robert O'Neill. Foto: Buch «Der Operator»

Sie haben letztes Jahr Ihre Biografie «Der Operator» veröffentlicht. Ehemalige Vorgesetzte und Kameraden äusserten Kritik, Sie hätten gegen das Ethos der Verschwiegenheit der Navy Seals verstossen.
Dass es ein solches Ethos gibt, stimmt nicht. Es trifft nicht zu, dass man über seine Zeit bei den Navy Seals immer schweigen muss. Ich habe nie solche Vereinbarungen unterschrieben. Jeder soll seine Geschichte erzählen dürfen, wenn er keine Taktiken verrät und Kameraden nicht in Gefahr bringt. Die Menschen wollen wissen, was in Abbottabad geschah. Mein Buch ist auch ein zeithistorisches Dokument. Ich bin nicht der erste ehemalige Navy Seal, der ein Buch veröffentlichte. Es ist aber das einzige über die Mission in Abbottabad, das vom Pentagon und von der CIA freigegeben wurde.

Ende 2012 haben Sie die Navy Seals verlassen. Warum haben Sie sich zwei Jahre später als Bin-Laden-Todesschütze geoutet?
Ich ging an die Öffentlichkeit, weil ich früher oder später ohnehin geoutet worden wäre. Einige Militärs und Kongressabgeordnete wussten bereits Bescheid, danach kursierte mein Namen bei mehreren Medien. Schliesslich sprach ich mit der «Washington Post» und Fox News, die meine Identität bekannt machten. Der Rummel um meine Person war riesig, auch unangenehm. Aber man gewöhnt sich an alles.

Warum haben Sie Ihre Geschichte als Buch veröffentlicht? Ging es Ihnen nicht auch um Ruhm und Geld?
Nein. Ausschlaggebend war eine Begegnung mit etwa 30 Familienangehörigen der Terroropfer von 9/11 in New York. Indem ich meine Geschichte des Einsatzes in Abbottabad erzählte, konnte ich ihnen offensichtlich einen gewissen Trost spenden. Mit der Tötung von Bin Laden konnte ja ein Stück weit Gerechtigkeit geschaffen werden. Die Opferangehörigen sagten mir, dass ich ihnen geholfen habe, ihre immer noch grosse Trauer zu verarbeiten. Das war eine Motivation, meine Biografie zu schreiben. Zudem möchte ich junge Menschen dazu ermuntern, zur Armee zu gehen.

«Mit der Tötung von Bin Laden konnte ein Stück weit Gerechtigkeit geschaffen werden.»

Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrem Buch vermitteln?
Ich erzähle die Geschichte eines einfachen Burschen aus einer Kleinstadt in Montana, der nicht gut schwimmen konnte und es trotzdem schaffte, von den Navy Seals aufgenommen zu werden – weil er dies unbedingt wollte. Mein Buch handelt davon, dass man alles schaffen kann, wenn man daran glaubt und dafür hart arbeitet.

Vor Ihnen trat ein anderes Mitglied der Navy Seals an die Öffentlichkeit. Ihr Kollege schildert teilweise einen anderen Ablauf der Aktion in Abbottabad. So sollen auch andere Navy Seals auf Bin Laden geschossen haben. Gehts da um persönliche Eitelkeiten?
Mein Kamerad war hinter mir. Im Schlafzimmer Bin Ladens war es dunkel, überall war Rauch, alles ging sehr schnell. Ich kann nicht beurteilen, was mein Kamerad glaubt, gesehen zu haben. Ich kann nur erzählen, was ich selber gesehen und erlebt habe. Dass die Mission erfolgreich verlief, war aber das Verdienst des ganzen Teams.

Wie hat sich die US-Regierung erkenntlich gezeigt für Ihren Einsatz?
Wir wurden ins Weisse Haus eingeladen. US-Präsident Barack Obama, Vizepräsident Joe Biden und Verteidigungsminister Robert Gates sprachen Dankesworte im Namen des amerikanischen Volkes. Danach erhielten wir einen Silver Star, eine der höchsten militärischen Auszeichnungen. Das wars. Das Ganze wirkte surreal.

«Trump spricht und twittert zu viel. Er äussert Dinge, die er besser für sich behalten würde.»

Sie haben die Navy Seals nach 16 Dienstjahren verlassen. Weil 4 Jahre fehlten, verloren Sie alle Ihre Rentenansprüche. Dabei haben Sie bei über 400 Einsätzen Ihr Leben für Ihr Land riskiert. Ist das nicht bitter für Sie?
Das sind halt die Regeln. Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Und ich versuchte, das Beste daraus zu machen. Ich arbeitete als Sicherheitsberater und als Motivationsredner für eine bekannte Agentur in Washington. Daneben gründete ich Your Greatful Nation. Diese Organisation hilft Veteranen aus Spezialkräften der US-Armee, ihr Leben nach dem Krieg aufzubauen. Seit meiner Buchveröffentlichung bin ich viel als Redner unterwegs. Schliesslich arbeite ich für den TV-Sender Fox News: Ich kommentiere Militärthemen und Spezialoperationen der US-Armee.

Mission erfüllt: US-Präsident Barack Obama und sein Kabinett verfolgen im «Situation Room» die Aktion gegen Osama bin Laden in Pakistan. Foto: Reuters

Fox News ist der Lieblingssender von Donald Trump. Was denken Sie über den Präsidenten?
Trump spricht und twittert zu viel. Er äussert Dinge, die er besser für sich behalten würde. Obwohl viele Medien ständig negative Geschichten über ihn veröffentlichen, halte ich ihn für einen guten Präsidenten. Die Wirtschaft läuft gut, es gibt neue Jobs: Das spricht für Trump. Ich unterstütze seinen Plan, unsere Armee zu stärken. Seine Idee einer Militärparade halte ich allerdings für Dritte-Welt-Bullshit. Für unser Militär muss es darum gehen: Wir bereiten uns vor, wir schrecken ab, und wir kämpfen.

Haben Sie Trump persönlich kennen gelernt?
Ja. Ich traf ihn während des Wahlkampfs und später im Weissen Haus. Man kann sich gut mit ihm unterhalten. Er ist ein witziger Kerl. Golf haben wir aber nicht gespielt.

Haben Sie bei der Präsidentschaftswahl 2016 für Trump gestimmt?
Ich rede nicht darüber, wen ich wähle. Ich bin ein politisch unabhängiger Bürger. Ich habe konservative, aber auch liberale Ansichten. Mir geht es um das Wohl der amerikanischen Nation.

«Angst vor Rache? Nein, aber ich nehme die Sache ernst. Und ich weiss mich zu schützen.»

Haben Sie Pläne, in die Politik einzusteigen?
Nein. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich jetzt mach

Ihre Geschichte wurde von Hollywood verfilmt. Sie sind ein erfolgreicher Buchautor und Redner. Sind Sie ein reicher Mann?
Ich verdiene mehr als bei den Navy Seals. Aber das ist nicht wichtig. Ich habe gute Jobs, bin gesund, habe ein gutes Privatleben: Das ist entscheidend.

Für Al-Qaida-Anhänger und andere Radikalislamisten sind Sie eine Hassfigur. Haben Sie Angst vor Rache?
Angst nicht, aber ich nehme die Sache ernst. Ich muss wachsam sein. Wenn ich gefragt werde, wo ich wohne, sage ich: irgendwo in den USA. Ich weiss mich zu schützen, da ich mich ein Leben lang mit Sicherheitsfragen auseinandergesetzt habe. Wenn ich öffentliche Auftritte habe, gibt es entsprechende Sicherheitsvorkehrungen.

Sind Sie ständig bewaffnet unterwegs?
Darüber spreche ich nicht. (lacht) Aber ich besitze schon Waffen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2018, 16:21 Uhr

Robert O'Neill

Vom Elitesoldaten zum Buchautor

Robert O’Neill (42) diente von 1996 bis 2012 bei der US-Eliteeinheit Navy Seals. Er absolvierte über 400 Einsätze, unter anderem im Irak, in Somalia, Afghanistan und Pakistan. O’Neill erhielt 52 militärische Auszeichnungen. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Heute arbeitet er als Veteranenberater, Redner und Kommentator bei Fox News. Seine Biografie «Der Operator: Wie ich Osama Bin Laden getötet habe» ist auf Deutsch im Riva-Verlag, München, erschienen. (vin)

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In der Residenz von Bin Laden

In der Residenz von Bin Laden Ein Rundgang durch das Haus des getöteten Terroristen im pakistanischen Abbottabad.

Video

Osama Bin Ladens Tötung: Die Operation «Neptun Speer». Quelle: Youtube/Spiegel-TV

Zeithistorisches Dokument: «Der Operator», die Biografie von Robert O'Neill.

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