Nach Vergewaltigung, Totgeburt und Haft ist Evelyn Hernández frei

Die angehende Krankenschwester sass im Gefängnis, weil sie ein Kind tot zur Welt gebracht hatte.

«Gott sei Dank wurde heute Gerechtigkeit gesprochen»: Evelyn Hernández wird von Aktivistin Mariana Moisa in die Arme genommen. Foto: Reuters

«Gott sei Dank wurde heute Gerechtigkeit gesprochen»: Evelyn Hernández wird von Aktivistin Mariana Moisa in die Arme genommen. Foto: Reuters

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An dem Tag, an dem sich ihr Leben für immer verändern sollte, stand Evelyn Beatríz Hernández Cruz früh am Morgen auf. Es war der 6. April 2016, Hernández war gerade einmal 18 Jahre alt. Krankenschwester wollte sie damals werden, nebenbei arbeitete sie als Haushaltshilfe. Sie wohnte gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Häuschen in El Carmen, etwa eine Stunde östlich von El Salvadors Hauptstadt. Hernández habe über Bauchschmerzen geklagt, erinnerte sich ihre Mutter später, kurz danach habe sie ihre Tochter auf dem Boden der Latrine hinter dem Haus gefunden, bewusstlos und blutüberströmt. Im Spital konnten die Ärzte die junge Frau zwar retten, sie riefen aber auch die Polizei. Hernández wies Zeichen einer Geburt auf, allein das Kind fehlte. Die Ärzte vermuteten eine Abtreibung, und diese steht in El Salvador unter strenger Strafe.

Auch wenn Schwangerschaftsabbrüche in fast ganz Lateinamerika verboten sind, setzt kein Land seine Gesetze so rigoros um wie El Salvador. 1998 hat eine konservative Regierung die Bestimmungen zum Schutz ungeborenen Lebens noch einmal verschärft, seitdem sind Abtreibungen auch dann nicht erlaubt, wenn die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist oder Leib und Leben der Mutter bedroht sind. Acht Jahre Haft drohen Frauen, die gegen das Gesetz verstossen. Oft wird zusätzlich noch ein Mordparagraf angewendet, damit werden Gefängnisstrafen von bis zu 50 Jahren möglich. Die Rechtsprechung verpflichtet zudem Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, jeden Verdacht zu melden. So kommt es, dass immer wieder Frauen noch im Spital verhaftet werden.

Täter nicht angezeigt

Hunderte Verfahren wegen Abtreibung habe es in den letzten 20 Jahren gegeben, schätzen Menschenrechtler. In mindestens 150 Fällen wurden Frauen zu teilweise jahrzehntelangen Haftstrafen verurteilt, dabei ist es oft mehr als unsicher, ob die Schwangerschaftsabbrüche gezielt herbeigeführt wurden oder ob nicht natürliche Ursachen für eine Fehl- oder Totgeburt verantwortlich waren.

Evelyn Hernández sagt, sie habe nicht gewusst, dass sie schwanger war. 2015 sei sie mehrmals vergewaltigt worden, der Täter war Mitglied einer lokalen Gang. Diese Mara-Banden kontrollieren weite Teile El Salvadors und sind der Grund, weshalb Hunderttausende Menschen in die USA geflohen sind. Die Mord­rate im Land ist eine der höchsten weltweit, Opfer der Gewalt sind vor allem Frauen. Hernández sagt, aus Angst habe sie den Täter nicht angezeigt. Weil sie immer wieder Blutungen gehabt habe und keine äusseren Anzeichen, habe sie erst im Spital von der Schwangerschaft erfahren.

Die UNO fordert längst eine Überarbeitung der Gesetze

In der Latrinengrube fanden Polizisten das Kind. Ob es bei der Geburt tot war, konnten Gerichtsmediziner nicht eindeutig feststellen. Dennoch wurde Hernández 2017 verurteilt. Sie trat eine 30-jährige Haftstrafe an. Drei Jahre hatte sie abgesessen, dann erreichten ihre Anwälte eine Annullierung des Urteils.

Vielleicht ist das Urteil ein Schritt zu etwas, was die UNO längst gefordert hat: dass El Salvador seine drakonischen Gesetze überarbeitet.

Damit durfte Hernández das Gefängnis verlassen, sie ging wieder zur Schule, arbeitete. Auf das neue Urteil wartete das Land gespannt, denn es war das erste unter dem populistischen Präsidenten Nayib Bukele. Auch er ist Abtreibungsgegner, der sich aber für Ausnahmen ausspricht. Er sei gegen eine Verurteilung von «armen Frauen mit spontanen Fehlgeburten», sagt Bukele.

Im Falle von Evelyn Hernández hat sich der Richter für Freispruch entschieden. Es habe keine ausreichenden Beweise gegeben. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von 40 Jahren gefordert. Hernández zeigte sich erleichtert: «Ich bin glücklich», sagte die 21-Jährige. «Gott sei Dank wurde heute Gerechtigkeit gesprochen.» Vielleicht ist das Urteil ein Schritt zu etwas, was die UNO längst gefordert hat: dass El Salvador seine drakonischen Gesetze überarbeitet.

Erstellt: 20.08.2019, 18:08 Uhr

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