Reportage

Manchmal kommt es zwischen den Trauernden zu Schiessereien

Der Friedhof Jardines de Humaya im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa ist eine Ruhestätte für Drogenbosse. Hier ruhen die Toten so, wie sie einst lebten: reich und protzig.

Jedem toten Drogenboss seine eigene Kapelle: Der Friedhof Jardines de Humaya im mexikanischen Culiacán

Jedem toten Drogenboss seine eigene Kapelle: Der Friedhof Jardines de Humaya im mexikanischen Culiacán Bild: Anne-Katrin Mellmann

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Vor einigen Monaten gab Ismael «El Mayo» Zambada, der Vizechef des Drogenkartells von Sinaloa, einem mexikanischen Journalisten in einem seiner Verstecke ein Interview. Dabei beklagte er, sein immenses Vermögen gar nicht richtig geniessen zu können: «Die ständige Angst, verhaftet zu werden, treibt mich von einem Unterschlupf zum nächsten. An Familienfesten nehme ich kaum mehr teil, öffentlich auftreten kann ich nirgends.»

Narco-architektonische Auswüchse

Auf dem Friedhof Jardines de Humaya in Sinaloas Hauptort Culiacán schwelgen die mexikanischen Drogenbosse zumindest nach dem Tod in Reichtum, sind ihre Grabstätten doch ein einziges Zeugnis des Prunks und der architektonischen Ausschweifungen: mehrstöckige Mausoleen aus weissem Marmor, von protzigen Säulen flankierte Eingänge, Balkone mit verschnörkelten Balustraden, Glasfassaden, hinter denen die Verstorbenen auf Ölgemälden zu sehen sind, eingefasst in vergoldete Rahmen. Die Jardines de Humaya sind geprägt von Narco-Architektur und mexikanischem Todeskult, vom trotzigen Versuch, die Grenze zwischen Jenseits und Diesseits zu verwischen, vom bizarren Willen, einstiger Macht einen Hauch von Ewigkeit zu verleihen.

Gestorben sind die Capos nicht, weil sie zu Lebzeiten Verbrecher waren und von Rivalen ermordet wurden, sondern weil es ein höheres Schicksal so wollte – zumindest behaupten dies die vielen Inschriften, die den Angehörigen versichern, eigentlich seien die Toten noch immer so gegenwärtig wie die zu ihren Ehren errichteten Prunkstätten. «Ich musste frühzeitig gehen, aber ich werde euch niemals verlassen», heisst es neben dem Poster eines jungen Mannes, der auf einem Motorrad dem Sonnenuntergang entgegenfährt.

Im Diesseits Erzfeinde, im Jenseits Nachbaren

Am 20. Dezember 2009 wurde hier einer der Grossen des mexikanischen Verbrechens zu Grabe getragen: Arturo Beltrán Leyva, den eine Sondereinheit der mexikanischen Marine vier Tage zuvor fern seiner Heimat Sinaloa erschossen hatte, in einer Luxusresidenz der südlich von Mexico City gelegenen Stadt Cuernavaca. Zu seiner Beerdigung waren über 100 ehemalige Geliebte und weibliche Familienangehörige erschienen. Männer blieben der Zeremonie fern, aus Angst, noch am Grab ihres einstigen Chefs verhaftet zu werden.

Seine Ruhestätte ist eher bescheiden: ein einstöckiges, quadratisches Tempelchen mit gläserner Tür, hinter der Beltrán Leyva auf einem Gemälde zu sehen ist, in Anzug und Krawatte. Der an den Pazifik grenzende nordwestliche Bundesstaat Sinaloa ist schon seit langem eine Hochburg der Drogenmafia, seine Hauptstadt Culiacán gilt als mexikanisches Medellín. Von hier stammen legendäre Figuren wie Amado Carrillo Fuentes, der in den 90ern den Übernamen «Herr der Lüfte» trug und bei einer Gesichtsoperation auf rätselhafte Weise ums Leben kam. Oder Chapo Guzmán, der heutige Chef des Sinaloa-Kartells, mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde Dollar der weltweit siebenhundertreichste Mann auf der Liste des US-Magazins «Forbes».

«Es gibt hier eine Tendenz zur Todesverachtung»

Für den einheimischen Schriftsteller Elmer Mendoza, der mehrere erfolgreiche Narco-Romane verfasst hat, ist Sinaloa eine besondere Gegend. «Es gibt hier eine Tendenz zur Todesverachtung. Schon die spanischen Eroberer, die sich in Sinaloa niederliessen, waren ungewöhnlich hart, denn sonst hätten sie sich niemals gegen die karge Natur behaupten können.»

Die eng aneinandergebauten Grabstätten bilden ein von Schotterwegen durchzogenes Labyrinth, dazwischen liegen Rasenflächen mit ausladenden Bäumen. Die kreisförmig angelegte Strasse durch das Friedhofsgelände ist mit dem Auto befahrbar. Neben dem Eingang liegt ein Wächter in einer Hängematte. Die Bitte nach einem geführten Rundgang lehnt er zunächst ab. «Da hinten stehen ein paar Killer, das ist zu gefährlich.» Die Aussicht auf ein Trinkgeld lässt ihn die Meinung ändern.

Menschenleben sind im Drogenkrieg wertlos, die Gräber umso prunkvoller

Einige der Pantheons seien mit Klimaanlage, Telefon und Fernseher ausgestattet, denn die Angehörigen würden sich oft stundenlang darin aufhalten und sogar die Nacht bei ihren Verstorbenen verbringen. Hin und wieder böten sie Musiker auf, die den Toten ein Ständchen bringen. Manchmal komme es zwischen den Trauernden zu Schiessereien. «Vor der Kapelle von Beltrán Leyva fand ich vor kurzem einen Kopf», sagt der Wächter, mit offensichtlicher Genugtuung über die schockierte Reaktion des Besuchers. «Ein Gegner des Capos, den dessen Anhänger enthauptet hatten, um ihm eine Trophäe zu bringen.» Eine Recherche im Internet wird die Gräuelgeschichte später bestätigen.

Einmal habe ein bewaffnetes Kommando während einer Beerdigung acht Angehörige entführt. Irgendwann bleibt der Wärter abrupt stehen und deutet auf eine Gruppe von Frauen und Männern, die soeben einem Van mit getönten Scheiben entstiegen sind, dem typischen Fahrzeug der mexikanischen Drogenmafia. «Wir kehren besser um. Wenn denen Ihre Anwesenheit nicht passt, genügt ein Handyanruf. Dann dauert es keine Viertelstunde, bis jemand vorfährt, um Sie zu entführen.» Vielleicht übertreibt er, vielleicht hat er einfach keine Lust, weiter herumzugehen, und möchte stattdessen zurück in seine Hängematte.

Die ganze prunkvolle Feierlichkeit, das helle Sonnenlicht und das Vogelgezwitscher erscheinen plötzlich als Fassade, hinter der das Böse hervorbrechen könnte. Ein Menschenleben hat schliesslich keinerlei Wert im mexikanischen Drogenkrieg – umso wertvoller sind dafür die Gräber der Toten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2011, 10:59 Uhr

Arturo Beltrán Leyva: Zur Trauerfeier dieses Grossen des mexikanischen Verbrechens kamen im Dezember 2009 nur Frauen.

Ismael Zambada: Der Vizechef des Drogenkartells von Sinaloa wechselt seinen Unterschlupf ständig.

Chapo Guzmán: Das Vermögen des Chefs des SinaloaKartells wird auf eine Milliarde Dollar geschätzt.

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