Hintergrund

Los Zetas haben sich den Krieg erklärt

Das brutalste Drogenkartell Mexikos ist auseinandergebrochen. Die beiden Anführer der Zetas sind zu erbitterten Feinden geworden und haben bereits mehrere Massaker begangen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Experten sprechen von einem der bedrohlichsten Ereignisse im seit sechs Jahren wütenden mexikanischen Drogenkrieg: Das für seine unfassbare Grausamkeit bekannte Kartell Los Zetas ist auseinandergebrochen, und die beiden Untergruppierungen haben bereits damit begonnen, sich gegenseitig zu bekriegen. Zu befürchten ist nun, dass das Gemetzel in Mexiko noch irrwitziger wird. Denn die beiden Drogenbosse, die bis vor kurzem die Zetas angeführt haben und sich nun als Feinde gegenüberstehen, sind selbst für die barbarischen Sitten des mexikanischen Drogenkrieges ausserordentlich brutal.

Den Chef nennen sie Henker

Auf der einen Seite steht Heriberto Lazcano Lazcano alias El Lazca und alias der Henker. Der 38-Jährige ist ein ehemaliger Elitesoldat der mexikanischen Armee. Er hat Los Zetas um die Jahrtausendwende mitbegründet, zusammen mit rund 50 zum organisierten Verbrechen übergelaufenen Militärangehörigen.

Viele von ihnen hatten Ausbildungsgänge an der berüchtigten School of the Americas im Fort Benning im US-Bundesstaat Georgia durchlaufen. Sie waren trainiert in Abhör- und Überwachungstechniken, ausgebildet an verschiedenen Waffengattungen und spezialisiert im Nahkampf. Zunächst agierte die Gruppe als bewaffneter Arm des Golf-Kartells, später spaltete sie sich ab und wurde zu einer eigenständigen kriminellen Organisation, die heute in mehr als der Hälfte des mexikanischen Territoriums präsent ist.

Los Zetas haben unsägliche Gräueltaten begangen

In der langen, blutigen Galerie der im mexikanischen Drogenkrieg begangenen Verbrechen sind die Zetas für einige der schlimmsten verantwortlich: Sie waren es, die am 25. August 2011 das Casino Royale in der Industriemetropole Monterrey in Brand setzten, weil sich dessen Besitzer geweigert hatte, Schutzgeld zu bezahlen. 52 Menschen erstickten oder verbrannten, darunter viele Hausfrauen und Rentner, die im Glücksspiel etwas Ablenkung von ihrer nachmittäglichen Langeweile gesucht hatten.

Am 15. September 2008 griffen sie während der Feier zum mexikanischen Unabhängigkeitstag auf dem Hauptplatz der Stadt Morelia die Menschenmenge mit Granaten an. Acht Personen starben, mehr als hundert wurden teilweise schwer verletzt, mehreren wurden Arme oder Beine abgerissen. Für weltweites Entsetzen sorgten die Zetas, als sie am 23. August 2010 nahe der US-Grenze 72 wehrlose mittelamerikanische Migranten massakrierten, darunter Frauen und Minderjährige.

Als der Chef den Verrat bemerkte, war es zu spät

Lazcanos Gegner ist sein früherer Kampfgefährte Miguel Ángel Treviño alias Z-40. Begonnen hat er seine kriminelle Karriere als Laufbursche für eine Verbrechergruppe und als Autodieb, 2005 stieg er in seiner Geburtstadt Nuevo Laredo an der Grenze zu Texas zum lokalen Drogenboss auf. Treviño ist dafür bekannt, Gegner mit Benzin zu übergiessen und bei lebendigem Leib anzuzünden. Experten zufolge ist seine Macht innerhalb des Kartells in den letzten Jahren unaufhaltsam gewachsen, weil er es war, der den militärischen Kampf gegen verfeindete Gruppierungen und gegen die Armee anführte. Ausserdem dehnte Treviño die kriminellen Aktivitäten des Verbrechersyndikats auf die USA aus, wo er Rennpferde züchtete und durch Pferdewetten Geld wusch. Seinen Bruder José Treviño haben amerikanische Polizisten im vergangenen Juni verhaftet.

Als Lazcano bemerkte, wie gross Treviños Macht innerhalb der Organisation geworden war und wie viele Mitglieder ihn als den wahren und einzigen Boss betrachteten, war es zu spät.

Als würde das Aids-Virus mutieren

Die ersten Anzeichen für eine Spaltung der Zetas waren im Frühsommer zu beobachten, als Transparente auftauchten, in denen sich Lazcano und Treviño gegenseitig als Verräter bezeichneten. Zuvor hatten die Ordnungskräfte mehrere hochrangige Kartellmitglieder verhaftet. Mitte August fand die Polizei im zuvor vom Drogenkrieg verschonten zentralmexikanischen Bundesstaat San Luis Potosí in einem Lastwagen 14 Leichen; es waren Gefolgsleute von Treviño, die ein auf der Seite Lazcanos stehendes Kommando massakriert hatte. Dessen Anführer heisst Iván Velázquez alias El Talibán. Als die Armee die Mörderbande stellte, kam es zu einem zweistündigen Feuergefecht, bei dem drei Verbrecher getötet und vier verhaftet wurden. Die Studenten einer nahe gelegenen Universität brachen in Panik aus.

In den folgenden Tagen und Wochen ereigneten sich in den Bundesstaaten San Luis Potosí, Zacatecas, Tamaulipas und Nuevo León Dutzende von Morden und Massakern. Der August wurde so zu einem der blutigsten Monate seit Beginn des Drogenkrieges, mit rund 1400 Opfern. Ein Offizier der mexikanischen Armee sagte: «Die Spaltung der Zetas ist, wie wenn das Aids-Virus mutieren und man statt einer plötzlich zwei Behandlungsmethoden brauchen würde.» Schätzungen zufolge bestehen los Zetas aus rund 10'000 Mitgliedern. Sollte sich der Kampf zwischen Lazcano und Treviño verschärfen und sich weitere Untergruppierungen abspalten, könnte die Sicherheitslage in Mexiko beim Amtsantritt des neuen Präsidenten Enrique Peña Nieto am 1. Dezember noch verheerender sein als während der letzten Jahre.

Wer vom Auseinanderbrechen der Zetas am meisten profitiert, ist jetzt schon klar: Joaquim Guzmán Loera alias el Chapo und dessen Kartell von Sinaloa. Die Zetas und das Sinaloa-Kartell sind die beiden mächtigsten Akteure im mexikanischen Drogenkrieg.

Der neue Judas

Das Auseinanderbrechen der Zetas wurde bereits in sogenannten Narcocorridos aufgegriffen – jene von Polka und Walzer beeinflussten, durch Akkordeon und Gitarren orchestrierten Volkslieder, welche die Taten der Drogenbosse verherrlichen. In einem von ihnen wird Treviño als «der neue Judas» bezeichnet. Weiter heisst es: «Indem er seine Gefährten verriet, schaffte er es bis an die Spitze. Er weiss genau, was er will: Der Chef der Zetas sein.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.09.2012, 15:35 Uhr

Artikel zum Thema

Die Legende um Drogenboss Guzmán ist um ein Kapitel reicher

Beinahe wäre der Chef des Sinaloa-Kartells und meistgesuchte Mann der Welt verhaftet worden. Doch der Mexikaner hat wieder einmal unglaubliches Glück gehabt. Mehr...

Das Phantom aus Sinaloa

Porträt Der mexikanische Drogenboss Chapo Guzmán ist seit Bin Ladens Tod der meistgesuchte Mann der Welt. Der grösste Dealer aller Zeiten war er schon vorher. Mehr...

Mexikos Drogenfahnder schnappen den «Frosch»

Der Armee ist die Nummer drei des Drogenkartells Los Zetas ins Netz gegangen. Kurz darauf kam es in einem Gefängnis in Monterrey zu einem Aufstand, bei dem es sieben Tote gab. Mehr...

Bildstrecke

Chronologie: Drogenkrieg in Mexiko

Chronologie: Drogenkrieg in Mexiko Mit der Amtsübernahme des früheren Präsidenten Felipe Calderón begann der Drogenkrieg in Mexiko. Innert fünf Jahren sind ihm fast 50'000 Menschen zum Opfer gefallen.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Langlaufträume in Österreichs Winterwunderland

Seefeld und Achensee verbinden Natur, Sport und Kulinarik. Zwei Profis verraten Ihnen ihre Geheimtipps.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...