Mit Snapchat zum US-Präsidenten

Der Kampagnenstart von Jeb Bush auf der Bilderplattform zeigt: Der US-Wahlkampf um den Sitz im Weissen Haus wird in sozialen Medien geführt. Die Kandidaten verfolgen damit zwei Ziele.

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Jeb Bush wolle immer die neusten Plattformen nutzen, sagte sein Kommunikationschef Tim Miller vor dem Start seiner Wahlkampagne. «Er ist ein Technologie-Nerd.» Eine auf den ersten Blick erstaunliche Bezeichnung für einen Präsidentschaftskandidaten, wird der Ausdruck «Nerd» im Allgemeinen eher mit pickligen Teenagern in Verbindung gebracht, die durch eine Hornbrille in übergrosse Computerscreens glotzen.

Miller sprach mit seiner Aussage auf die Bekanntgabe Bushs als jüngster Präsidentschaftskandidat am Montag an. Zum ersten Mal unterstützte eine Social-Media-Plattform den offiziellen Kampagnenstart eines Kandidaten: Während Bush im Miami Dade College 3000 Menschen zuhörten, sahen Millionen die Bilder seiner Rede auf der Foto-App Snapchat.

In einer Live-Geschichte sammelten Snapchat-Mitarbeiter Bilder aus der nächsten Umgebung von Bushs Veranstaltung und zeigten sie in Echtzeit allen Nutzern – und damit Millionen von potenziellen Wählern. Mit 100 Millionen aktiven Nutzern pro Tag – davon allein rund 30 Millionen in den USA – gehört die Plattform zu den grossen Playern unter den sozialen Netzwerken.

Snapchat kreierte für Bushs Kampagne sogar ein eigenes Logo.

Die massive Präsenz in sozialen Medien zeigt eine Entwicklung, der sich Politiker mit Ambitionen seit der Wahl Barack Obamas ins Weisse Haus 2008 nicht mehr entziehen können: Facebook und Konsorten werden von den Nutzern zunehmend zur politischen Information genutzt. Vor einem Jahr folgten 16 Prozent der Bevölkerung den Kandidaten für die Midterm-Wahlen in sozialen Medien – gegenüber 6 Prozent 2010. Heute dürfte dieser Wert noch höher liegen.

Junge und Wahlkampfspenden

Besonders aktiv ist die Generation der Millennials: Laut einer Umfrage haben 61 Prozent der 18- bis 35-Jährigen in der Woche vor der Befragung politische News auf Facebook gelesen, während sich nur 37 Prozent über das Fernsehen informierten. Zu dieser Generation gehört fast ein Fünftel der Wähler – entsprechend hart umkämpft ist das Wählersegment der Jungen.

Kein Wunder also, dass auch andere Präsidentschaftskandidaten in sozialen Medien um die Gunst der Millennials buhlen. Darunter Rand Paul: Ebenfalls auf Snapchat aktiv, nutzt der Republikaner Facebook, Twitter, die Bilderplattformen Pinterest und Instagram, hat sein Logo an das Erscheinungsbild der Dating-App Tinder angepasst und überträgt seine Reden auf der Streaming-Applikation Periscope.

Hillary Clintons Wahlkampfsongs auf Spotify.

Mit Periscope lassen sich mit dem Smartphone Videoaufnahmen in Echtzeit an die ganze Welt senden. So hat Olympiasportlerin Michelle Kwan die Ankündigungsrede von Hillary Clinton mit ihrem iPhone gefilmt und live übertragen. Die ehemalige Aussenministerin kündigte sie zuvor mit einer Mitteilung auf der Kurznachrichtenplattform Twitter an – mit einem Verweis auf ein Youtube-Video. Clinton teilt sogar die Songs, die sie während des Wahlkampfs hört, auf dem Musik-Streamingdienst Spotify.

Die aussichtsreichste Präsidentschaftskandidatin der Demokraten kann sich dabei auf Onlineveteranen verlassen, die bereits Obamas Digitalstrategie mitentwickelt hatten. Dessen erste Wahl 2008 wird gemeinhin als Einstand der sozialen Medien in der US-Politik angesehen. Über soziale Medien hatte der demokratische Senator damals Wähler mobilisiert, mit denen sich besonders die Republikaner oft schwertun: Schwarze, Frauen und Junge.

Von Obama gelernt: Jeb Bush ruft über Twitter zu Spenden auf.

Die vielleicht wichtigste Lehre aus Obamas Onlinewahlkampf ist aber eine finanzielle: Mit Kleinspenden über Webseiten oder Apps lässt sich heute gleich viel Geld sammeln wie mit Grossspenden von Firmen oder reichen Unterstützern. Über eine halbe Milliarde Dollar nahm Obama bis zur Wiederwahl 2012 durch die Onlineaktivitäten seiner Internetstrategen ein – die Hälfte seines 1,1-Milliarden-Wahlkampfbudgets. Kurz vor der Wahl übertrafen die Onlinespenden sogar die Einnahmen durch die Topsponsoren. Dafür lässt man sich gerne als Nerd bezeichnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 16:52 Uhr

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