Michelle Obama fühlte sich als Mutter im Stich gelassen

In einer neuen Biografie gewährt die ehemalige First Lady brisante Einblicke in ihr Privatleben – und beantwortet die Frage, ob sie kandidieren wird.

Eine Paartherapie rettete ihre Ehe: Das Buchcover von Michelle Obamas Autobiografie. Foto: AP / Crown

Eine Paartherapie rettete ihre Ehe: Das Buchcover von Michelle Obamas Autobiografie. Foto: AP / Crown

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Vorweg eine Klarstellung, die all jene enttäuschen wird, die auf Michelle Obama nicht nur mit Bewunderung schauen, sondern auch mit Hoffnung: Nein, sie wird nicht kandidieren. Es gibt zwar viele Menschen, die sich das wünschen. Es gibt auch immer wieder Umfragen, in denen die frühere First Lady der Vereinigten Staaten als mögliche demokratische Präsidentschaftskandidatin auftaucht. Und es wäre nicht ungewöhnlich für eine Kandidatin in spe, ihren Wahlkampf dadurch vorzubereiten, dass sie ein Buch über sich schreibt. Barack Obama hat das einst auch so gemacht. Wenn jetzt am Dienstag also Michelle Obamas Buch erscheint, bedeutet das dann nicht, dass vielleicht auch sie . . .?

Nein. Das bedeutet es nicht. «Ich sage es ganz klar», schreibt Michelle Obama. «Ich habe keine Absicht, jemals für ein Amt zu kandidieren. Ich war nie ein Fan der Politik, und das, was ich in den vergangenen zehn Jahren erlebt habe, hat nicht dazu beigetragen, dass ich meine Meinung geändert hätte.» Was Obama angeht, kann Washington getrost zum Teufel gehen.

Das Buch, das an diesem Dienstag weltweit in zwei Dutzend Sprachen erscheint – auf Deutsch: «Becoming. Meine Geschichte», Goldmann – hat eher mit der Vergangenheit zu tun als mit der Zukunft. Im ersten Teil erzählt Obama von ihrer Kindheit und Jugend in Chicago, von ihrer Zeit als Studentin in Princeton und Harvard und ihrer Arbeit als Wirtschaftsanwältin in einer grossen Kanzlei.

Das klingt nach einer gediegenen Juristenkarriere, aber natürlich ist das nicht alles. Denn es gab im Leben von Michelle Obama drei grosse Hindernisse, die einer weniger starken und entschlossenen Persönlichkeit diese Karriere leicht hätten verbauen können: Sie wuchs in der South Side von Chicago auf, dem armen Teil der Stadt; sie ist schwarz; und sie ist eine Frau. Und schwarze Frauen von der South Side werden eigentlich keine Anwältinnen mit Harvard-Diplom. Michelle Obama wurde es, und wer sich ein bisschen mit der amerikanischen Gesellschaft auskennt, weiss, was das für eine Leistung ist.

Sie zieht über Donald Trump her und offenbart intime Details aus ihrer Ehe mit Barack Obama: Michelle Obama bringt ihre Autobiografie heraus Video: Youtube

Barack Obama war, als die beiden sich Anfang der Neunzigerjahre in Chicago trafen, im Vergleich zu seiner künftigen Frau eher ein Hallodri. Brillant und ehrgeizig zwar, aber eben auch ein bisschen ein Herumtreiber, der, wie er zugegeben hat, gern kiffte und trank. Michelle Obama erzählt die Geschichte von ihr und Barack im zweiten Teil des Buches. Und es ist längst nicht immer eine fröhliche Geschichte.

Einerseits ist da eine tiefe Liebe. Obama schreibt in dem Buch einen Satz über sich und ihren Mann, wie ihn noch keine ehemalige First Lady geschrieben hat. «In dem Moment, in dem ich zuliess, überhaupt etwas für Barack zu empfinden, überfluteten mich die Gefühle – eine überwältigende Welle von Lust, Dankbarkeit, Erfüllung und Bewunderung.» So was liest man bei ihren Vorgängerinnen nicht.

Die gnadenlose Nebenbuhlerin

Andererseits aber ist da die Politik, Barack Obamas zweite grosse Leidenschaft und eine gnadenlose Nebenbuhlerin. Der Ehemann kandidiert zunächst für das Parlament des Bundesstaates Illinois, dann für den US-Senat.

Kinder zu kriegen, erweist sich als schwieriger als gedacht. Michelle Obamas erste Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt, ein Schlag, der sie tief erschüttert. Die Töchter Sasha und Malia kommen durch künstlichen Befruchtung zur Welt, eine langwierige Prozedur, die Michelle Obama weitgehend allein bewältigt. Barack macht Politik, Michelle arbeitet in der Kanzlei, sie zieht die Kinder gross und fühlt sich im Stich gelassen. Am Ende rettet eine Paartherapie die Ehe.

Er ist ihre grosse Liebe: Barack (r.) und Michelle (l.) Obama. Foto: GettyImages

Es ist vor diesem Hintergrund keine Überraschung – und es war auch nie ein Geheimnis -, dass Michelle Obama von der Präsidentschaftskandidatur ihres Mannes im Jahr 2008 nichts hielt. «Er wollte es und ich nicht», schreibt sie. Sie habe schliesslich zugestimmt, weil «ich daran geglaubt habe, dass Barack ein grossartiger Präsident sein könnte». Das übrigens sind Sätze, die vermutlich auch Melania Trump unterschreiben würde. Nach allem, was man von ihr weiss, hätte sie auch lieber ihr altes Leben behalten als Präsidentenfrau zu werden. Es kam für beide anders.

Klare Meinungen

Im dritten Teil des Buchs beschreibt Michelle Obama ihre Jahre im Weissen Haus. Sie ist die erste schwarze First Lady – ein Amt, das die US-Verfassung eigentlich gar nicht vorsieht, für das es keine festen Regeln gibt, an das die Amerikaner aber trotzdem alle möglichen Ansprüche stellen.

Bewegende Rede: Wehmütig, aber mit viel Hoffnung in die Amerikaner nahm Michelle Obama Abschied von ihrem Amt. (Video: Tamedia).

Jeder Halbsatz wird seziert, alles, was sie sagt und tut, kann den Gegnern ihres Mannes als Munition dienen. Obama hat das schon im Wahlkampf erlebt, als sie von den rechten Medien zur «wütenden schwarzen Frau» stilisiert wurde, um den weissen Wählern Angst zu machen. Als First Lady fängt sie daher bewusst klein an: Sie pflanzt einen Gemüsegarten im Park des Weissen Hauses. Sie versucht, Vorbild zu sein, für Mädchen im ganzen Land, vor allem für schwarze Mädchen, die sehen sollen, dass es keine Grenzen für ihre Träume und Ambitionen gibt. Einfluss auf die Tagespolitik hat sie nicht, und nichts deutet darauf hin, dass sie das gestört hat.

«When they go low, we go high», mahnte sie im Wahlkampf 2016.

Aber Michelle Obama hat klare Meinungen, und die klarste Meinung äussert sie in ihrem Buch über Donald Trump. Für sie, die Nachfahrin von Sklaven, ist der neue Präsident schlicht ein Sexist, Rassist und Fremdenfeind, seine Wahl ein Rückfall in dunkle Zeiten. Dass Trump immer wieder die verleumderische Verschwörungstheorie befeuert hat, Barack Obama sei kein echter amerikanischer Staatsbürger, hat sie ihm, wie sie schreibt, «nie verziehen».

Der ätzende, verletzende Ton, der in der amerikanischen Politik herrscht, die Gemeinheit und Rücksichtslosigkeit, mit der Politik betrieben wird – all das findet Michelle Obama empörend und abstossend. Sie hat sich stets für Zivilität und Respekt eingesetzt, dafür, die Tiefschläge des politischen Gegners durch moralische Überlegenheit zu kontern. «When they go low, we go high», mahnte sie im Wahlkampf 2016. Trumps Sieg zeigte freilich, dass Hetze, Hass und Wut zuweilen wirkungsvoller sind. Es spricht für Michelle Obama, dass sie nicht in diesen Sumpf waten will.

Sie hat sich stets für Zivilität und Respekt eingesetzt: Michelle Obama will die Amerikaner zum wählen auffordern. Foto: Getty Images

Michelle Obama wird in den nächsten Wochen mit ihrem Buch in den USA auf Tour gehen. Sie hat grosse Hallen gebucht, Hunderttausende Fans werden zu den «intimen Gesprächen» kommen, als die diese Megaevents vermarktet werden. Das zeigt, wie sehr die Amerikaner ihre ehemalige First Lady noch lieben.

Es wird nichts ändern am finsteren Zustand der amerikanischen Politik. Aber es wird das Land für ein paar Wochen daran erinnern, dass Trumps Beleidigungen und Lügen nicht zwingend der Massstab dafür sein müssen, wie man miteinander umgeht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.11.2018, 20:48 Uhr

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