USA

Nach dem tödlichen Schuss brennt Ferguson

Rassenunruhen erschüttern den Vorort Ferguson nahe der US-Metropole St. Louis. Der Tod Mike Browns hat natürlich Signalwirkung.

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Wie so oft widersprechen sich die Aussagen der Beteiligten. Der junge Mann, ein 18-jähriger Afroamerikaner, habe versucht, dem Polizisten die Dienstwaffe zu entwenden, behauptet die Polizei. Zwei Augenzeugen, darunter ein Freund des Getöteten, sagen hingegen, der Polizist habe den Teenager trotz dessen erhobener Hände kaltblütig erschossen. Sicher ist nur eines: Mike Brown, der gerade seinen Schulabschluss gemacht hatte, lebt nicht mehr, und die Stadt Ferguson, ein Vorort der Metropole St. Louis im amerikanischen Staat Missouri, ist seitdem in Aufruhr.

Nach der Erschiessung Browns am Samstag ereigneten sich Unruhen in Ferguson. Es kam zu Plünderungen und mehr als 50 Festnahmen. Präsident Obama sprach der Familie des Toten sein Beileid aus und nannte Browns Tod «herzzerreissend», indes schwarze Abgeordnete im Kongress eine eingehende Untersuchung verlangten. Der Fall erinnert fatal an den Tod des jungen Afroamerikaners Trayvon Martin, der 2012 in Sanford im Staat Florida von einem Wachmann erschossen wurde. Wie Martin war auch Mike Brown unbewaffnet. Und wie der Wachmann in Florida ist auch der Polizist in Ferguson ein Weisser.

Das Schweigen über den Täternamen

Familie, Freunde und Lehrer beschreiben den Toten als einen freundlichen und gutmütigen jungen Mann. Der Polizist fühlte sich hingegen von Mike Brown bedroht. Niemand weiss, wer er ist, da sich Fergusons Polizei bislang geweigert hat, seinen Namen bekannt zu geben. «Wenn wir sagen würden ‹Das ist der Polizist›, wird er sofort zur Zielscheibe», rechtfertigt Fergusons Polizeichef Tom Jackson das Schweigen.

Der Tod Mikes Browns hat natürlich Signalwirkung: Er demonstriert einmal mehr, wie problematisch die Rassenbeziehungen trotz der Wahl Barack Obamas geblieben sind. Denn was in Ferguson geschah, könnte fast überall im Land geschehen – zumindest in Metropolen wie St. Louis oder Los Angeles oder Chicago. Rassenunruhen wie jetzt in Ferguson durchziehen die amerikanische Geschichte. Und fast immer wurden sie durch Polizeibrutalität gegenüber verarmten und vernachlässigten afroamerikanischen Bevölkerungsteilen ausgelöst. So etwa 1965 im Stadtteil Watts in Los Angeles, als 34 Menschen getötet wurden. Oder 1980 in Miami, als vier Polizisten einen Afroamerikaner zu Tode prügelten, jedoch von jeder Schuld freigesprochen wurden.

Stets folgen diese Unruhen dem gleichen Muster: Geschäfte in schwarzen Vierteln werden niedergebrannt und geplündert, die Polizei verhaftet. In Ferguson appellierte der Vater Mike Browns an die Demonstranten, sie sollten Ruhe bewahren: «Keine Gewalt» erbat sich der ältere Brown. Zu einer Veranstaltung am Dienstag kam sogar Missouris Gouverneur Jay Nixon. Die Erschiessung Mike Browns habe «alte Wunden wieder aufgerissen», sagte der Gouverneur. Gewiss zählt als offene Wunde, dass 69 Prozent der Bürger Fergusons Afroamerikaner sind, jedoch nur drei von 53 Polizisten der Stadt. Noch 1980 war Ferguson überwiegend weiss, jetzt ist es eben schwarz, ohne dass die politische Kultur der Stadt dies widerspiegelte.

Weisse Dominanz trotz schwarzer Mehrheit

Der Bürgermeister ist ein Weisser, desgleichen fünf der sechs Stadträte. Im Schulausschuss sitzen sechs Weisse sowie ein Latino. Die schwarze Bevölkerung zieht von Wohnblock zu Wohnblock, ohne am politischen Geschehen der Stadt teilzunehmen. Nur wenige besitzen Immobilien, und lange Zeit widersetzten sich die weissen Vororte von St. Louis mit rassistischen Gesetzen und Verordnungen dem Zuzug von Afroamerikanern aus der nahen Grossstadt. Nun schauen diese Vororte ängstlich auf Ferguson: Was dort am vergangenen Samstag passierte, könnte sich in fast jedem Vorort von St. Louis wiederholen.

Dorian Johnson, der am Samstag mitansehen musste, wie sein Freund Mike Brown starb, weigert sich unterdessen, vor der Polizei in Ferguson auszusagen. Er will nur mit Bundesbehörden oder dem FBI sprechen, gab aber mehrere TV-Interviews. Der Polizist sei über dem bereits verletzten Mike Brown gestanden und habe geschossen, ohne ein Wort zu sagen, behauptet Johnson. Irgendwann wird die Wahrheit herausgefiltert werden. Oder auch nicht. Unruhen nach Polizeiübergriffen werden sich in jedem Fall wieder ereignen. An einem anderen Ort in den Vereinigten Staaten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2014, 11:11 Uhr

Obama kritisiert Polizei

US-Präsident Barack Obama hat das Vorgehen der Polizei nach den tödlichen Schüssen auf einen Teenager im Staat Missouri verurteilt. Es gebe keine Entschuldigung für die Anwendung exzessiver Gewalt durch Beamte, sagte er bei einer Pressekonferenz auf Martha's Vineyard, wo er seinen Sommerurlaub verbringt.

Er wolle eine offene und transparente Untersuchung zu den tödlichen Polizeischüssen auf den jungen Afroamerikaner Michael Brown, damit der Gerechtigkeit Genüge getan werde.(sda)

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