Jesus trägt die Nummer 15

Der bekennende Evangelikale Tim Tebow ist zum Phänomen des US-Sports geworden. Der Football-Star wird bewundert – und belächelt.

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Im Gesicht künden aufgemalte Bibelverse von seinem christlichen Glauben. Stets dankt er auf einem Knie im Footballstadion dem Schöpfer, wenn wieder einmal ein Pass zum Touchdown führte. Zuweilen zeigt er mit dem Finger auf den Himmel, wo der liebe Gott wohnt, auch betet er ganz ungeniert auf grünem Kunstrasen vor einem Fernsehpublikum von Millionen: Tim Tebow ist der Mann der amerikanischen Stunde und ein Held der evangelikalen Christenschar. Im Hauptberuf ist Tebow, 24, Quarterback und damit Spielmacher der Denver Broncos in der amerikanischen Football-Profiliga NFL.

Und längst ist der fromme Mann zu einem amerikanischen Phänomen geworden, ein Stein des Anstosses für die einen, ein Geschenk des Himmels für die anderen. In einer Zeit, da hochbezahlte Sportstars nicht selten durch kriminelles Verhalten, rüdes Benehmen und Arroganz auffallen, ist Tebow zum christlichen Vorzeigeathleten geworden, dessen treues – oder penetrantes? – Bekenntnis zu Jesus gleichermassen Bewunderung wie Abneigung erweckt. An Tim Tebow, schreibt Tom Krattenmaker, Verfasser eines Buchs über christliche Athleten, entzünde sich neuerlich «das anhaltende Argument über die Rolle des Christentums im öffentlichen Leben».

Als Quarterback bestenfalls durchschnittlich

Es hilft der christlichen Seite, dass Tebow sein Team in dieser Saison von einem Erfolg zum nächsten geführt hat, wenngleich dem jungen Quarterback nicht gerade Superqualitäten bescheinigt werden. Er sei gewiss «kein Tebow-Hasser», begann der Sportjournalist Jeff Dickerson seine Kritik nach dem jüngsten Sieg der Broncos am Sonntag, ehe er zur Sache kam: Tebow sei als Quarterback «von bemerkenswertem Durchschnitt».

Davon aber wollen viele Fans, die ihr Idol als Held der besonderen Art begreifen, nun wirklich nichts wissen: Tebows unorthodoxer Quarterback-Stil, seine Fehlpässe werden ihm verziehen. Immerhin hatte er als Quarterback der University of Florida zwei nationale Uni-Meisterschaften geholt und dabei stets Jesus gepriesen. 2009 bekannte sich Tebow öffentlich zu seiner Jungfräulichkeit. Und 2010 trat er zusammen mit seiner ebenfalls christlichen Mama in einem Werbespot für den Football-Superbowl auf und machte bekannt, dass die Ärzte der Mutter wegen Schwangerschaftsproblemen eine Abtreibung nahegelegt hätten, was die Mama ablehnte, worauf Tim Tebow geboren wurde.

Der kniende Tebow und das Wunder von Denver

Der gegen die amerikanische Abtreibungsfreiheit gerichtete Werbespot verärgerte nicht wenige Amerikaner, Tebows Fans aber waren elektrisiert. Zumal ihr Idol seine Semesterferien unter den Armen auf den Philippinen verbracht hatte und besonders die Nähe zu jungen Behinderten oder Sterbenskranken suchte.

Tebows permanente religiöse Bekundungen mochten manche Amerikaner anöden, als Profi in Denver aber gedieh der fromme Quarterback endgültig zu einem kulturellen Phänomen. «Tebowing» wurde jetzt das Knien auf nur einem Knie genannt, und bald hatte der junge New Yorker Jared Kleinstein die Webseite Tebowing.com geschaffen, auf der Fotos kniender Amerikaner zu sehen waren: auf der Reise durch China, in Weihnachtskostümen, auf dem Sattel eines Fahrrades, ja überall, wo ein Knie gebeugt werden konnte.

«Tebowing» wurde ein Hit, derweil der Mann auf dem Knie gefeiert wurde, weil er den Denver Broncos mit seiner Siegesserie ein «Wunder» beschert habe. Andernorts wurde «das Wunder von Denver» freilich als ominöses Vorzeichen gedeutet: Nicht um Football handle es sich hierbei, sondern um die nahende Wiederkunft Jesu und damit das Ende der Welt, dräute düster die christliche Webseite Nowtheendbegins.com.

Unchristliche Reaktionen seiner Gegner

Apokalypse hin oder her: Die Fans reissen sich um Trikots mit Tebows Nummer 15, auf deren Rückseite nicht der Name Tebow prangt, sondern einfach «Jesus». Tebow selbst gibt sich inmitten seiner Erfolgsserie frömmer und bescheidener denn je: Football sei ein Spiel, nicht mehr, zumal es dem lieben Gott gleichgültig sei, wer gewinne. Und nach dem Sieg über die New York Jets hob der Quarterback im Interview zu gewohntem Lobpreis an: «Zuerst will ich meinem Herren und Erretter Jesus Christus danken», begann Tebow.

Bisweilen aber provoziert Tebow auf dem Spielfeld eine unchristliche Gegenreaktion: Kaum hatte der Abwehrspieler Stephen Tulloch ihn beim Match gegen die Detroit Lions unsanft von den Beinen gerissen, kniete Tulloch im Stil des «Tebowing» nieder und tat, als danke er dem lieben Gott, während Tebow sich hochrappelte. «Er hat wahrscheinlich nur Spass haben wollen», bewertete der vergebende Tebow die frevelhafte Geste. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Unterdessen erreicht das Tebow-Fieber mit jedem Sieg der Broncos neue Höhen. Selbstverständlich wird Tim Tebow bereits als möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt, irgendwann in einer fernen Zukunft, wenn er den Football-Helm an den Nagel gehängt hat und seine Frömmigkeit nicht weniger hell leuchtet als heute.

Erstellt: 13.12.2011, 13:36 Uhr

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