Mit Bannon im Impeachment-Bunker

Donald Trumps früherer Chefstratege meldet sich mit einer Radioshow zurück. Was bezweckt er damit? Ein Besuch.

Wie im Krieg trägt Steve Bannon eine Militärjacke, während er in seinem Haus in Washington die Propagandasendung «War Room» aufnimmt. Foto: Justin Gellerson (NYT, Laif)

Wie im Krieg trägt Steve Bannon eine Militärjacke, während er in seinem Haus in Washington die Propagandasendung «War Room» aufnimmt. Foto: Justin Gellerson (NYT, Laif)

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Praktisch gelegen, das war Steve Bannons Reihenhaus in Washington schon immer. Ein paar Schritte zum Capitol, ein paar Schritte zu den Büros der Abgeordneten, der Oberste Gerichtshof gleich nebenan: In der US-Hauptstadt, wo Nähe Macht bedeutet, ist das ein erstklassiger Standort. Von hier aus machte Bannon einst das Nachrichtenportal «Breitbart» zum Sprachrohr jener rechtspopulistischen Bewegung, die Donald Trump ins Weisse Haus spülte.

Von hier aus betreibt Bannon jetzt sein neuestes Projekt, das zum Ziel hat, dass Trump im Weissen Haus bleibt – noch sehr lange. Das Projekt ist eine Radioshow mit dem Namen «War Room: ­Impeachment», und «Krieg» ist ein ziemlich treffendes Wort für die Art und Weise, wie Bannon in seiner Sendung an das Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten herangeht.

Zu hören ist das jeden Morgen um 9 Uhr, wenn Bannon auf dem Capitol-Hügel live auf Sendung geht, sieben Tage die Woche. Als Studio dient ihm ein fensterloses Zimmer im Erdgeschoss seines Hauses. Auf dem Tisch winden sich Kabel, am Fernseher über dem Kamin läuft CNN («der Feind», sagt ein Mitarbeiter), in einer Ecke stapeln sich Zeugenprotokolle aus dem Amtsenthebungsverfahren.

Es ist nicht so, dass Bannon sein Haus – drei Etagen, 14 Zimmer – nicht beheizen würde, im Studio ist es warm und etwas stickig. Trumps früherer Chefstratege trägt trotzdem eine Militärjacke über zwei Hemden, als er sich kurz vor Sendungsbeginn ans Tischende setzt. Erstes Thema: ein Interview, das Bannon bei Fox News über Trumps Aussenpolitik gegeben hat und das viral ging – dank Trump. «Er hat es gestern vertwittert», sagt Bannon vergnügt. Beste Laune im Bunker.

Eine Million Downloads

Zur Runde gehören neben Bannon auch Jason Miller, Trumps Kommunikationschef im Wahlkampf, und Brexit-Aktivist Raheem Kassam. Im Nebenraum sitzt ein halbes Dutzend Produzenten, Techniker und Rechercheure, die teils bei «Breitbart» gearbeitet haben, teils in Trumps Wahlkampfteam. Bannons Crew hat in knapp drei Monaten 120 Sendungen produziert. Das heisst: 120-mal die neueste Entwicklung zum Impeachment, 120-mal der Ratschlag, wie Trumps Verbündete darauf reagieren sollen, 120-mal Gift und Galle über Trumps Gegner und die Medien.

Der Ablauf ist meist derselbe: ein bombastisches Intro, ein kurzer Monolog von Bannon, danach eine Debatte über aktuelle Beiträge in den Trump-­kritischen Medien. Oft sitzt auch ein republikanischer Politiker als Gast am Tisch. Gerade hat die Sendung die Marke von einer Million Downloads geknackt, sie läuft auf Radiosendern und auf dem konservativen TV-Kanal Newsmax, den 70 Millionen Haushalte empfangen. Die Echokammer der Rechten: Sie besteht längst nicht mehr nur aus Fox News.

An wen sich die Sendung richtet, verraten auch die Werbespots, die in den Pausen eingespielt werden. Sie stammen von Gruppen aus Trumps Umfeld. «Du bist dumm, du stinkst, also setzen sie deinen Präsidenten ab!», dröhnt ein Sprecher, der um Spenden für den Kampf gegen das Amtsenthebungsverfahren wirbt. Bannon selbst nennt das Impeachment das «Verbrechen des Jahrhunderts».

Damit meint er nicht etwa das gut dokumentierte Verhalten Trumps in der Ukraine-Affäre, das zur Anklage durch das Repräsentantenhaus wegen Machtmissbrauchs geführt hat. Das «Verbrechen» ist für Bannon vielmehr der Umstand, dass es überhaupt zur Anklage gekommen ist: ein Coup ­jener Kräfte, die Trump schon immer «zerstören» wollten.

Das ist ein Kampf um die öffentliche Meinung – und die Republikaner wollen ihn nicht führen.

Doch wozu überhaupt die Aufregung, wozu der Furor, wenn am Ende des Verfahrens im Senat aller Voraussicht nach ein Freispruch Trumps stehen wird? «Was für eine schrecklich naive Sichtweise!», ruft Bannon. Die Sendung ist zu Ende, er ist nun allein im Studio, die Militärjacke trägt er noch immer. «Die Demokraten wussten von Anfang an, dass sie nicht genügend Stimmen ­haben, um Trump auf diese Weise zu entfernen. Aber es geht ihnen darum, seine Präsidentschaft zu stoppen, indem sie ihn im Hinblick auf die Wahl beschädigen. Sie wollen, dass aus dem Freispruch ein bedingter Freispruch wird.»

Nancy Pelosi, die Chefin der Demokraten, hält er für ein «strategisches Genie», das den Republikanern viel voraushat. In seinen Augen geht die Partei des Präsidenten das Impeachment falsch an, indem sie sich darauf konzentriert, Trump bloss zu verteidigen. Der frühere Marineoffizier wünscht sich ­etwas anderes: einen Gegenangriff.

Seit Tagen fordert der Rechtsaussen die Republikaner im Senat deshalb auf, im kommenden Prozess Zeugen aufzubieten. Zeugen, die den Fokus darauf legen, was laut Bannon der wahre Kern der Ukraine-Affäre ist: die angebliche Korruption des früheren Vizepräsidenten Joe Biden und seines Sohns Hunter, der in der Ukraine geschäftlich tätig war. Die Führung der Republikaner um Mitch McConnell hat das bisher aber abgelehnt, weil sie ein möglichst rasches Verfahren will und keinen «Zirkus».

Bannon hat dafür eine andere Erklärung: «Das Impeachment entblösst das Geschäftsmodell von Washington, das darin besteht, sich über korrupte Beziehungen zu bereichern.» Das gelte auch für das Establishment der Republikaner. Kein Wunder, hätten McConnell und seine Leute kein Interesse, das Verfahren durch die Auftritte von Zeugen zu verlängern. «Sie verstecken sich hinter der Würde des Senats, aber das ist nur vorgeschoben.» Dabei seien die wahren Richter bei diesem Impeachment die Wähler. «Das ist ein Kampf um die öffentliche Meinung, und die Republikaner weigern sich, ihn zu führen.»

Präsident Bannon und das Kloster

Bannon und Trump standen sich eine Zeit lang sehr nahe. Bannon hat Trumps Wandel vom TV-Promi zum Politiker über die Alt-Right-Website «Breitbart» publizistisch begleitet, manche sagen: ermöglicht. Im Sommer 2016 übernahm er die Leitung von Trumps Wahlkampforganisation, von der damals viele dachten, dass sie nicht mehr zu retten war. Danach folgte er dem neuen Präsidenten als Chefstratege ins Weisse Haus. Dort war sein angeblicher Einfluss so gross, dass ihn die «New York Times» als «Präsident Bannon» bezeichnete.

Nach einem Streit mit Stabschef John Kelly wurde er im Sommer 2017 gefeuert, und mit dem Präsidenten verscherzte er es sich, als er im Enthüllungsbuch «Fire and Fury» des Journalisten Michael Wolff auf ziemlich durchsichtige Weise als Quelle auftrat, die über ihre früheren Rivalen in der Regierung herzog. Auch wenn der Riss inzwischen gekittet ist: Zum innersten Zirkel Trumps gehört Bannon nicht mehr.

Wohl auch deshalb konzentrierte sich Bannon zwischenzeitlich darauf, rechtspopulistische Parteien in Europa zu einer engeren Zusammenarbeit zu bewegen – ein Versuch, der ziemlich erfolglos blieb. Dazu tingelte er durch die europäischen Hauptstädte und hielt Hof in einem italienischen Kloster, in dem junge Rechte für den Kampf fürs Abendland geschult werden sollten. Nun, zurück in Washington, erfüllt sein «War Room» einen doppelten Zweck. Die Show liefert Trumps Verteidigern Argumente zum Impeachment und vergrössert gleichzeitig Bannons Einfluss. «Ich helfe der populistischen Bewegung von ausserhalb», sagt er. «So ist es mir am wohlsten. Ich bin mein eigener Boss.»

Welche Wirkung Bannons Signale aus dem Bunker erzielen, liess sich diese Woche gut beobachten. Am Montag redete er in seiner Show als Erster darüber, dass Trump die für den 4. Februar vorgesehene Rede zur Lage der Nation absagen solle, weil sie sonst überschattet werde vom laufenden Impeachment. «Die ganze Welt wird zuschauen, von Teheran über Hongkong bis Taiwan.» Die Rede müsse Trump in einem Moment grösster Stärke zeigen, nach dem Freispruch durch den Senat. Stattdessen laufe alles auf das Bild hinaus, das die Demokraten wollten: ein angeschlagener Präsident.

Für Trump mag das Impeachment nichts Gutes sein – für Bannon aber sehr wohl.

Tags darauf twitterte der republikanische Abgeordnete Jim Banks in fast identischen Worten: «Nicht nur Amerika schaut die Rede zur Lage der Nation. Teheran schaut zu. Hongkong schaut zu. Taipeh schaut zu.» Es sei wichtig, dass Trump Stärke markiere. Er solle Pelosi sagen, dass er die Rede erst halten werde, wenn sich die Wolke des Impeachment verzogen habe. Seither steht der Ruf nach einer Verschiebung der Ansprache im Raum. Das Signal ist angekommen.

Für Trump mag das Impeachment also nichts Gutes sein – für Bannon aber sehr wohl. Er ist wieder in der Stadt, wieder im Spiel. Und wenn das Impeachment vorbei ist? «Dann machen wir hier nahtlos weiter», sagt Bannon. Mit einem «War Room» zum Präsidentschaftswahlkampf und darüber hinaus. «Die populistische Bewegung, die Trump zum Sieg verholfen hat, ist noch lange nicht vorbei.» Das gelte sowohl für die Republikaner wie auch für die Demokraten. Man sehe das daran, wie die linkspopulistische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez ihrer Partei innert kürzester Zeit den Stempel aufgedrückt habe. Er teile keine ihrer Positionen, «aber ich wünschte mir, die Republikaner hätten in Washington eine wie Ocasio-Cortez», sagt Bannon. «Ihr Feuer, ihr Fokus darauf, den Machtapparat niederzureissen: Das braucht unsere Seite auch.» Ganz so, als wäre Trump alleine nicht genug.


Podcast «Entscheidung 2020»

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Erstellt: 17.01.2020, 21:56 Uhr

So geht es beim Impeachment weiter

Gut einen Monat ist es her, dass das US-Repräsentantenhaus Anklage gegen Präsident Donald Trump erhoben hat. Die Demokraten werfen ihm vor, seine Macht missbraucht zu haben, indem er die Ukraine dazu zwingen wollte, Ermitt­lungen gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden anzukündigen. Zudem habe er die Untersuchung des Kongresses behindert. Diese Woche wurde die Anklage an den Senat über­wiesen. Am Dienstag beginnt dort der Prozess gegen Trump, bei dem die 100 Senatoren als Richter und Geschworene fungieren. Für einen Schuldspruch und eine Amtsenthebung Trumps müssten 67 Senatoren gegen den Präsidenten stimmen. Dazu brauchten die 47 Demokraten 20 republikanische Überläufer. (cas)

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