«Ihr macht unsere Familien und Freunde verrückt»

«Eine Stadt in Angst»: Die Bewohner von New Orleans sind genervt von der Hurrikan-Panikmache der nationalen Medien.

Nachdem Tropensturm «Barry» auf Land getroffen ist, beseitigen Anwohner in Morgan City, Louisiana, erste Schäden. (Foto: Rogelio V. Solis/AP)

Nachdem Tropensturm «Barry» auf Land getroffen ist, beseitigen Anwohner in Morgan City, Louisiana, erste Schäden. (Foto: Rogelio V. Solis/AP)

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Jedes Jahr im Juni wird es spannend an der Küste von Louisiana. Dann beginnt offiziell die atlantische Hurrikan-Saison. Ganz exakt ist diese Zeitangabe nicht: in den vergangenen fünf Jahren entwickelte sich der erste Sturm jeweils bereits im Mai, 2019 ist das zweite Jahr in Folge, in dem es den ganzen Juni über keinen Sturm gab. Doch jetzt ist der Tropensturm Barry da und wieder sind die Augen der Nation auf New Orleans gerichtet.

Die Stadt trägt auch ein bisschen Mitschuld an der Misere, schon allein, weil es ein Unding ist, eine grosse Kulturmetropole zwischen einen verdammt grossen See auf der einen Seite, und den Mississippi auf der anderen Seite zu bauen. Zu allem Überfluss (absichtliche Metapher) liegen etwa fünfzig Prozent der Stadt auch noch unterhalb des Meeresspiegels – ironischerweise eine Folge des 150 Jahre währenden Kampfes der Stadt gegen das Wasser.

Und natürlich kommt die nationale Aufmerksamkeit auch nicht von ungefähr. 2005 traf der Hurrikan Katrina die Stadt. Mehrere Dammbrüche führten zu massiven Überschwemmungen, auf die grosse Teile der Stadt völlig unvorbereitet waren. 1'833 Menschen starben damals im Stadtgebiet.

Wetter geht immer, so die Devise vieler Medienmacher, und Wetter in New Orleans, das ist historisch bedingt eben noch einmal eine Spur aufregender. Und so titelte die Washington Post am Freitag «Eine Stadt in Angst, New Orleans' Bewohner verlassen die Stadt und machen sich bereit für heftigen Regen und Hurrikan-artige Winde.» Als Zeitungsmacher kann man über den ästhetischen Wert dieser Überschrift durchaus streiten, ein amerikanischer Redakteur würde erwidern, so seien nun mal US-Schlagzeilen: beschreibend, nüchtern, faktengespickt.

Doch das mit den Fakten sehen in diesem Fall einige anders. Sogar der offizielle Twitter-Account der Stadt beschwerte sich bei der Washington Post: «Ihre Überschrift entspricht nicht der Faktenlage und auch in dem Bericht stimmt einiges nicht», schrieb das Social Media Team der Stadt. Die Bürger sollten sich lieber an offizielle Kanäle vor Ort halten.

Zu dem Zeitpunkt des Erscheinens des Artikels hatten die wenigsten Bewohner die Stadt verlassen, auch weil nicht abzusehen war, mit welcher Stärke der Tropensturm (eben nicht Hurrikan) überhaupt auf Land treffen würde.

Während die Washington Post von «fliehenden Bewohnern» schreibt, geht die Party auf der «Bourbon Street» einfach weiter. Foto: Keystone/EPA/Dan Anderson

Auch die einzig verbliebene Lokalzeitung der Stadt, der New Orleans Advocate, reagierte gereizt: Redakteur Kevin Allman schrieb am Freitag eine direkte Erwiderung auf den Artikel mit dem Titel: «Liebe nationale Medien, ihr macht unsere Familien und Freunde verrückt. Entspannt euch!»

Die Washington Post, so Allman stehe natürlich stellvertretend vor allem für viele TV-Sender, die jeden Sturm des Jahres zum Anlass nehmen, Reporter in Ölzeug an den jeweils windigsten Ort zu fahren, um sie dann stundenlang Liveschalten machen zu lassen, in denen sie Bewohner davor warnen, nach draussen zu gehen.

Es hätte schlimmer kommen können

Vielen Bewohnern der Stadt geht der Hype um die Stürme jedenfalls ziemlich auf die Nerven. Sie sind ohnehin bestens informiert. Weil Katrina natürlich auch in ihren Köpfen steckt, und weil es um ihr Hab und Gut, ihre Häuser und ihre Autos geht, haben sich viele von ihnen zu Sturm-Profis entwickelt, die den Unterschied zwischen dem europäischen Vorhersagemodell und dem US-Sturmvorhersagemodell GFS im Schlaf herunterbeten können. Der unterkomplexe Katastrophenjournalismus vieler überregionaler Zeitungen und TV-Sender dagegen führt lediglich dazu, dass verunsicherte Verwandte sich ständig erkundigen, wie es einem geht.

Dabei gab es auch für Sturmkenner in diesem Fall einige Alarmzeichen. So steht der Mississippi in diesem Jahr auch ohne Hurrikan-Beteiligung bereits auf Rekordhöhe. Eine Sturmflut – so die Befürchtung vieler echter Experten – hätte den Fluss über das Niveau der Deiche heben und so Teile der Stadt unter Wasser setzen können.

Dass es so weit kommt ist aktuell unwahrscheinlich geworden. Das liegt vor allem daran, dass der Sturm seinen Pfad geändert hat und New Orleans nur am Rand des eigentlichen Sturms liegt. Das bedeutet zwar keine Entwarnung, was Wind und Regen betrifft, aber einer katastrophalen Sturmflut entkommt die Stadt. Barry traf am Samstagnachmittag Ortszeit mit rund 115 Kilometern pro Stunde nahe der Stadt Intracoastal City westlich von New Orleans auf die Küste, wie das Nationale Hurrikan-Zentrum in Miami mitteilte.

Nun droht massiver Regen

Nachdem Barry auf dem Weg an Land kurzzeitig die Stärke eines Hurrikanes der untersten Kategorie eins angenommen hatte, schwächte er sich danach wieder zu einem Tropensturm ab. Meteorologen gingen davon aus, dass er auf seinem Weg ins Hinterland weiter an Kraft verliert.

Experten warnten jedoch, die Auswirkungen des Sturms könnten sich erst mit Verzögerung bemerkbar machen, vor allem durch den massiven Regen. Dies sei «erst der Anfang», sagte Louisianas Gouverneur John Bel Edwards. «Das werden noch einige lange Tage für unseren Staat.» Meteorologen erwarten grosse Regenmengen und Überschwemmungen.

US-Präsident Donald Trump hatte die Menschen in Louisiana vorab aufgerufen, Anweisungen der Katastrophenschutzbehörde Fema und der lokalen Behörden zu befolgen. Für den Bundesstaat wurde ein Notstand ausgerufen, damit Hilfe leichter genehmigt und organisiert werden kann.

Erstellt: 14.07.2019, 20:32 Uhr

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