In Israels streng religiösen Medien ist Hillary Clinton unsichtbar

In den ultra-orthodoxen Medien Israels sind Bilder von Frauen tabu. Was machen sie, wenn es mal um Hillary geht? Man will nicht mal ihren Vornamen lesen müssen.

Im Vordergrund und doch unsichtar: Hillary Clinton bei einer Wahlveranstaltung in Scranton, PA. (Archiv)

Im Vordergrund und doch unsichtar: Hillary Clinton bei einer Wahlveranstaltung in Scranton, PA. (Archiv) Bild: Keystone

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Auch wenn es um Prominente wie Angela Merkel geht - oder jetzt die potenzielle US-Präsidentin Hillary Clinton. Da behilft man sich lieber mit Fotos von Ehemann Bill.

Hillary Clinton hat gute Aussichten, Präsidentin von Israels wichtigstem Bündnispartner zu werden. Aber ihr Bild taucht in einer Reihe bedeutender Medien Israels nicht auf - der ultra-orthodoxen Presse, deren zutiefst konservative Leserschaft keine Abbildungen von Frauen duldet, auch wenn eine von diesen vielleicht demnächst die USA regiert.

Schon andere prominente Politikerinnen vor Clinton haben diese Behandlung erfahren: von Golda Meir, der einstigen Regierungschefin Israels, bis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. «Für uns ist es keine Frage. Wir werden keine Bilder von Frauen veröffentlichen. Punkt», sagt Meni Schwartz, Chefredakteur der ultra-orthodoxen Nachrichtenseite «Behadrei Haredim».

Kein physischer Kontakt

Ungefähr elf Prozent der 8,5 Millionen Einwohner Israels sind Haredi oder ultra-orthodox. Zu erkennen sind sie an schwarzen Hüten und langer schwarzer Kleidung. Sie halten sich strikt an jüdische Gesetze und führen oft ein isoliertes Leben, abgegrenzt von der stärker säkularen jüdischen Mehrheit.

Die Frauen tragen traditionell lange Röcke und langärmelige Blusen, und wenn sie verheiratet sind, bedecken sie ihr Haar. In den Synagogen und bei Hochzeiten sitzen Männer und Frauen getrennt voneinander, und wenn sie nicht miteinander verwandt sind, vermeiden sie physischen Kontakt.

Ultra-orthodoxe Medien, darunter vier Tageszeitungen, zwei grössere Wochenzeitungen und zwei Hauptwebseiten, folgen den konservativen Idealen. Dazu zählt, die Sittsamkeit von Frauen zu bewahren, und auf die Berichterstattung über Sex, Drogen und Mord zu verzichten. Viele glauben, dass die Abbildung von Frauen diese Werte verletzt, egal, wie prominent die Betreffende oder wie gross der Nachrichtenwert ist.

Nicht Hillary, sondern Bill oder Tim

Wenn Haredi-Medien aus den USA berichten, verwenden sie Bilder vom Weissen Haus, von Hillary Clintons Vize-Kandidaten Tim Kaine und sogar von ihrem Ehemann Bill - nur nicht von ihr selber.

Diese Haltung löste dieses Jahr in Israel eine Debatte aus, als «Jateed Neeman», die grösste ultra-othodoxe Tageszeitung, eine Geschichte über Clintons Entscheidung für Kaine berichtete und es mit einem Foto von Bill bebilderte. «Was geschieht, wenn Hillary wirklich gewinnt? Vier Jahre mit Bildern von Bill?» twitterte Journalist Jair Ettinger, der für die säkulare Zeitung «Haaretz» über religiöse Angelegenheiten berichtet.

Journalist Beni Rabinowitsch von «Jated Neeman» schrieb zurück, dass die Haredi-Presse «eine klare und strikte Linie in dieser Frage» habe. «Wir werden klarkommen, mit oder ohne Bill.»

Nicht mal ihren Vornamen will man lesen

Jaakow Lustigman, aussenpolitischer Reporter der populären ultra-orthodoxen Zeitung «Hamewaser», sagt, seine Leser seien vom US-Wahlkampf fasziniert, und «wir haben kein Problem mit einem weiblichen Präsidenten». Aber man wolle kein Bild von Clinton sehen, ja nicht einmal ihren Vornamen lesen.

«Hamewaser» sorgte für Aufsehen, als es Bundeskanzlerin Angela Merkel aus einem Foto von führenden Weltpolitikern herausnahm, die nach dem Anschlag auf das Satire-Magazn «Charlie Hebdo» 2015 durch Paris marschierten.

Die Nachrichtenseite «Kikar Haschabbat» geht einen andern Weg: Sie veröffentlicht gesetzte Bilder von Clinton und anderen weiblichen Führungspersonen. «Hillary Clinton ist in ihren Sechzigern. Sie kleidet sich sittsam, und sie wird wahrscheinlich Präsidentin», erklärt der aussenpolitische Reporter Israel Cohen dieses Vorgehen.

Aber das ist eine einsame Ausnahme, und Journalisten orthodoxer Konkurrenzpublikationen sagen, dass sie die Webseite wegen ihres Verhaltens nicht als wirklich Haredi betrachten.

Inhalt der Publikation wird überwacht

Die ultra-orthodoxen Medien seien in den vergangenen Jahrzehnten konservativer geworden, sagt Riwka Neria-Ben Schahar, Expertin am Sapir College in Sderot. Aber die Haredi-Frauen von heute unterstützten mit überwältigender Mehrheit den Kurs, wie ihre Studien ergeben hätten.

Ultra-orthodoxe Rabbiner, manche mit Zehntausenden von Gefolgsleuten, setzen fest, was in ihren Gemeinden akzeptabel ist. Bei einigen Zeitungen gibt es auch Rabbiner-Gremien, die den Inhalt der Publikation überwachen.

«Behadrei Haredim» mit Hauptquartier in der ultra-orthodoxen Enklave Bnei Brak nahe Tel Aviv, hat es mit einer Gratwanderung zwischen konservativen Idealen und den modernen Herausforderungen eines Online-Mediums zu tun.

«Achtung: Nur für Frauen geeignet»

Chefredakteur Schwartz zufolge wird die Seite jeden Monat eine Million Mal besucht, die Nutzer kommen aus dem In- und Ausland. Die einzigen Fotos von Frauen finden sich in einer Sektion mit dem Titel «Frauen-Lobby», die sich auf Kochen, Mutterschaft und Lifestyle konzentriert. Vor dem Öffnen taucht eine Warnung auf, dass das nur für Frauen geeignet sei.

Atara Sternuch, die für englischsprachige Sektion der Online-Publikation zuständig ist, sagt, das Fehlen von Frauenbildern auf der Hauptseite spiele «schlicht keine Rolle». Wer Fotos von Hillary Clinton sehen wolle, könne sie woanders finden. «Wir wollen es angenehm für unsere Leser machen, die so etwas nicht ausgesetzt sein wollen», sagt Sternuch.

Auch ultra-orthodoxe Medien in den USA sind traditionell vor Frauen-Abbildungen zurückgescheut. Aber die sehr reale Möglichkeit einer Clinton-Präsidentschaft hat doch einige Debatten ausgelöst. Eine Zeitung veröffentlichte kürzlich ein Bild von Hillarys Hand und brach damit ein Tabu. Rabbiner Yitzchok Frankfurter, Herausgeber des Wochenmagazin «Ami» in New York, sagte, würde das Abdrucken eines Clinton-Fotos erwägen, wenn übergeordnete rabbinische Stellen es erlaubten.

Sheldon Schoer, früherer Vorsitzender der Gruppe Democrats Abroad Israel, kritisierte den Bilder-Bann ultra-orthodoxer Medien, der Clinton benachteilige. «Ich glaube nicht, dass die jüdische Religion das wirklich erfordert.»

Erstellt: 26.08.2016, 20:26 Uhr

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