Kämpferisch für Amerika und giftig gegen Trump

Wie der grosse Auftritt von Hillary Clinton am Parteitag der Demokraten angekommen ist.

Präsentiert sich als erfahrene Leaderin: Hillary Clinton.

Präsentiert sich als erfahrene Leaderin: Hillary Clinton. Bild: Reuters

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Hillary Clinton ist seit letzter Nacht offiziell die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten. Damit ist die historische US-Präsidentschaftswahl, an der erstmals eine Frau teilnimmt, eröffnet. In ihrer Rede auf dem Parteitag in Philadelphia kündigte die frühere Aussenministerin ein massives Konjunkturprogramm an, und sie teilte gegen den republikanischen Gegner Donald Trump aus. In den ersten Reaktionen sprechen Kommentatoren und Politanalysten von einer soliden Rede. Clinton habe den Anti-Trump-Groove gefunden und habe sich als leidenschaftliche Kämpferin gezeigt. Laut «New York Times» lieferte Clinton eine Rede ohne harte Fakten, vielmehr war es eine Variation ihrer Überzeugungen, angereichert mit Angriffen gegen Trump.

Sie wolle eine Präsidentin «für alle Amerikaner» sein – auch für jene, von denen sie nicht gewählt werde, sagte die 68-Jährige unter dem Jubel der Tausenden Delegierten. Zwischenrufe von Anhängern des unterlegenen Präsidentschaftsbewerbers Bernie Sanders gingen in den «Hillary! Hillary!»-Sprechchören unter. Am Ende waren die Anfang Woche zerstrittenen Demokraten wieder eine fast harmonische Einheit.

Clinton versuchte auch, über die demokratische Wählerschaft hinaus gemässigte Republikaner zu erreichen, die wegen Trump verunsichert sind. Vor ihr betraten militärische Führer, Strafverfolgungsbeamte und auch republikanische Vertreter die Bühne, um Clinton ihre Unterstützung im Kampf gegen Trump zu erklären.

So sieht die «Huffington Post» den Auftritt der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. (Screenshot «Huffington Post»).

In ihrer Rede beschwor Clinton immer wieder den Zusammenhalt aller Amerikaner. Und sie bemühte sich, sich als Gegenentwurf zu Trump darzustellen. Clinton präsentierte sich als solide und erfahrene Leaderin, die in aller Welt Respekt geniesst und Souveränität in Krisensituationen zeigt. Das waren auch klare Anspielungen auf die Defizite des republikanischen Gegenkandidaten. Sie sprach aber auch Klartext: «Fragt euch selbst: Hat Donald Trump das Naturell, um Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu sein? Donald Trump ist schon mit dem Durcheinander eines Wahlkampfes überfordert.»

Wie der US-Sender CNN in einer Analyse betont, verfolgt Clinton unter anderem die Strategie, die Präsidentenwahl zu einem Referendum über Trumps Charakter und Temperament zu machen. «Stellt ihn euch in einer echten Krise im Oval Office vor», sagte Clinton. Dabei nahm sie Trumps Twitter-Leidenschaft aufs Korn. «Ein Mann, den man mit einem Tweet ködern kann, ist kein Mann, dem wir Nuklearwaffen anvertrauen können.»

Nach Ansicht von «Spiegel online» hat die Präsidenschaftskandidatin der Demokraten eine klassische Clinton-Rede gehalten: «Zähe Details, politische Wunschlisten, die jede Interessengruppe befriedigen – Frauen, Minderheiten, Gewerkschafter, Homosexuelle, Arbeiter, Behinderte, Soldaten, Veteranen.» Und weiter: «Clinton hakt alle demokratischen Schlüsselreize ab: Mindestlohn, Krankenversicherung und unfaire Handelsabkommen – eine Verneigung an die Sanders-Fraktion.»

Clinton sagte, sie wolle in den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit das massivste Konjunkturprogramm seit Ende des Zweiten Weltkrieges auf die Beine stellen. Dadurch sollten Arbeitsplätze unter anderem im Bereich der Öko-Energien, der Infrastruktur und der kleinen Unternehmen geschaffen werden. Mit dem Versprechen vieler neuer Jobs wandte sich Clinton gezielt an jene Teile der amerikanischen Wählerschaft, die wegen ihrer wirtschaftlichen Situation frustriert sind und unter denen ihr republikanischer Rivale Trump den Umfragen zufolge Anklang findet.

Der republikanische Kandidat Trump reagierte mit einem halben Dutzend Tweets auf die Clinton-Rede. «Hillarys Vision ist eine Welt ohne Grenzen, in der arbeitende Menschen keine Macht, keine Jobs und keine Sicherheit haben.» Und: «Ihre Weigerung, über den islamischen Radikalismus zu sprechen, ist ein Beweis, dass sie nicht in der Lage ist, unser Land zu führen.» Oder: «Niemand hat eine schlechtere Reputation als Hillary Clinton. Korruption und Zerstörung verfolgen sie überall hin.»

Erste Direktdebatte am 26. September

Die Meinungsforscher sehen derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Clinton und Trump. Der populistische Republikaner hat zuletzt aufgeholt und vor allem in ländlichen Regionen bei weissen, männlichen Wählern mit vergleichsweise tiefem Bildungsniveau punkten können. Clinton hat ihrerseits viele Menschen aus der schwarzen und der lateinamerikanischen Minderheit hinter sich.

Der nächste grosse Moment des Wahlkampfs findet in knapp zwei Monaten statt: Am 26. September treten Clinton und Trump in einer Debatte gegeneinander an.

Erstellt: 29.07.2016, 10:22 Uhr

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