Iran und USA sind Gefangene ihrer Geschichte

Die Verweigerung eines Visums für Irans neuen UNO-Botschafter belastet die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran. Die Feinde Teherans in der US-Hauptstadt sind zufrieden.

Iran durch das Prisma der Geiselnahme: Iranische Studenten stürmen 1979 die US-Botschaft in Teheran. (4. November 1979)

Iran durch das Prisma der Geiselnahme: Iranische Studenten stürmen 1979 die US-Botschaft in Teheran. (4. November 1979) Bild: Keystone

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Nur wenige Nationen sind dermassen Gefangene ihrer gemeinsamen Geschichte wie der Iran und die Vereinigten Staaten. Definiert der CIA-Coup gegen den nationalistischen iranischen Premierminister Mohammed Mossadegh und die nachfolgene Wiedereinsetzung des Schah seit 1953 für Teheran diese Geschichte, so sieht Washington den Iran stets durch das Prisma der Geiselnahme und Gefangenschaft von 52 amerikanischen Diplomaten in Teheran im Herbst 1979.

Mehr hat sich im Laufe der Jahrzehnte angehäuft, etwa der Abschuss eines iranischen Passagierjets durch ein US-Kriegsschiff oder der Streit über Teherans Atomprogramm. Unverändert aber hängen die Ereignisse von 1953 und 1979 wie ein Damoklesschwert über dem iranisch-amerikanischen Verhältnis. Jetzt holt diese vertrackte Historie die beiden Kontrahenten erneut ein: Die Regierung Obama gab am vergangenen Freitag bekannt, sie werde Teherans designiertem UN-Botschafter Hamid Aboutalebi kein Visum für seine Arbeit in New York erteilen.

«Ein allseits bekannter Terrorist»

Warum die Brüskierung zu einem delikaten Zeitpunkt nur Wochen vor dem Beginn der nächsten und womöglich entscheidenden Runde der Sechserverhandlungen über das iranische Atomprogramm? Der neue Botschafter, so heisst es in Washington, sei an der Geiselnahme 1979 beteiligt gewesen. Der demokratische Senator Chuck Schumer bezeichnete ihn sogar als «Mitverschwörer».

Dass Bekannte Aboutalebis aus jener Zeit behaupten, er sei bei der Erstürmung der amerikanischen Botschaft in Teheran nicht zugegen gewesen und habe später für die Geiselnehmer lediglich als Übersetzer gearbeitet, hat Washington ebensowenig beeindruckt wie die Drohung des iranischen Aussenministers Mohammed Javad Zarif, die Verweigerung des Einreisevisums sei «nicht akzpetierbar». Man werde an Aboutalebi festhalten, verlautete am Wochenende aus Teheran.

Damit könnte der UN-Botschafter zu einem Werkzeug jener Interessen in der US-Hauptstadt werden, die ein Rapprochment zwischen der Obama-Administration und dem zu Reformen bereiten iranischen Präsidenten Hassan Rohani torpedieren wollen. So begann die Kampagne gegen den UN-Botschafter denn auch im Senat, wo sich der republikanische Senator Ted Cruz mit Senator Schumer über Parteigrenzen hinweg verständigte, um Aboutalebi mittels einer Gesetzesvorlage die Einreise zu verweigern. Der Diplomat sei «ein allseits bekannter Terrorist», begründete Cruz seinen Antrag, dem sich nicht nur eine Mehrheit der Senatoren, sondern auch das Repräsentantenhaus anschloss.

Problematische Vergangenheit

Offenbar benützen manche Kongressmitglieder die Geiselnahme vor dreieinhalb Jahrzehnten als Hebel, um die Atomverhandlungen zu hintertreiben. Statt eine historische Annäherung mitzutragen, fordern sie noch schärfere Sanktionen gegen Teheran. Sie befinden sich bereits in der Schublade des Kongresses und sind bislang nur auf Druck des Weissen Hauses nicht verhängt worden. Dass die Regierung Obama eingeknickt ist und Aboutalebi kein Visum ausstellen will, zeigt die Stärke der anti-iranischen Ressentiments in der US-Hauptstadt.

Nicht nur misstrauen die Kongressmitglieder dem Regime im Teheran zutiefst, weil sie überzeugt sind, der Iran spiele auf Zeit, um die Bombe zu bauen. Die Anführer des Einreiseverbots für Aboutalebi auf dem Kapitolshügel sind zudem ausgewiesene Freunde Israels. Nur selten hat Israel seine zahlreichen Verbündeten in Washington - sei es im Kongress, bei Lobbys oder in den Medien - derart mobilisiert wie beim bisher erfolglosen Versuch, die Atomverhandlungen zu stoppen.

Der Aufruhr über Aboultalebi könnte dies nun ebenso bewerkstelligen wie die neue Eiszeit zwischen Moskau und Washington: Schon hat der stellvertretende russische Aussenminister Sergei Ryabkow gedroht, im Gefolge neuer US-Sanktionen nach der Annexion der Krim könne die Regierung Obama bei den Atomverhandlungen mit Teheran künftig nicht mehr mit russischem Wohlverhalten rechnen. Dann hätte die problematische Vergangenheit Washington wie Teheran erneut eingeholt.

Erstellt: 13.04.2014, 21:52 Uhr

An ihm ist die Debatte entflammt: UNO-Botschafter Hamid Aboutalebi. (6. Februar 2014) (Bild: AP Photo)

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