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Nr. 3 der USA ist Geisel der Parteirebellen

Die Republikanische Partei hat in den eigenen Reihen eine «Selbstmordfraktion», die nicht mehr zu kontrollieren ist. Zu den Opfern könnte bald John Boehner zählen – und nicht nur er.

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Er könnte der nette Herr von nebenan sein: solider Durchschnitt, keine allzu grosse Leuchte, aber gewitzt. Niemand hätte ihm prophezeit, dass er einmal der drittmächtigste Mensch im mächtigsten Land auf Erden sein werde. John Boehner hätte es wahrscheinlich selber nicht geglaubt. Doch als republikanischer Sprecher des Washingtoner Repräsentantenhauses füllt der Mann aus Ohio eine Rolle aus, die er sich in seinen 22 Jahren im Kongress stets erträumt hat: Er ist wer!

John Boehner mag seinen Job. Er lässt sich früh auf den Capitolshügel fahren. Verbringt dort viel Zeit. «Er liebt es, eine wichtige politische Figur zu sein», sagt der Washingtoner Journalist Robert Costa über den Sprecher, den er gut kennt.

Die Wilden der Fraktion

Wenn da nur nicht der Schatten wäre, der seit Jahren auf Boehner fällt und ihm das Leben verdüstert: die Wilden in seiner Fraktion. Rabiate Abgeordnete wie Steve King aus Iowa, der nach dem Shutdown der Regierungsgeschäfte in der Nacht auf Dienstag kühl konstatierte, nichts sei passiert, «der Himmel nicht auf die Erde herabgestürzt». Warum also die Aufregung? Derlei Draufgängertum ist John Boehner fremd. Der rechte Flügel seiner Mehrheitsfraktion aber hat den Sprecher als Geisel genommen. Sein harter Kern zählt gerade mal 30 bis 40 Abgeordnete von 233 Republikanern im Repräsentantenhaus. Weitere 30 bis 40 sympathisieren mit dem wilden Rand.

Boehner hätte also Stimmen genug, um mithilfe der Demokraten in der Abgeordnetenkammer einen Übergangsetat zu verabschieden und der Washingtoner Clownerie ein Ende zu bereiten. Aber es wäre auch sein Ende als Sprecher. Man fiele über ihn als einen Verräter her. Erzkonservative Radiotalker und mächtige Lobbys wie der Club for Growth riefen sofort zur Hatz auf Boehner auf. Er wäre fertig. Denn längst haben der Sprecher und die moderaten Mitglieder seiner Fraktion die Kontrolle über das Monster in den eigenen Reihen verloren.

Frankenstein werden sie nicht mehr los

Dabei hat die Partei dieses Monster eigenhändig erschaffen. Mithilfe von Wutbürgern und reichen Gönnern wie den Brüdern Koch, die nach Barack Obamas Wahlsieg 2008 zum Sturm auf Washington bliesen. Hymnisch feierten sie 2010 die Ankunft der Tea Party, als sei ein politischer Messias auf die Prärien des amerikanischen Hinterlands herabgestiegen. Jetzt werden sie ihren Frankenstein nicht mehr los. Besonders der republikanische Wirtschaftsflügel zählt zu den Verlieren. Die Wirtschaft will eine Reform der Einwanderung, Boehners wilder Rand torpedierte sie. Die Wirtschaft hasst den stillgelegten Staat. Die Schocktruppen der Tea Party im Kongress aber sind ekstatisch ob des Chaos.

Zu befürchten haben die Rebellen nichts. Sie kommen aus bizarr zusammengeschusterten Kongressbezirken, die überwiegend weiss und ländlich sind, indes Amerika doch immer bunter wird. Die Hälfte der Bezirke befindet sich im amerikanischen Süden, wo der afroamerikanische Präsident noch immer erhöhten Blutdruck verursacht. Boehners Unheil begann folgerichtig in der alten Konföderation: Im August schickte der Abgeordnete Mark Meadows aus dem Staat North Carolina einen Brief an Boehner. Darin verlangte er, die Implementierung von Obamacare notfalls durch einen Shutdown zu verhindern.

Sie haben keine andere Wahl

Meadows liess den Brief zirkulieren, bis 79 weitere Abgeordnete ihn unterzeichnet hatten. 79 der 80 Unterzeichner sind weiss, 76 Männer. Keiner repräsentiert einen Bezirk an den Küsten oder in den Metropolen und Zentren amerikanischer Kreativität. Doch sie geben beim Shutdown den Ton an. Sie müssen es: Träten sie nicht entschieden gegen Obama und Obamacare auf, würden zu Hause Zweifel an ihrer erzkonservativen Gesinnung laut. Ein noch konservativerer Herausforderer machte ihnen unweigerlich ihre Kongresskandidatur streitig. Sie wären erledigt. Lieber erledigen sie John Boehner. Und womöglich die Republikanische Partei.

Der konservative Kolumnist Charles Krauthammer nannte sie kürzlich die «Selbstmordfraktion». Angetrieben wird sie vor allem vom Hass auf den schwarzen Präsidenten sowie der Sehnsucht nach einem Amerika, das in ihrem Rückspiegel langsam verschwindet. Zuvor aber haut sie noch einmal kräftig auf die Pauke. Und spaltet vielleicht die Republikanische Partei, deren Granden und Bonzen sich zusehends bedroht fühlen.

Die «Lemminge mit Selbstmordwesten»

Ronald Reagan beschwor stets das «elfte Gebot», wonach kein Republikaner über einen Republikaner schlecht reden dürfe. Könnte er nur hören, wie die Moderaten und Boehners Fraktionsspitze über ihr Monster reden! Verrückt seien die. Völlig durchgeknallt. «Lemminge mit Selbstmordwesten», sagt der republikanische Abgeordnete Devin Nunes. Nein, John Boehner ist nicht zu beneiden. Obwohl er seinen Job doch mag und eine «wichtige politische Figur» sein möchte.

Erstellt: 03.10.2013, 10:46 Uhr

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