In Kalifornien droht den Friedhöfen der Tod

Ein Start-up kauft Wälder und nutzt Bäume als Gräber. Für 30'000 Dollar findet man so als Dünger die ewige Ruhe unter einem Mammutbaum.

Besucher gehen durch den Point-Arena-Wald in Kalifornien. Foto: Better Place Forests

Besucher gehen durch den Point-Arena-Wald in Kalifornien. Foto: Better Place Forests

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Im Silicon Valley verfolgen viele visionäre Vordenker das Ziel des ewigen Lebens. Vorerst wird aber auch dort noch gestorben, weshalb die Begräbnisindustrie reif ist für disruptive Innovation.

Ein Pionier der Umstürzler ist die Firma Better Place Forests in San Francisco. Das 2015 gegründete Start-up-Unternehmen kauft Wälder und verwandelt sie in Friedhöfe. Kunden können für sich selbst oder für verstorbene Angehörige das Recht erwerben, Bäume als Gräber zu verwenden. Die kremierten Überreste werden mit Dünger vermengt und nähren das pflanzliche Grabmonument.

«Friedhöfe sind teuer und wirklich schrecklich», sagte der Firmengründer Sandy Gibson zur «New York Times». «Ich wusste, dass es etwas Besseres geben muss. Wir versuchen, die ganze Erfahrung des Lebensendes neu zu designen.»

Das Geschäft floriert

In den Jahren seit der Gründung hat sich das Start-up – falls bei diesem morbiden Thema das Wort erlaubt ist – munter entwickelt. Ausgestattet mit 11,8 Millionen Dollar Kapital, hat Better Place Forest bereits zwei Wälder von insgesamt 50 Hektaren Fläche gekauft. Der eine liegt im Norden des Gliedstaates bei Point Arena an der Pazifikküste, der andere in der Nähe der Bucht von Monterey bei Santa Cruz. Die inzwischen 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben laut Gibson schon «ein paar Dutzend» menschliche Reste im Waldboden versenkt und «Tausende» von Bäumen für künftig Sterbende verkauft.

Weil auch ein toter Kunde König ist, offeriert Better Place Forests Verewigungen in allen Preislagen. Das Angebot beginnt bei 970 Dollar für einen mit anderen geteilten «Community Tree», an dem Plaketten die Identität der im Wurzelreich Ruhenden verraten. Ein privater «Family Tree» ist ab 2900 Dollar zu haben. Beide Preisstufen schliessen neben der Markierung einen «Empfang» ein, wie die Firma die Waldbestattung nennt.

Mammutbäume sind am teuersten

Wenn begüterte Sterbliche höher hinaus wollen, wählen sie zum Preis von 30’000 Dollar oder mehr einen der berühmten kalifornischen Redwood-Bäume. Die hohen Nadelbäume werden bis zu 700 Jahre alt und garantieren eine ziemlich ewige Ruhe. Kostengünstigere junge Bäume werden ersetzt, sollten sie eingehen, verspricht die Firma.

Kunden aller Preisklassen können für eine Extragebühr ein Videoporträt des oder der Verstorbenen anfertigen lassen. Besucher des Gräberwaldes richten dann ihr Handy auf den Strichcode der Plakette und sehen sich das Video an – allerdings nur dann, wenn die Datenschutzeinstellung dies erlaubt.

«Haustiere sind ein grosses Thema. Hier können alle Familienmitglieder gestreut werden. Es ist dein Baum.»Firmengründer Sandy Gibson

Anders als in normalen Friedhöfen sind in den Grabwäldern Haustiere zugelassen. Mehr noch: Weil hier die Regelungen für Friedhöfe nicht gelten, können Interessierte vor der Beisetzung ihre eigene Asche mit jener des Hundes oder der Katze vermischen lassen. «Haustiere sind ein grosses Thema», sagt Gibson. «Hier können alle Familienmitglieder gestreut werden. Es ist dein Baum.»

Die Preise der Firma liegen durchaus im Rahmen herkömmlicher Begräbnisse. In der Gegend von San Francisco kosten Beisetzungen schnell einmal 15’000 bis 20’000 Dollar. Der amerikanische Markt der Sterbedienste sei sehr gross – «20 Milliarden Dollar im Jahr», weiss Jon Callaghan, Partner bei True Ventures. Der Investor hält Better Place Forests für zukunftsträchtig, denn für die Begräbnisbranche gelte: «Das Produkt ist kaputt.»

Biologisch abbaubare Urnen

Die innovative Firma versucht nicht als einzige, die Lücke zu füllen, die durch die Abkehr vieler Menschen von der organisierten Religion entstanden ist. Grüne Bestattungen gibt es auch anderswo in den USA, und längst werden leicht abbaubare Särge aus organischen Materialien angeboten.

Die Capsula Mundi an der Design-Triennale in Mailand. Foto: Getty Images

In die gleiche Richtung geht das noch radikalere Projekt Capsula Mundi der beiden Designer Anna Vitelli und Raoul Bretzel. Die zwei Italiener verkaufen nicht nur biologisch abbaubare Kremationsurnen, sie haben auch abbaufähige Grossbehälter für nicht kremierte Tote entworfen. Ihr eiförmiger «Pod» soll einen ganzen Leichnam in fötaler Stellung aufnehmen. Im Boden versenkt, kümmern sich Bakterien, Insekten und Würmer um ihn, auf dass er einem darüber gepflanzten Baum Nahrung spende. Bis Ende August hängt eine Capsula Mundi in der Ausstellung «Broken Nature» der 22. Mailänder Triennale für Design.

Erstellt: 14.08.2019, 19:13 Uhr

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