Machtrausch und korrupte Insiderkultur

Washington als Jauchegrube: In einem mit Spannung erwarteten Buch zeichnet der Journalist Mark Leibovich ein gnadenloses Bild der Hauptstadt der USA.

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Das Bild ist insgesamt düster, die Porträtierten grüssen als Karrieristen und Schleimer, geldgierige Opportunisten und Ausverkäufer. Sie alle leben in Washington, einem scheusslichen Ort und bekannt als Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Kaum jemals hat die politische Elite der USA so bang und sehnsüchtig zugleich auf ein Buch wie jenes von Mark Leibovich gewartet. «This Town», diese Stadt, hat Leibovich seine witzige und zugleich schonungslose Abrechnung mit dem Washingtoner Jahrmarkt der Eitelkeiten betitelt.

Wer sich darin finden möchte, muss das Werk von Anfang bis Ende durchlesen: Ein Namensverzeichnis hat Leibovich vorsätzlich nicht mitgeliefert. Seit anderthalb Jahrzehnten, derzeit für das Magazin der «New York Times», schreibt er über Washingtons Mächtige. Und seit Wochen flüstert Washington über «das Buch». Jetzt ist es heraus, ein schreckliches Spiegelbild einer schrecklichen Stadt, die zugleich pekuniäre Weide «einer politischen Herde ist, die niemals älter wird, nur dickbackiger, reicher und mit mehr Make-up zugekleistert».

Hauptquartier einer Weltmacht

Einige der von ihm ins Visier genommenen hätten sich bereits gemeldet, sagt Leibovich. Aber das «geballte Kanonenfeuer» warte noch auf ihn. Vielleicht auch nicht: So schamlos wirtschaftet die politische Klasse in Washington in die eigene Tasche, so losgelöst ist sie vom Rest des Landes, dass ihr womöglich nicht einmal Leibovichs unerhörtes Sittenbild zusetzt. Draussen auf der Prärie, wo die Grosse Rezession seit 2008 Finanzen und Leben verwüstet hat, mag Leibovichs Beschreibung des Washingtoner Dolce Vita die Wut weiter anfachen. In Washington hingegen wird sich nichts ändern.

Auch in Paris, Rom, Berlin oder Bern gehen Geld und Politik Hand in Hand. Aber im Vergleich zu Washington agieren dort Amateure: Macht und Pfründen sind geringer, das Geltungsbedürfnis der Akteure der minderen Bedeutung angepasst. Paris ist die Zentrale der Departements, Washington das Hauptquartier einer Weltmacht.

So wünscht Barack Obamas engste Beraterin Valerie Jarrett den Schutz der Leibwächter des «Secret Service», obschon sie nicht wirklich bedroht ist. Ihre Kollegen im Weissen Haus vermuten, Jarrett leide an «Ohrenstöpsel-Neid»: Weil Obamas Stratege David Axelrod nach einer Bedrohung Leibwächter mit Ohrenstöpseln für die Funkübertragung erhielt, giert Jarrett gleichfalls nach Personenschutz. Denn Ohrenstöpsel signalisieren Status.

Alle Hände werden schmutziger

Um Jarretts mediales Image zu verbessern, entwirft das Weisse Haus zudem ein kleines Papier mit dem Titel «Die Magie der Valerie», worin Jarretts Vorzüge aufgezählt werden. «Valerie ist jemand, dem andere im Weissen Haus vertrauen», wofür allerdings «Beispiele» gebraucht würden, zitiert Leibovich und beschreibt die Insider-Kultur einer Hauptstadt, wo jede Hand die andere wasche und alle Hände dabei schmutziger werden.

Kongressmitglieder, die zu Lobbyisten werden und ihre Positionen je nach Windrichtung verändern; eine politische Kultur, die reichen Rentiers und Unternehmen zu Diensten ist und die Bürger gewissenlos ausverkauft; eine tausendfache Schar von Medienschaffenden, deren Stars und Anführer mit den Mächtigen unter einer Decke stecken und so eitel und korrupt wie diese daherkommen: Die Hauptstadt wird in Mark Leibovichs glänzender Prosa zur Bühne einer Schmierenkomödie, die das Volk zusehends erzürnt und entfremdet.

Vermarktung, bis der Dollar nur so rollt

Leibovich bekennt freimütig, dass er, weil seit anderthalb Jahrzehnten selbst ein Insider, «keine Immunität beanspruchen» kann. Dennoch dürfte es seit Henry Adams 1880 publizierter Satire «Demokratie» kaum jemals ein ehrlicheres Buch über die Washingtoner Zustände gegeben haben. Raffgierige Ex-Senatoren wie der Republikaner Trent Lott wandern durch die Seiten neben «Super-Anwälten» wie Bob Barnett, die ihren Klienten Buchverträge in Millionenhöhe verschaffen und diskret Wellen glätten, in denen Normalsterbliche längst ertrunken wären.

Süchtig nach Publizität glotzen stets die selben Meinungsmacher und Politiker in die Objektive der TV-Kameras und vermarkten sich, bis der Dollar nur so rollt. Trifft sich die Truppe beispielsweise beim Begräbnis einer der ihren, etwa 2008 am Sarg des einflussreichsten Journalisten der Hauptstadt, regiert die Vortäuschung: Aufgesetzte Trauer, aufgesetztes Lächeln, aufgesetzte Kollegialität.

Hinter den Kulissen wütet hingegen die perfide Kritik: Ob er ihm seine schöne Zimmerflucht im Senatsgebäude überlassen wolle, fragte 2008 Senator Lindsey Graham seinen Kollegen Ted Kennedy, nachdem sich Kennedy im Präsidentschaftswahlkampf für Barack Obama und gegen Hillary Clinton erklärt hatte. Auf Kennedys erstaunte Frage, wie Graham darauf käme, erwidert dieser: «Weil die Clintons Sie umbringen werden».

Obama meidet Anbiederung der Stadt

Überhaupt die Clintons: Leibovich berichtet, dass Bills Faktotum Doug Band nach Hillarys Niederlage 2008 auf seinem BlackBerry eine Liste von Feinden des Power-Paars angelegt habe: «Die sind tot für uns». Wenn Leibovich augenzwinkernd schreibt, Washington sei voller «Leute, die seit Urzeiten in diesem Geschäft sind, die niemals weggehen werden und die nicht getötet werden können», meint er gewiss die Clintons. Immerhin rüstet sich Hillary bereits für den Wahlkampf 2016.

Barack Obama geistert spärlich durch «This Town», genug aber, um zu erahnen, wie sehr der Präsident Washingtons Sitten und Gebräuche verachtet: Die Partys, die Anbiederung. Nicht dass ihm das geholfen hätte: Obamas Distanz zum Washingtoner Morast wird ihm als Arroganz ausgelegt. Sein Einfluss reicht nicht in die Salons der Hauptstadt, persönliche Kontakte, wie Vorgänger Lyndon Johnson sie erfolgreich zur Umsetzung politischer Ziele einsetzte, besitzt er wenig.

Wenn Mark Leibovich schreibt, seine Chronik der Washingtoner Verhältnisse sei sicherlich «eine Enttäuschung für viele amerikanische Bürger», untertreibt er masslos. «This Town» macht aus Bürgern Wutbürger.

Erstellt: 18.07.2013, 17:03 Uhr

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