«Ich sehe hier das Potenzial für etwas Grosses»

Was als belächeltes Sit-in in einem Park in Manhattan begann, hält Amerika zunehmend in Atem. Wer sind diese Leute, was wollen sie und wohin gehen sie? Korrespondent Martin Kilian liefert Erklärungsansätze.

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Martin Kilian, wer sind diese Leute, die Amerika in Atem halten?
Zu Beginn wurden die Proteste von Anarchisten initiiert, jetzt haben die Gewerkschaften eine stärkere Rolle übernommen. Aber in der grossen Masse sind es derzeit noch vor allem junge, weisse Amerikaner aus dem Studenten-Milieu. Ganz im Gegensatz zur Tea Party, die von Leuten über 50 geprägt ist.

Eine linke Tea Party der jungen Empörten also?
So kann man das auch wieder nicht sagen. Noch nicht. Aber was jetzt abläuft, hat meiner Meinung nach das Potenzial, sich zu einem Pendant zur Tea Party auszuwachsen.

Die jungen Leute schärfen ja gerade ihr Profil. Zu Beginn haben sie einfach protestiert, jetzt kommen sie mit ersten konkreten Forderungen. Was genau wollen sie, ausser die Macht der Banken einzuschränken?
Das kristallisiert sich jetzt langsam heraus. Was ich sehr interessant finde: Es gibt Anzeichen, dass diese Leute die richtigen Fragen bezüglich der wachsenden sozialen Ungleichheit finden. Studenten, die durch ihre Studien-Darlehen verschuldet sind, und Hausbesitzer, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können und auf zunehmend wertlosen Immobilien sitzen: Hier werden erste Forderungen laut, dass ein Teil dieser Schulden erlassen werden soll. Auch die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit ist natürlich ein Thema.

Wirklich überraschend kommt das nicht: Angesichts der wirtschaftlichen Lage wartete man richtiggehend darauf, dass die Amerikaner ihrem Unmut Luft machen.
Deshalb glaube ich auch nicht, dass diese Proteste so schnell wieder verschwinden werden. Es ist zwar wirklich noch zu früh, um sagen zu können, was daraus wird. Aber ich sehe eindeutig Potenzial für andauernde Proteste und vielleicht sogar eine neue soziale Bewegung.

Für heute ist erneut eine grosse Protestaktion in New York sowie auch in anderen Städten angekündigt. Was ist hier zu erwarten?
Sogar in Oklahoma City soll protestiert werden. Was ein starkes Zeichen ist, denn der Bundesstaat ist sehr konservativ. Gestern schon gab es in New York wieder eine grössere Kundgebung, und erstmals waren die Gewerkschaften dabei. Das ist ein neues Moment in der ganzen Sache. Überhaupt ist die Liste der Organisatoren dieser Demonstration ellenlang. Heute wird es zum Beispiel in Washington in der Nähe des Weissen Hauses eine Aktion geben, an der sehr diverse Gruppen teilnehmen wollen. Das zeigt, wie breit abgestützt die Angelegenheit ist.

Was für eine Rolle spielen die Gewerkschaften?
Meiner Meinung nach wollen sie da auf den fahrenden Zug aufspringen. Die amerikanischen Gewerkschaften haben in den letzten Jahrzehnten massiv an Einfluss verloren. Und jetzt stehen genau diese jungen Leute auf, die sie nie erreichen konnten. Die Gewerkschaften sind ja hoffnungslos überaltert. Jetzt sehen sie natürlich ein Mobilisierungs-Potenzial.

Weshalb unterstützen Wirtschaftsgrössen wie George Soros und Joseph Stiglitz die Proteste?
Das überrascht kaum. Soros und Stiglitz, aber auch Paul Krugman äusserten sich seit längerem besorgt über die wachsende soziale Ungleichheit und die Macht des Geldes, der Banken und der Unternehmen in der US-Politik – also genau jenen Punkt, den sich «Occupy Wall Street» auf die Fahne geschrieben hat. Eine weitere Forderung der Protestler ist übrigens jene nach einer öffentlichen Wahlkampffinanzierung. Das ist tatsächlich ein Riesenproblem in den USA: Die immensen Summen, die Reiche und Konzerne in die Wahlkämpfe von Politikern fliessen lassen, öffnen ihnen die Tür zur Macht. So gesehen sind die USA eine waschechte Plutokratie.

Gestern ging die Polizei hart gegen die Demonstranten vor. Wieso diese Gewalt?
Es sind auf der Seite der Proteste ein paar wenige, die gewaltbereit sind. Und natürlich gibt es auch Übergriffe der Polizei. Solche Reibereien sind wohl nicht vermeidbar. Aber ich möchte ganz klar festhalten: Der überwiegende Teil der jungen Demonstranten ist absolut friedlich und sieht sich in der Tradition des amerikanischen zivilen Ungehorsams. Die Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er, die Anti-Vietnam-Bewegung, die Homosexuellen seit den 70ern: Das sind ihre Vorbilder.

Zu Beginn waren die Medien sehr zurückhaltend.
Arrogant sogar. Sie haben die Sache falsch eingeschätzt, vielleicht weil viele Journalisten einfach zu wenig Nähe zu den Sorgen der Leute haben. Die US-Medien sind fast sämtlich im Besitz grosser Konzerne, weshalb ihnen die jungen Aktivisten nicht unbedingt vertrauen. Sie sehen die Medien eher als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Jetzt erscheinen aber in den Medien die ersten Kommentare, die sagen: Hier entsteht womöglich etwas, was wir genau beobachten sollten.

Hat die Bewegung in der Öffentlichkeit Sympathien?
Die Leute reagierten ebenfalls sehr zurückhaltend. Viele sind gespannt, was da abläuft. In meinem Bekanntenkreis werden die ersten Vergleiche mit der Tea Party laut.

Wenn sich die Entwicklung weiterzieht und die Proteste zur Bewegung werden: Wie würden sie sich auf die Wahlen im kommenden Jahr auswirken?
Das ist noch völlig offen. Grundsätzlich glaube ich, dass dies vor allem die Demokraten betreffen würde. Sie könnten davon einerseits profitieren. Andererseits bestünde auch die Gefahr einer Spaltung, wenn sich ein Teil der Demokraten radikalisiert und eng mit der Bewegung zusammenspannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2011, 19:43 Uhr

Berichtet für Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus Washington: Martin Kilian.

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