Kommentar

Mal Kindergarten, mal Nervenheilanstalt

In Washington geht nichts mehr: Politik ist zu einem wirren Spektakel mutiert, es triumphieren Blockade und Blödsinn.

Musste sich schon einiges anhören: Harry Reid, der demokratische Mehrheitsführer im Senat, reibt sich die Augen.

Musste sich schon einiges anhören: Harry Reid, der demokratische Mehrheitsführer im Senat, reibt sich die Augen. Bild: AFP

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Sie waren wieder einmal so richtig zu Gange, die Politicos in Washington: Weltweit erregte diese Woche das traurige Theater um den Sturz von der fiskalischen Klippe Aufsehen, allenthalben griff sich das werte Publikum an den Kopf angesichts der amerikanischen Zustände. Dabei ist die politische Klasse in der amerikanischen Hauptstadt schon längst von einem mentalen Kliff Richtung «crazy» abgestürzt: Die Politik geriert sich als eine veritable Freak Show, allein die zähen und furchtsamen Appelle von Bürgern und Wirtschaft verhindern den totalen Kollaps des gesunden Menschenverstands im Land des unbegrenzten politischen Blödsinns.

Angesagt war der schon immer - wer wollte Nixons Eskapaden oder die Anklageerhebung gegen Bill Clinton wegen dessen überreizter Libido vergessen? Das Jahrzehnt seit dem Beginn des Irakkrieges aber bescherte den staunenden und zunehmend geschockten Amerikanern neue Höhepunkte der Verrücktheit in Washington. Die Politik in der Hauptstadt gerät zusehends zum absurden Theater im XXL-Format, indes sich die Probleme auftürmen: Die Infrastruktur bröselt wie ein Streuselkuchen, die Schulen bedürfen einer Generalüberholung, die Sozialwerke einer Rundumerneuerung. Und der lautstarke Kult der Kanone bräuchte einen Schalldämpfer.

Präsident «Cowboy», Amerikas Cäsar

Ein wichtiger Meilenstein des täglichen Wahnsinns wurde bereits 2003 erreicht, als Präsident «Cowboy» George W. Bush und der von ihm an der Nase herumgeführte Kongress Saddam Hussein zur Bedrohung des Vaterlandes adelten und ihn abräumten - was geradewegs aus Mad Magazine und dem Kopf Alfred E. Newmans hätte stammen können. Präsident Cowboy liess sich verfrüht als amerikanischer Cäsar auf dem Deck eines Flugzeugträgers feiern, derweil es der Bürgerschaft irgendwann einmal dämmerte, dass sie hereingelegt worden war und dafür mit einer Billion Dollar aufkommen musste.

Bei der Wahl 2004 gelang es Bush und seinem Guru Karl Rove trotzdem, den demokratischen Gegner John Kerry, der immerhin ein Kriegsheld in Vietnam gewesen war, als miesen Feigling hinzustellen, wogegen Präsident Cowboy, der sich sich mit allerlei Tricks dem Wehrdienst in Vietnam entzogen hatte, als «Kriegspräsident» und heldenhafter Verteidiger des Vaterlands auftrat. Er gewann und sah danach zu, wie New Orleans in den Fluten versank.

Der Sozialist und die Tea Party

Vier Jahre später ereignete sich in konservativen Augen der Super-GAU, wurde doch ein Sozialist aus Kenia ins Weisse Haus katapultiert, um dort Amerika abzuschaffen. Jene Paranoia, die der Historiker Richard Hofstadter vor knapp einem halben Jahrhundert in einem berühmten Essay beleuchtet hatte, erblühte jetzt voll, zumal die Republikanische Partei zu einer Sammlungsbewegung seltsamer Figuren mutierte, in deren Reihen Politiker wie der Abgeordnete Paul Broun aus Georgia für Furore sorgten. Stellvertretend für viele seiner politischen Mitstreiter konstatierte er, sowohl Darwins Evolutionstheorie als auch die Theorie vom Urknall seien «Teufelswerk».

Politik wurde unterdessen in Washington kaum noch gemacht. Man blockierte im Kongress, um den schwarzen Mann 2012 aus dem Weissen Haus zu kippen. Auch geriet das Ambiente der Hauptstadt immer bizarrer. So kreuzte der Tea Party-Boss Dick Armey, der früher republikanischer Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus gewesen war, im September nach etlichen internen Auseinandersetzungen im Büro von FreedomWorks, einem Ableger der Tea Party nahe dem Kapitol, mit einem Begleiter auf, an dessen Hüfte ein Schiesseisen baumelte. Sodann entliess Armey die weinenden Mitarbeiter auf der Stelle, den Mann mit der Kanone stets zur Seite.

Um den wildgewordenen Armey zu beruhigen, schob ihm eines der obersten Tea-Party-Mitglieder, ein Milliardär namens Richard Stephenson, kurzerhand acht Millionen Dollar zu - als kleine Entschädigung und damit er sich trolle. Er wolle ja «nicht mit leeren Taschen» dastehen, kommentierte Armey seine bescheidene Abfindung.

«Go f*** yourself»

Das ist Washington: Man ruft, soweit es die kleinen Leute angeht, lauthals nach allerlei Opfern und will den Brotkorb höher hängen, schiebt sich selber jedoch das Geld raffgierig in die Tasche. Wer vom Kongress in die Lobbys wechselt, braucht nicht einmal eine Kanone dazu. Heuchelei ist eine politische Krankheit, nirgendwo aber ist die Politik diesbezüglich kränker als in Washington. Es ist den Amerikanern nicht entgangen, dass die Hauptstadt und ihre Vorstädte inzwischen die reichste Region des Landes sind.

Natürlich widerspiegelt der rohe Umgang untereinander die so verhärtete wie verkalkte politische Atmosphäre der Hauptstadt, in der einer den anderen hemmungslos beschimpft. Bisweilen sogar in aller Öffentlichkeit: Nachdem Harry Reid, der demokratische Mehrheitsführer im Senat, den republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, beschuldigt hatte, im Abgeordnetenhaus einer «Diktatur» vorzustehen, schlug Boehner umgehend zurück: Bei einem Palaver im Weissen Haus am Rande der Klippen-Verhandlungen wandte sich der Republikaner an Reid und sagte: «Go f*** yourself!». Als der Demokrat überrascht nachfragte, was er damit meine, wiederholte Boehner seinen anatomisch zweifelhaften Rat.

Das Schlimmste kommt noch

So ist es eben, wenn die Brücke abgerissen und der Burggraben stets tiefer ausgebaggert wird. Wer nun meint, schlimmer als bei dem Gezerre um die fiskalische Klippe könnten die Dinge kaum noch werden, täuscht sich: Die bald anstehende Anhebung der Verschuldungsgrenze wird den «Crazys» erst recht erlauben, sich voll zu entfalten und die Nation in Grund und Boden zu rammen, sofern dies der Durchsetzung der eigenen Interessen förderlich ist.

Vor diesem Hintergrund ist nur allzu verständlich, dass vernünftige Geister die drohende Keilerei durch die Prägung einer Platinmünze in Höhe von einer Billion Dollar vermeiden wollen. Dank einer Gesetzeslücke könnte das Finanzministerium tatsächlich eine derartige Münze in Auftrag geben. Finanzminister Geithner könnte sie eigenhändig und mit einem Becher Starbucks-Kaffee in der Hand den knappen Kilometer von seinem Ministerium zur Notenbank befördern und dort deponieren, worauf der Staat bis auf weiteres genügend Zaster hätte und eine Anhebung der Verschuldungsgrenze nicht nötig wäre.

Crazy? Nicht in Washington, wo Politik je nach Bedarf entweder im Kindergarten oder in der Nervenheilanstalt gemacht wird.

Erstellt: 05.01.2013, 11:21 Uhr

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