Maduro beschwört eine «magische Formel» gegen die Hyperinflation

Heute führt Venezuela eine neue Währung ein, der Präsident verspricht von nun ab «preussische Fiskaldisziplin»: Ist das Ende der Misere nah?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ginge es nach dem venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, beginnt die Regierung heute mit der Implementation des «umfangreichsten, bestkonzipierten, beststudierten und für das Land angebrachtesten Programm zur Wirtschaftserholung», das es jemals gegeben hat. Die Führungsriege habe eine «magische Formel» entdeckt, um eine «totale Wende» der Wirtschaftssituation herbeizuführen, die die «Feinde des Vaterlandes» mit ihrem «Wirtschaftskrieg» zu verschulden hätten.

Das kündigte der Diktator am Freitag bei einer einstündigen TV-Ansprache über den Notfallkanal an, die alle Radio- und Fernsehsender aus Venezuela zwingend übertragen müssen. «Was wir hier in Venezuela tun, wird zum ersten Mal in der Weltgeschichte getan – wir schreiben Wirtschaftsgeschichte!»

Will eine «magische Formel» entdeckt haben: Die rund einstündige TV-Ansprache des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro vom Freitag. (17. August 2018) Video: Youtube/VTV

Seit November 2017 steckt das Land in einer Hyperinflation, die Preise verdoppeln sich mindestens jeden Monat. Gemäss der Finanzkommission des entmachteten Parlaments haben sich die Preise in den letzten zwölf Monaten um mindestens ihr 800-Faches erhöht. Welche «magische Formel» soll diese Implosion der Währung stoppen?

Maduro hat folgende Reformen angekündigt:

  • Die Nationalwährung Bolívar Fuerte («starker» Bolívar, mit dem Kurzzeichen BsF) wird zu einem Wechselkurs von 1:100'000 durch den neuen Bolívar Soberano («souveräner» Bolívar, mit dem Kurzzeichen BsS) ersetzt. Es werden also fünf Nullen gestrichen.
  • Der Wert der neuen Währung wird an die Kryptowährung Petro gebunden, deren Wert wiederum auf einem venezolanischen Fass Öl (ungefähr 60 US-Dollar) basiert sein soll. Der Petro werde so bei einem Wert von BsS 3600 zum «Anker» des Bolívar Soberano, verkündete Maduro.
  • Der gesetzliche Mindestlohn wird ebenfalls an die Kryptowährung geheftet und beträgt ab 1. September einen halben Petro. Faktisch kommt das einer mehr als 30-fachen Erhöhung des Mindestlohns gleich – die fünfte Erhöhung dieses Jahres. Theoretisch würde der Mindestlohn dann also 1 US-Dollar pro Tag betragen.
  • Die Regierung werde die dadurch entstehenden Mehrkosten für kleine und mittlere Unternehmen während dreier Monate übernehmen.
  • «Wir müssen die nicht organische Geldschöpfung stoppen», so Maduro – und gab damit auch offiziell zu, dass die Zentralbank für die Regierung Geld schafft. Nun sei «preussische Fiskaldisziplin» gefragt, um das Ziel eines fiskalischen «Nulldefizits» zu erreichen. Finanzieren will das Reformpaket mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer, der Gewinnsteuer und der Steuer auf Finanztransaktionen.
  • Die Regierung schränkt den Verkauf von verbilligtem Benzin ein, das in Venezuela praktisch gratis zu haben ist. Künftig müssen sich Venezolaner registrieren und eine «Vaterlandskarte» vorweisen, um den subventionierten Treibstoff zu erhalten. Damit soll den Benzinschmugglern mit ihrem lukrativen Geschäft das Handwerk gelegt werden. Die Opposition kritisiert immer wieder, dass diese Karte zur sozialen Kontrolle missbraucht wird.
  • Allen Personen mit einer «Vaterlandskarte» werden für die Überbrückungszeit einmalig 600 BsS zugesprochen.

Die «magische Formel» ist also grundsätzlich ähnlich der Idee eines Goldstandards: Der neue Bolívar Soberano soll indirekt über den Petro auf einem knappen Gut – Öl – basieren, dessen Preis und Menge die Regierung nicht beeinflussen kann. Dies fassten Maduro und sein Informationsminister Jorge Rodríguez mit dem Satz zusammen: «Sie haben die Preise dollarisiert, jetzt ‹petrolisieren› wir die Saläre und die Preise.»

Der Petro basiert auf unzugänglichem Ölfeld

Die Reform kommt einer massiven Abwertung des offiziellen Wechselkurses um rund 96 Prozent gleich. Ein Petro soll nämlich das Äquivalent von 360 Millionen der «alten» Bolívar Fuerte sein und einen Wert von 60 Dollar haben. Das impliziert einen Wechselkurs von BsF 6 Millionen pro Dollar – just dem aktuellen Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt, den die Regierung seit Jahren als kriminelle Betrügerei geisselt.

Ob der Petro wirklich auf Öl basiert, ist eine Glaubensfrage. Die Regierung verspricht, die Petros stützen sich auf Ölreserven des «Ayacucho Blocks» im Orinoco. Doch wie Energieexperte Francisco J. Monaldi in der Online-Zeitschrift «Caracas Chronicles» erklärte: «Das Öl im Ayacucho 1 Feld ist unterirdisch. Es ist nicht entwickelt und es gibt nicht einmal einen Entwicklungsplan. Auch die notwendige Infrastruktur oder die Ölleitungen für den Transport von Rohöl sind nicht vorhanden. Wir müssten Milliarden von Dollar investieren, um diese Elemente zu entwickeln.»

Der Petro ist also nicht durch reale Ölfässer gedeckt. In den USA sind Transaktionen mit Petros verboten. US-Behörden sowie Kryptowährungsplattformen wie ICOindex.com warnen, die Kryptowährung sei ein «Schwindel». Und so scheint es unwahrscheinlich, dass Investoren je aus freien Stücken durchschnittlich 60 US-Dollars für einen Petro bezahlen würden.

«Dadaistische Wirtschaftslehre»

Den inflationshemmenden Faktoren der Reform stehen mächtige inflationsfördernde Faktoren gegenüber. Falls die Nationalbank die Geldschöpfung zurückfährt und der Regierung generell gelaubt würde, dass der Petro auf Öl basiert, könnte sich das tatsächlich inflationshemmend auswirken. Doch die 30-fache Erhöhung des Mindestlohns und die Verteuerung der Importe durch die Währungsabwertung werden die Preise kurzfristig wohl eher nach oben treiben. Auch ob die mittellose Regierung ohne neue Geldschöpfung die Mehrkosten des neuen Mindestlohns finanzieren und die chaotische Verwaltung die dafür nötige logistische Kapazität aufbringen kann, ist fraglich.

Generell glauben Analysten, dass die Reform die Hyperinflation weiter ankurbeln wird. «Inmitten dieser aggressiven Abwertung und geldpolitischen Expansionen aufgrund von Gehältern und Boni erwarten wir eine deutlich aggressivere Phase der Hyperinflation», sagte Ökonom Asdrubal Oliveros des respektierten venezolanischen Beratungsunternehmens Ecoanalítica zur Nachrichtenagentur Reuters. Die Reform kombiniere das «Schlimmste aller Welten». Dass die Regierung die nicht organische Geldschöpfung der Nationalbank eindämmt, hält er nicht für glaubwürdig.

Auch die Analysten von «Caracas Chronicles» kommen zu einem vernichtenden Urteil. «Im Bewusstsein, dass dies den Rest des Privatsektors in den Ruin treiben würde, versprach Maduro, dass die Regierung die Lohnsumme des Privatsektors für drei Monate abdecken würde, während sie gleichzeitig versprach, das Haushaltsdefizit auf null zu senken. Das macht überhaupt keinen Sinn.» Die Zentralbank werde die Ausgaben mit einem «Tsunami von Bolívars» decken müssen, fürchten die Analysten. Maduros «Übung in dadaistischer Wirtschaftslehre» werde in die Geschichte eingehen. «Es gibt keinen Platz für Vernunft.»

«Mitarbeiter verdienen mehr als der Gesamtumsatz»

Maduros Ankündigung hat viele Venezolaner am Freitag und am Samstag dazu getrieben, zu versuchen, ihre Vorräte soweit möglich aufzustocken. Eine Reporterin von «Caracas Chronicles» war am Samstag in einem Supermarkt in Caracas: «Das ist verrückt», sagte ihr eine pensionierte Lehrerin. «Die Angst ist gross, ich habe nicht geschlafen und mache mir Sorgen um meine Enkelkinder.»

«Sehen Sie sich nur meinen Mann an», sagte eine andere Frau, während sie ihren Einkaufswagen belud. «Er hat nicht geschlafen. Er hat eine Firma und diese Ankündigungen werden sein Geschäft in die Knie zwingen.» Ihr Mann habe die ganze Nacht über den Zahlen gebrütet. «Seine beiden Mitarbeiter werden nun mehr verdienen als sein Gesamtumsatz.»

Maduros Ankündigungen haben viele Venezolaner dazu getrieben, zu versuchen, ihre Vorräte aufzustocken: Eine Szene in Caracas. (18. August 2018) Bild: Reuters/Carlos Garcia Rawlins

Die Massnahmen erschreckten auch die Ladenbesitzer, die bereits jetzt um ihr Überleben kämpfen. Viele Geschäfte waren am Samstag allerdings geschlossen, wie unter anderen «Reuters» berichtete. Die Besitzer hätten sich Zeit nehmen wollen, die Folgen der «umfangreichsten, bestkonzipierten und beststudierten» Wirtschaftsreform zu bedenken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2018, 15:16 Uhr

Artikel zum Thema

Wo Schweizer Schokolade mehrere Monatslöhne kostet

Reportage In Venezuela sind die Preise um ein 300-Faches gestiegen. Es gibt zu viel Geld – aber zu wenig Bargeld. Mehr...

«Der Bruch in der Regierung ist offensichtlich»

Julio Borges, Ex-Präsident des venezolanischen Parlaments, lebt heute im Exil in Kolumbien. Er glaubt, dass Nicolás Maduro mit einem Aufstand innerhalb seines Regimes konfrontiert ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Das erste Weisshandgibbon Baby des Skopje Zoos steht in seinem Gehäge neben seiner Mutter. (20. Mai 2019)
(Bild: Robert Atanasovski) Mehr...