Lippenstift für Obamas «erste Frau»

Millionen Politikmuffel wollte der US-Präsident mithilfe dreier Youtube-Stars erreichen. Die tatsächlichen Zahlen waren mies. Der Wohlfühlfaktor erschreckend hoch.

Welche Überraschung: Am Ende der Gesprächsstunde musste auch noch ein Selfie sein. (Screenshot: The White House/Youtube)

Welche Überraschung: Am Ende der Gesprächsstunde musste auch noch ein Selfie sein. (Screenshot: The White House/Youtube)

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Nett hatten es sich Hank, Bethany und GloZell im Weissen Haus eingerichtet. Bethany Mota brachte gar ein Foto ihrer Nichte mit. Und nett waren auch die Fragen, welche die drei äusserst erfolgreichen Produzenten von Youtube-Videos stellten. Gekannt haben soll der Präsident die Fragen vorher nicht.

Für jeden der drei nahm sich Barack Obama am Donnerstag rund zehn Minuten Zeit. Sie liessen ihn im Gegenzug ausführlich zu Wort kommen. Auf Nachhaken, Rück- oder Zwischenfragen wurde verzichtet.

Auch Obama lässt Bethany Motas Nichte grüssen (Foto am linken Bildrand)

Dafür wurde am Ende des präsidialen Besuchs brav nach einem Autogramm gefragt oder Geschenke für Ehefrau und Töchter verteilt. Wobei hier GloZell Green ein harmloser Patzer unterlief. Statt «First Lady» nannte sie Michelle Obama «first wife». «Wissen Sie etwas, das ich nicht weiss?», fragte Obama.

Für einen kurzen Moment verschlug es ihr die Sprache: GloZell Green.

Erzählte dem Präsidenten, wie sehr Obamacare sein Leben verändert hat, und erhielt dafür ein Autogramm: Hank Green.

Sollte dies die Zukunft der Politberichterstattung sein, dann gute Nacht Demokratie. Obamas PR-Strategen liessen drei absolute Politlaien auf den mächtigsten Mann der Welt los. Wenig überraschend hatte dieser keinen schweren Stand.

Die zweite Erwartung seiner Berater scheint sich aber nicht zu erfüllen. Durch die Einladung von Hank, Bethany und GloZell sollte die Botschaft Obamas Teile der Bevölkerung erreichen, die bei seiner Rede zur Lage der Nation am Dienstag weggeschaut hatten. Immerhin haben die Kanäle der drei Youtuber rund 14 Millionen Abonnenten.

Eingeschaltet haben zum live übertragenen Interview im Schnitt nur gut 80'000 Zuschauer. Das Video dazu wurde inzwischen rund 700'000-mal angeklickt. Zum Vergleich: Der erfolgreichste Beitrag von GloZell steht bei 40 Millionen. Die Rede zur Nation hatten live 31 Millionen Amerikaner geschaut, der tiefste Wert seit 15 Jahren.

Wahrscheinlich war die Show am Ende schlicht und einfach zu brav für die Netzgemeinschaft. Dass GloZell Fidel Castro als «dick» im Wort «dictatorship» bezeichnete, blieb die einzige verbale Entgleisung. Einer der häufigsten Livekommentare, der von den Zuschauern gepostet wurde, war denn auch «langweilig». Neben allerlei Beschimpfungen und Unzitierbarem.

Das Youtube-Interview in voller Länge. (The White House/Youtube)

Erstellt: 23.01.2015, 17:18 Uhr

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