Hintergrund

Kinder des Online-Jihad

Nach dem Boston-Attentat sehen sich die US-Behörden mit sogenannten Homegrown-Terroristen konfrontiert. Ein Phänomen, das in Europa schon länger existiert.

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Dzhokhar Tsarnaev kann zurzeit lediglich nicken und schriftlich kommunizieren. Teile seiner Lunge und die Zunge sind weggeschossen. Der mutmassliche Terrorist aus Boston hatte sich seine Verletzungen wohl selbst zugefügt – kurz vor seiner Verhaftung. Es ist möglich, dass er im letzten Moment verhindern wollte, was diese Woche bereits für ihn begonnen hat: die Konfrontation mit der harten US-Justiz.

Bei seiner ersten Befragung bestand Tsarnaev nicht auf seinem Recht zu schweigen. Gemäss den Ermittlern zeigte er sich gar erstaunlich kooperativ. Seine ersten Aussagen aus dem Krankenbett liefern denn auch wertvolle Hinweise auf das Motiv, über das die Öffentlichkeit schon seit Tagen rätselt. Der 19-Jährige sagte, er habe sich durch seinen älteren Bruder zum Jihad – dem Heiligen Krieg für den Islam – inspirieren lassen. Für die Ermittler bestätigt sich allmählich der Verdacht, der schon zu zuvor bestand: Bei Dzhokhar und dem bei seiner Verhaftung getöteten Tamerlan Tsarnaev handelt es sich um selbst radikalisierte Jihadisten, die losgelöst von einer terroristischen Gruppierung agierten.

Tschetschenische Rebellen distanzieren sich

Passend dazu distanzierten sich diese Woche die islamistischen Widerstandskämpfer aus Tschetschenien, dem ethnischen Herkunftsland der Tsarnaev-Brüder, von den Anschlägen: «Kaukasische Mujahedin kämpfen nicht gegen die Vereinigten Staaten von Amerika», heisst es auf ihrer Website Kavkazcenter.com. Die islamistischen Rebellen pflegen bestimmt keine freundschaftlichen Beziehungen zu Washington, doch ihr Freiheitskampf richtet sich gegen Russland, von dessen Regierung sie sich seit Jahren gepeinigt fühlen. Vonseiten der al-Qaida, die für ihre internationale Vernetzung und die offene Kommunikation bekannt ist, war bisher kein Statement zu hören.

Die Ermittlungen müssen nun genauer ergeben, inwiefern sich die Brüder vom islamistischen Gedankengut russischer Randregionen beeinflussen liessen. Dabei steht vor allem der letztjährige Aufenthalt von Tamerlan in Dagestan im Fokus. Der Verdacht, dass er dort den Kontakt zu extremistischen Gruppierungen gefunden hat, konnte bislang weder vom FBI noch vom FSB, dem russischen Geheimdienst, erhärtet werden. Bislang ist lediglich gesichert, dass er im Kaukasus seinen Pass erneuern wollte. Um extremistisches Gedankengut zu entwickeln, musste Tsarnaev auch gar nicht so weit reisen. Es reichte der Gang ins Computerzimmer in seinem Appartement in Cambridge. Das Internet habe «eine grosse Rolle gespielt», gab sein jüngerer Bruder bei der ersten Befragung zu Protokoll. Die Pläne für die Bombensätze bezogen sie aus dem Netz.

Die Amerikaner waren ihm fremd

Es gibt viele Indizien dafür, dass Tamerlan sich mit seinen Gewaltfantasien zusehends isolierte. In der Bostoner Moschee, die er sporadisch besuchte, soll er mehrfach durch sein störendes Verhalten aufgefallen und nicht mehr erwünscht gewesen sein. Den Kontakt zu US-Bürgern hatte er schon länger abgebrochen: «Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund. Ich verstehe sie nicht», gestand er einst einem Vertrauten. Die «Washington Post»-Kolumnistin Anne Applebaum sieht in den mutmasslichen Bombenattentätern «eine neue Art von Terroristen», die ihr islamistisches Gedankengut nicht aus der Heimat importieren, sondern erst in den USA entwickeln. Diese meist jungen Männer würden sich, sobald sie sich fremd fühlten, einer «halb erinnerten, halb mythischen Heimat zuwenden», wenn sie «auf der Suche nach einer anderen, stärkeren Identität» seien.

Applebaum beschreibt ein Phänomen, das in Europa schon länger existiert: Homegrown Terrorism – hausgemachter Terrorismus. So wurden etwa die Attentate von Madrid und London von jungen Muslimen verübt, die in dem Land töteten, in dem sie ihre gesamte Jugend verbracht hatten. Der einflussreiche Terrorismusforscher Marc Sageman spricht von einer neuen Terrorismuswelle, die geprägt ist durch Muslime, die fürs Studium nach Europa zogen. Durch die Trennung von ihren Familien und das neue kulturelle Umfeld fühlten sich viele isoliert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt – negative Gefühle, die letztlich den Nährboden für eine Radikalisierung bilden. Diese neue Terroristengeneration braucht gemäss Sageman nicht einmal mehr die zentrale Führung einer al-Qaida. Vielmehr würden sich ihre Vertreter die virtuelle Welt zunutze machen, um «informelle, sich stetig verändernde und selbst finanzierte Netzwerke» zu schaffen, die letztlich in einem «führerlosen Jihad» mündeten.

Religion als Herleitung von Gewalt

Zusehends führungslos schien auch Tamerlan. Er sei besessen gewesen von der Idee, dass der Islam attackiert werde und die selbst ernannten Gotteskrieger zurückschlagen müssten. Seine Mutter sagte in einem Interview, dass der Islam ihn zusehends verändert habe. Er verklärte Tschetschenien zu seiner wahren Heimat, auch wenn er den Alltag dort kaum kannte. Vom sicheren Boston aus verinnerlichte er per Youtube die radikalen Kampfansagen der Rebellentruppe aus seiner fremd gewordenen Heimat.

Der deutsche Verfassungsschützer Alexander Eisvogel befasst sich schon seit Jahren mit der Radikalisierung junger Muslime durch das Internet. In einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) verwendete er dafür den Begriff «Online-Jihad». Eisvogel beschreibt einen neuen «kampfbereiten Islamismus», bei dem die Gewalt «nicht mehr zur Verteidigung einer Religion, sondern die Religion zur Herleitung der Gewalt» diene.

Im Gegensatz zu Europa blieben die USA von solchen Ressentiments bisher verschont. Doch nach dem Attentat in Boston wird nun deutlich: Allein die Aussicht auf den amerikanischen Traum scheint zur Integration abtrünniger Muslime nicht mehr zu reichen. Das gilt auch für bestens integrierte Hochschulstudenten wie Dzhokhar Tsarnaev. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2013, 16:31 Uhr

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