Karriere an der Seite des Pornostars

Michael Avenatti vertritt Sexdarstellerin Stormy Daniels im Kampf gegen Donald Trump. An dem Fall zeigt sich beispielhaft, wie in den USA Anwälte zu Megastars werden können.

Symbiotische Beziehung: Stormy Daniels, Anwalt Michael Avenatti. Bild: Keystone

Symbiotische Beziehung: Stormy Daniels, Anwalt Michael Avenatti. Bild: Keystone

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Man könnte sich Michael Avenatti auch als Hauptdarsteller in einem Actionfilm aus den Achtzigern vorstellen, «Stirb langsam» zum Beispiel. Das kantige Gesicht, die blauen Augen, der entschlossene Blick, das sieht sehr nach Bruce Willis aus. Avenatti inszeniert sich in den TV-Studios der US-Nachrichtensender als knallharter Typ, er ist der omnipräsente Anwalt der Pornodarstellerin Stephanie Clifford alias Stormy Daniels und hat es auf Präsident Donald Trump abgesehen.

Sein Gegenspieler ist Rudy Giuliani, den viele Amerikaner noch immer dafür bewundern, dass er als Bürgermeister von New York nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 so besonnen reagiert hat, obwohl er wahrscheinlich gar nicht anders hätte reagieren können. «Amerikas Bürgermeister», so hat ihn auch die Moderatorin Oprah Winfrey getauft, und genau so einen hatte sich Donald Trump einem Bericht der «Washington Post» zufolge gewünscht: Er brauche «mehr TV-Anwälte», die ihn öffentlich verteidigen gegen diese, wie Trump es immer wieder nennt: «Hexenjagd».

Avenatti und Giuliani, die zwei Anwälte, debattieren nun, jedoch nie miteinander oder gegeneinander, sondern stets übereinander: ob es vor zwölf Jahren eine Liebesnacht zwischen Daniels und Trump gegeben hat, ob Trump von einer Schweigegeldzahlung von 130'000 Dollar während des Wahlkampfes im Jahr 2016 gewusst hat und ob das Geld für die Rückzahlung an Trumps Anwalt Michael Cohen möglicherweise aus dem Wahlkampfetat oder über Umwege sogar aus Russland geflossen sein könnte.

Es geht für Trump um sehr viel bei diesem Fall, und genau deshalb geht es auch um Avenatti und Giuliani – so wie es bei fast allen aufregenden Geschichten aus den USA derzeit immer auch um die Anwälte geht. Bei den beiden Prozessen gegen Bill Cosby etwa äusserte sich der Entertainer erst nach seiner Verurteilung zum ersten Mal, er beschimpfte Staatsanwalt Kevin Steele mit Kraftausdrücken. Ansonsten war der Prozess die Show der Anwälte, und wer dabei war, der erkannte sehr schnell, dass der Gerichtssaal nur Nebenschauplatz war. Die wahre Bühne waren die Stufen vor dem Gebäude; dort, wo die Mikrofone standen.

Video: Cosby wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt

Nach dem Urteilsspruch gegen den US-Entertainer Bill Cosby brachen Frauen vor dem Gericht in Jubel aus. Video: Reuters

Nach jedem Verhandlungstag schenkte Gloria Allred den Journalisten knackige Zitate, und nach dem Urteil war sie die Erste, die auf diesen Stufen stand und verkündete: «Wir können nun endlich feststellen, dass Frauen geglaubt wird, nicht nur bei MeToo, sondern auch vor Gericht.» Allred vertritt mehr als die Hälfte der 60 Frauen, die Cosby sexuelle Nötigung vorwerfen, sie inszeniert sich geschickt als Verteidigerin der Missbrauchten, auf Fotos ist sie meist zu sehen, wie sie jemanden stützt oder führt oder von vermeintlichen Opfern umrankt wird.

Inszeniert sich in den TV-Studios der US-Nachrichtensender als knallharter Typ, der die Pornodarstellerin Stephanie Clifford alias Stormy Daniels verteidigt: Michael Avenatti. Foto: Andres Kudacki/AP

Ohne dieses aggressive Verhalten wären viele Skandale nicht öffentlich geworden

Von Summer Zervos etwa, eine ehemalige Kandidatin der TV-Show «The Apprentice». Sie behauptet, 2007 von Trump sexuell belästigt worden zu sein. Das Foto dazu, das bis vor ein paar Wochen überall zu sehen gewesen ist, ehe die beiden sich aus ungeklärten Gründen voneinander trennten: Allred stützt Zervos und führt sie aus einem Gerichtsgebäude. Oder jene Frau, die behauptet, im Haus des Musikers Chris Brown vom Rapper Young Lo vergewaltigt worden zu sein. Oder mutmassliche Opfer von Filmproduzent Harvey Weinstein.

Allreds Tochter Lisa Bloom ist die Anwältin des Reality-TV-Sternchens Teairra Mari, die dem Schauspieler Akbar Abdul-Ahad und dem Rapper 50 Cent vorwirft, pikante Fotos und Videos ohne ihr Wissen im Internet verbreitet zu haben. Sie vertritt auch Wendy Walsh, die Bill O'Reilly sexuelle Nötigung vorwirft, weswegen der Moderator des rechtspopulistischen Nachrichtensenders Fox News gefeuert worden ist. Bloom hat allerdings einst auch Weinstein dabei geholfen, Vorwürfe gegen ihn aussergerichtlich aus der Welt zu schaffen.


Weshalb sollte sie schweigen? Ein Geheimhaltungsvertrag verbietet es ihr, über die Affäre mit dem Präsidenten zu sprechen. Stormy Daniels tut es trotzdem – zur Unterschrift sei sie genötigt worden. (Abo+)


Es vergeht kaum ein Tag, an dem Allred nicht in den Nachrichten auftaucht, weshalb ihr nun einige vorwerfen, dass sie eher an persönlicher Anerkennung für ihren Kreuzzug gegen sexuelle Belästigung interessiert sei als an Gerechtigkeit oder Wandel – so wie einige über Avenatti behaupten, dass der sich eher um seine persönliche Zukunft sorge als um das Wohl seiner Mandantin. Allerdings muss man diese Gier nach Aufmerksamkeit auch vor einem anderen, womöglich viel wichtigeren Hintergrund betrachten: Ohne dieses aggressive Verhalten der Anwälte bei Zivilklagen wären zahlreiche Skandale nicht öffentlich geworden. Genau deshalb ist Avenatti so gefährlich für Trump.

Treffen in Los Angeles mit einem Anwalt, der mehrere Jahre lang für einen der grössten Unterhaltungskonzerne der Welt gearbeitet und dabei Skandale von Prominenten diskret gelöst hat. Deshalb möchte er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. «Eine Zahlung wie die an Clifford ist, so zynisch das klingen mag, keine grosse Sache», sagt er, Promis seien es gewohnt, dass sich jemand um ihre Skandale kümmere. Er berichtet von demolierten Hotelzimmern, unerfreulichen Videos und ungewollten Schwangerschaften: «Meistens lässt sich ein Problem mit Geld lösen, es ist eine einfache Rechnung: Wie hoch ist der Marktwert des Stars, und wie viel kostet es, das Problem ohne Publicity zu lösen?»

«Avenatti bekämpft Trump mit dessen eigenen Waffen»

Das Schweigen des Pornostars war für den damaligen Reality-TV-Star Trump zunächst offenbar kaum was wert. Nun ist stets von 130'000 Dollar die Rede, die das Geheimhalten der Affäre gekostet haben soll. Informationen über einen amtierenden US-Präsidenten sind freilich nahezu unbezahlbar.

Pornodarstellerin Stormy Daniels erhebt neue Vorwürfe gegen Trump. Video: Reuters

«Avenatti bekämpft Trump mit dessen eigenen Waffen: öffentliche Schmähung und Attacke mit offenem Visier ohne Rücksicht auf die Reputation seines Gegners. Das hat, wie man bei den Interviews von Giuliani gesehen hat, bereits zu gravierenden Fehlern bei der Gegenseite geführt», sagt der ehemalige Promianwalt: «Avenatti hat juristisch nicht besonders viel erreicht, doch darum geht es nicht. Avenatti ist für Trump gefährlicher als FBI-Ermittler Robert Mueller.»

Diese These vertritt auch der Juraprofessor John Culhane im US-Politikmagazin «Politico», er vergleicht Avenattis Strategie gar mit Enthüllungen um Tabakkonzerne, Waffenhersteller und die katholische Kirche, die ebenfalls aufgrund von Zivilklagen bekannt geworden sind. Grund dafür ist das amerikanische Zivilrecht. «Wenn eine Klage zugelassen wird, gibt es Enthüllungen, weil der Kläger allerlei Informationen einfordern darf. Durch diese Klage hat die Öffentlichkeit bislang mehr Informationen über die angebliche Trump-Russland-Zusammenarbeit bekommen als durch den erstarrten und gespaltenen Kongress», schreibt Culhane über Clifford und Avenatti: «Da könnte noch mehr kommen. Es könnte sein, dass diese ungewöhnliche Partnerschaft den klarsten Weg darstellt, die höchsten Regierungsebenen zur Rechenschaft zu ziehen.»

Am Ende von «Stirb langsam» hängt der Bösewicht aus dem Fenster eines Hochhauses, er klammert sich an der Uhr einer Frau fest. Bruce Willis löst die Uhr, wünscht dem Halunken eine «gute Reise» und lässt ihn nach unten stürzen. Das ist, zumindest bildlich gesprochen, ein Szenario, das sich Avenatti auch bei Trump ziemlich gut vorstellen kann. Er hat bereits, wie alle Achtzigerjahre-Actionstars, ein eigenes Schlagwort. Er beendet die meisten seiner Einträge bei Twitter mit: «Basta.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 09:30 Uhr

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