Hintergrund

«Je weniger über einen Amokläufer bekannt ist, desto besser»

Amokläufer töten, damit die Welt danach ihren Namen kennt. Politiker und Medien in den USA verschweigen zunehmend den Namen des Täters von Colorado, um Nachahmer zu verhindern. Bringt das etwas?

Das Gedenken soll vor allem den Opfern gelten und nicht dem Täter: Ein zweijähriges Mädchen bei Windrädern, die im Gedenken an die Getöteten aufgestellt wurden.

Das Gedenken soll vor allem den Opfern gelten und nicht dem Täter: Ein zweijähriges Mädchen bei Windrädern, die im Gedenken an die Getöteten aufgestellt wurden. Bild: Keystone

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An einer Gedenkfeier für die Opfer des Massakers anlässlich der «Batman»-Premiere in Aurora nahe Denver nannte John Hickenlooper, Gouverneur von Colorado, den Täter James Holmes nicht beim Namen. Er sprach nur vom «Verdächtigen A». Dagegen trug er jeden einzelnen Namen der zwölf Opfer vor. «Wir wollen die Opfer, die Überlebenden und die Angehörigen in den Mittelpunkt stellen – und nicht den Mörder», sagte Eric Brown, Sprecher von Gouverneur Hickenlooper, gemäss einem Bericht der Nachrichtenwebsite HeraldNet.com. «Wir werden ihn weiterhin ‹Verdächtiger A› nennen.»

Bruder von Opfer: «Nennt ihn Feigling»

Auch die Medienstelle des Weissen Hauses verzichtet auf die Namensnennung des Täters, wenn es um die Tragödie von Aurora geht. Dieser Praxis haben sich inzwischen verschiedene Medien angeschlossen, etwa der konservative TV-Sender Fox News, der bei der Präsentation von Dokumenten den Namen des Täters schwärzt.

Und der bekannte CNN-Reporter Anderson Cooper teilte via Twitter mit, dass man alles berichten werde, was man über den Verdächtigen wisse. «Aber ich werde versuchen, seinen Namen so wenig wie möglich in den Mund zu nehmen.» Eine andere Empfehlung gab der Bruder eines Opfers ab. «Nennt ihn Feigling», sagte er gemäss einem Bericht der Zeitung «Die Presse».

«Wenn man dies isoliert macht, bringt das nichts»

Amokläufer töten unter anderem, damit die Welt danach ihren Namen kennt. Könnte die Gefahr von Nachahmungstaten verringert werden, wenn der Name eines Amokläufers in der Berichterstattung verschwiegen würde? «Wenn man dies isoliert macht, bringt das nichts», sagt Josef Sachs, Forensik-Chefarzt im Kanton Aargau, auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Man müsste dafür sorgen, dass möglichst wenige Details aus dem Leben des Täters an die Öffentlichkeit gelangen. «Je mehr bekannt ist, desto eher findet bei potenziellen Nachahmern eine Identifizierung mit dem Täter statt.» Wenn ein möglicher Nachahmer feststelle, dass ein Amokläufer zum Beispiel dieselben Probleme oder ähnliche Verhaltensweisen gehabt habe, könne viel einfacher eine Identifikation stattfinden.

Sachs erinnert auch an den Fall des Attentäters von Zug, Friedrich Leibacher, über dessen Leben nach seiner Tat im September 2001 sehr viel bekannt geworden war. Damals habe man immer wieder von Leuten die Aussage gehört, dass Leibacher eigentlich recht gehabt habe. Hinsichtlich der Prävention von Nachahmungstaten nach Amokläufen gelte der Grundsatz: Je abstrakter der Täter erscheint, desto besser.

Nach Ansicht von Gerichtspsychiater Sachs sollten Behörden und Medien bei der Information über einen Amokläufer nicht das Leben des Täters in den Mittelpunkt stellen, sondern den Schrecken seiner Taten und vor allem das Leiden der Opfer. Einige potenzielle Amokläufer würden sich allerdings selber Informationen beschaffen, etwa indem sie im Internet über die Täter recherchierten.

Am besten «keine Namen und keine Fotos»

Die Diskussion um die Namensnennung von Amokläufern ist nicht neu, und sie wird auch in Europa immer wieder geführt. Nach der Tragödie von Winnenden im März 2009, bei der Tim K. 15 Mitschüler und sich selbst tötete, plädierten in einer TV-Sendung von «3sat» verschiedene Experten für eine mediale Berichterstattung, die dem Gedenken an die Opfer und nicht der Erinnerung an den Täter dient. «Keine Namen, keine Fotos», lautete eine Empfehlung an die Adresse der Medien. Der Amokläufer dürfe nicht zum Superstar gemacht werden. Die voyeuristische Fixierung auf den Täter würde zudem Nachahmungstaten geradezu provozieren, warnen Gewaltforscher seit Jahren.

Das Problem der Nachahmung von kriminellen Taten war bereits in der Antike bekannt. Als ein Mann namens Herostratos im vierten Jahrhundert vor Christus den Artemis-Tempel in Ephesos in Brand steckte, um Unsterblichkeit zu erlangen, verboten die Behörden, künftig seinen Namen zu nennen. In der heutigen Fachliteratur ist vom Herostratos-Syndrom die Rede, wenn Menschen Amokläufe begehen, damit die Welt ihren Namen kennt. Vom Amokläufer am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt (2002), der 16 Menschen und sich selbst umbrachte, ist folgende Aussage überliefert: «Einmal möchte ich, dass mich alle kennen.»

Keine Kameras bei der Anklageerhebung

Die Staatsanwaltschaft im US-Staat Colorado erhebt am heutigen Montag offiziell Anklage gegen den mutmasslichen Todesschützen von Aurora. Dem 24-jährigen Studenten wird vorgeworfen, während einer Mitternachtspremiere des neuen «Batman»-Films «The Dark Knight Rises» zwölf Kinobesucher getötet zu haben. 58 Menschen wurden bei dem Zwischenfall am 20. Juli verletzt.

Vom nächsten Auftritt des Amokläufers vor Gericht wird es weder Bilder noch Video geben, weil Richter William Sylvester alle Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt hat. Bei seiner Entscheidung soll der Richter gemäss einem Bericht der «Denver Post» den Wunsch der Anwälte des Beschuldigten berücksichtigt haben. Diese hätten sich dagegen ausgesprochen, Kameras zuzulassen. Bei seiner ersten Anhörung vor Gericht wirkte der Student, der sich die Haare knallorange gefärbt hatte, seltsam weggetreten.

Die Staatsanwaltschaft erwägt, für den Amokläufer die Todesstrafe zu fordern. Rechtsexperten gehen davon aus, dass insbesondere die Frage der Zurechnungsfähigkeit des Verdächtigen den Prozess bestimmen wird. Der 24-jährige Student war nach Angaben seiner Anwälte bei einer Psychiaterin an seiner Universität in Behandlung.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen AFP und DPAD (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.07.2012, 18:26 Uhr

«Im Mittelpunkt der öffentlichen Information sollten der Schrecken der Tat und das Leiden der Opfer stehen – und nicht das Leben des Täters»: Gerichtspsychiater Josef Sachs.

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