Im Land des paranoiden Wahns

In den USA kursieren bereits Verschwörungstheorien über Bin Ladens Tod. Die Regierung ist daran nicht unschuldig.

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Osama Bin Laden lag kaum in seinem nassen Grab, als sich die Zweifler an seinem Ableben bereits zu Wort meldeten: Der Tod des Terroristen sei fake, nur vorgetäuscht also. «Tut mir leid, aber wenn Sie den neusten Tod von Osama Bin Laden glauben, dann sind Sie ein Idiot», sagte die linke Friedensaktivistin Cindy Sheehan, während der rechte J. Michael Waller auf seiner Website Big Peace höhnte, er glaube an Bin Ladens Ende erst, «wenn ich es sehe».

Widersprüchliche Information

So erblühten im Land des paranoiden Wahns, dessen politische Sprengkraft der Historiker Richard Hofstadter schon 1963 in einem Kult-Essay analysiert hatte, schnell allerlei Verschwörungstheorien zum – vermeintlichen – Exitus des saudischen Massenmörders. Die Regierung Obama war daran nicht unschuldig: Statt sich auf eine einzige Version der Ereignisse in Bin Ladens Anwesen in Abbottabad zu einigen, preschten diverse Regierungsmitarbeiter mit Informationen vor, die sich als falsch erwiesen und vom Weissen Haus korrigiert werden mussten.

Dass Bin Laden mit der Waffe in der Hand Widerstand geleistet habe, wurde nachträglich widerrufen, ebenso die Behauptung, der Saudi habe sich hinter seiner Gattin verschanzt, die daraufhin von den US-Spezialkräften erschossen worden sei. Nein, dementierte Regierungssprecher Jay Carney die anfängliche Darstellung, die Ehefrau habe Bin Laden nicht als Schutzschild gedient, sie habe mit einem Schuss ins Bein überlebt. Ausserdem sei der Saudi unbewaffnet gewesen. «Für Widerstand», fügte Carney entschuldigend hinzu, «braucht es keine Feuerwaffe.» Mit der widersprüchlichen Informationspolitik goss man Öl ins hell lodernde Feuer der Verschwörungstheoretiker. Dass die Taliban im fernen Pakistan das Ableben ihres Idols bezweifelten, war verständlich. Weniger nachvollziehbar war der Vorwurf aus der rechten Ecke in den USA, Obama habe Bin Laden töten lassen, um mit einem Paukenschlag den Präsidentschaftswahlkampf zu eröffnen. Als abgefeimte Aktion wurde der Einsatz in Pakistan auch am anderen Ende des politischen Spektrums abgetan, wo sogenannte «Truthers» bis heute glauben, George W. Bush und die CIA seien für 9/11 verantwortlich gewesen. In dieser fiebrigen Lesart der Geschichte wurde Bin Laden erledigt, um ihn zum Schweigen zu bringen und die wahren Schuldigen zu schützen. «Wir werden niemals wissen, was wirklich passiert ist», kommentierte der Starfootballer Rashard Mendenhall per Twitter und musste sich umgehend vorhalten lassen, ein «Truther» zu sein. Nicht einmal unter den Angehörigen der Opfer von 9/11 wurde die Ausschaltung Bin Ladens allgemein akzeptiert: «Stimmt es oder ist es falsch? Ich weiss es nicht», sagte Stella Olender, deren Tochter Christine im World Trade Center gestorben war. Selbst solche Zweifel verblassten hinter der robusten Umwälzung der Realität, wie sie in den Randbezirken des paranoiden Bewusstseins vorgenommen wurde. Dort, wo die Erde weiterhin flach und die Mondlandung eine Falschmeldung ist, behauptete etwa der bekannte Radio-Talker Alex Jones, Osama Bin Laden sei von der Washingtoner Regierung «schon vor Jahren eingefroren worden», der Einsatz in Pakistan mithin eine Lüge. Dass die Regierenden in Washington über ein Schatzkästchen von Daten und Bildern verfügen, mit denen das Ende Bin Ladens zweifelsfrei nachweisbar sein dürfte, beeindruckte die Paranoiker nicht im Geringsten: Warum, so fragten sie, ist bisher nichts veröffentlicht worden? Ob Bilder der Leiche oder des Begräbnisses auf hoher See, ob Videos vom Angriff in Abbottabad oder DNA-Daten: Nichts wurde herausgegeben, um Dampf in der Gerüchteküche abzulassen.

Ruf nach Fotos des Toten

Als der Vorsitzende des Geheimdienst-ausschusses im Repräsentantenhaus, der republikanische Abgeordnete Mike Rogers, nach Einsicht der Unterlagen sagte, es existierten «keinerlei Zweifel», dass es sich bei dem Toten um Osama Bin Laden handle, überzeugte das nicht alle. Es brauchte Bilder. Überzeugender wäre es gewesen, klagte der republikanische Senator Lindsey Graham, «wenn ein unabhängiges forensisches Team, vielleicht von Scotland Yard oder einer anderen Organisation», den Toten untersucht hätte.

Dafür ist es zu spät: Die Leiche ist versenkt. Und in der Regierung wurde gestern um die Freigabe von Fotos des Toten gerungen. CIA-Direktor Leon Panetta hatte am Dienstag deren Veröffentlichung angekündigt; Obamas Sprecher befand gestern jedoch, die Aufnahmen seien «grauenhaft» und könnten die Emotionen «aufpeitschen». Der republikanische Abgeordnete Peter King hingegen behauptete, so grausig seien sie nicht und der Öffentlichkeit durchaus zumutbar. «Man sollte die Bilder veröffentlichen», meinte der New Yorker Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani; im Weissen Haus aber war man unschlüssig: Panetta unterstützte weiterhin die Publikation, Aussenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates aber warnten davor. Dem harten Kern der Verschwörungstheoretiker wäre mit einer Veröffentlichung wohl kaum beizukommen: Wahrscheinlich würden sie auf die Vortäuschung von Realität mittels Photoshop verweisen. Vielleicht entschied sich Barack Obama auch deshalb, die Bilder nicht freizugeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2011, 23:50 Uhr

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