Mexiko, ein Land für Lebensmüde?

Drogenkrieg in Mexiko: Pro 100 000 Einwohner werden jährlich 12 Menschen ermordet. Normalbürger bleiben jedoch verschont.

Auf Spurensuche: Forensiker untersuchen die Ermordung eines Opfers des organisierten Verbrechens in Ciudad Juárez.

Auf Spurensuche: Forensiker untersuchen die Ermordung eines Opfers des organisierten Verbrechens in Ciudad Juárez. Bild: Alejandro Bringas/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer als Schweizer in Mexiko lebt, wird unweigerlich auf die prekäre Sicherheitslage des zentralamerikanischen Staates angesprochen: auf die grässlichen Berichte über den Drogenkrieg, die Massaker, die gefolterten Entführungsopfer und enthaupteten Leichen. Wie lebensmüde muss man sein, um in einem solchen Land zu wohnen?

Die Antwort lautet: eigentlich gar nicht. Zwar hat das Gemetzel 2009 mehr als 7000 Tote gefordert, und im laufenden Jahr dürfte die Grenze von 10 000 Opfern überschritten werden. Das Schicksal von 72 wehrlosen Migranten, die vergangene Woche auf ihrem Weg in die USA von Killern des Drogensyndikats Los Zetas abgefangen und ermordet wurden, beweist, dass das organisierte Verbrechen in Mexiko vor nichts zurückschreckt.

Falscher Moment, falscher Ort

Dennoch gilt nach wie vor: Normalbürger und Touristen sind vom Drogenkrieg in aller Regel nicht betroffen, kämpfen die Kartelle doch vor allem gegeneinander und die Verbrecher gegen die Ordnungskräfte. Es sei denn, Unbeteiligte halten sich im falschen Moment am falschen Ort auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau dies der Fall ist, hat zugenommen, zumindest in den nördlichen Landesteilen, die wegen ihrer Nähe zur US-Grenze besonders umkämpft sind.

In der Industriemetropole Monterrey ist es in jüngster Zeit wiederholt zu sogenannten Narco-Blockaden gekommen. Dabei marschieren bewaffnete Kommandos auf, zerren Bürger aus ihren Autos und blockieren mit den erbeuteten Fahrzeugen die Strasse, wonach der Verkehr grossräumig kollabiert.

Im Vergleich relativ sicher

Dass die Ordnungskräfte nichts oder wenig dagegen ausrichten können, lässt die Machtdemonstration umso bedrohlicher erscheinen. Daneben greifen die Verbrecherorganisationen vereinzelt zur Strategie des Narco-Terrorismus, wie es der kolumbianische Kokainbaron Pablo Escobar in den 1980er-Jahren getan hat. Auch wenn die Zustände im heutigen Mexiko weniger schlimm sind als im damaligen Kolumbien: Es sind bereits einige Bombenanschläge gegen die Zivilbevölkerung verübt worden.

So paradox es angesichts der haarsträubenden Gewaltexzesse klingen mag: Im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern ist Mexiko relativ sicher. Laut einer jüngst veröffentlichten Studie des amerikanischen Brookings Institute liegt seine Mordrate bei knapp 12 Fällen pro 100 000 Einwohner. Im hochgelobten Wirtschaftswunderland Brasilien, das 2014 die Fussball-WM und 2016 die Olympischen Spiele veranstaltet, liegt sie bei 22. In Kolumbien, dessen Ex-Präsident Álvaro Uribe international als erfolgreicher Kämpfer wider das Verbrechen gefeiert wird, bei 39 und in Washington D.C. bei 31 Fällen.

Wie am wenigsten Blut fliesst

Wie wird der Drogenkrieg enden? Es zeichnen sich drei Szenarien ab, die man aus der Sicht des Staates mit Sieg, Unentschieden oder Niederlage umschreiben könnte. Das Szenario Sieg sähe so aus: Der Staat setzt weiterhin auf massive Armeeeinsätze, wobei es ihm irgendwann gelingt, die Macht der Kartelle einzudämmen oder gar zu brechen. Dazu wäre allerdings massiv mehr Hilfe aus den USA nötig.

Das Szenario Unentschieden liefe auf ein Stillhalteabkommen zwischen Regierung und organisiertem Verbrechen hinaus. Faktisch wurde ein solcher Modus vivendi unter der Partei PRI, die bis 2000 regierte, von beiden Seiten befolgt.

Das Szenario Niederlage bedeutete den Zusammenbruch der staatlichen Autorität. In zwei Jahren finden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt, bei denen die PRI gute Chancen hat, obenaus zu schwingen. Das Szenario Unentschieden erscheint deshalb als das wahrscheinlichste – eine rechtsstaatlich bedenkliche Lösung, bei der aber am wenigsten Blut fliesst.

Erstellt: 01.09.2010, 22:48 Uhr

Bildstrecke

Mexiko im Würgegriff der Drogenkartelle

Mexiko im Würgegriff der Drogenkartelle Ein mörderischer Krieg mit tausenden Toten um Marihuana, Mohn und Kokain.

Artikel zum Thema

«Einer der brutalsten Killer Mexikos»

Mit «La Barbie» wurde einer der wichtigsten Drogenbosse Mexikos verhaftet. «Tages-Anzeiger»-Korrespondent Sandro Benini erklärt dessen Rolle im Drogenkrieg – und an welchen Fronten es jetzt zu kämpfen gilt. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...