«Obama ist vor der kubanischen Diktatur in die Knie gegangen»

Die Weltpresse begrüsst die Annäherung zwischen Washington und Havanna. Doch der Exilkubaner Carlos Alberto Montaner hält nichts von der amerikanischen Kuba-Politik.

Historischer Handschlag am 10. Dezember 2013: Raúl Castro und Barack Obama begrüssen sich bei der Trauerfeier für Nelson Mandela in Johannesburg.

Historischer Handschlag am 10. Dezember 2013: Raúl Castro und Barack Obama begrüssen sich bei der Trauerfeier für Nelson Mandela in Johannesburg. Bild: Keystone

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Der Amerika-Gipfel in Panama gilt schon als historisch, bevor er überhaupt begonnen hat. Teilen Sie diese Einschätzung?
Nein. Dass sich Barack Obama und Raúl Castro umarmen oder die Hände schütteln, wird nichts an der kubanischen Diktatur ändern. Was mir fragwürdig und bedrohlich scheint, ist Obamas neue Taktik, die darin besteht, allen Feinden Konzessionen zu machen, alle Feinde gnädig zu stimmen und als einzige Gegenleistung zu verlangen, dass sie sich in Freunde verwandeln.

Die kubanische Bevölkerung darf neuerdings Autos kaufen und Häuser besitzen, sie darf ohne staatliche Bewilligung reisen, sie hat das Recht, kleine Firmen zu betreiben. Ausserdem wurden mehrere politische Gefangene freigelassen. Und trotzdem behaupten Sie, das Regime habe keine Konzessionen gemacht.
Die kubanische Regierung hat relativ unbedeutende ökonomische Konzessionen gemacht, weil sie durch die katastrophale wirtschaftliche Lage dazu gezwungen war. Das Entscheidende aber hat sie unterlassen, nämlich das Einparteiensystem abzuschaffen.

Die wirtschaftliche Öffnung, die früher oder später zum Entstehen einer Mittelschicht führen wird, dürfte das Einparteiensystem schneller und heftiger ins Wanken bringen als die bisherige Konfrontationspolitik. Ganz zu schweigen von der Perspektive, dass künftig Tausende amerikanischer Touristen die Insel besuchen werden.
Es reisen jedes Jahr eine Million Kanadier und unzählige Europäer nach Kuba. Hat sich deswegen etwas am Regime geändert? Es ist eine traurige lateinamerikanische Erfahrung, dass eine politische Diktatur durchaus mit wirtschaftlicher Offenheit einhergehen kann. Nehmen Sie als Beispiel Nicaragua unter Somoza, die Dominikanische Republik unter Trujillo, Paraguay unter Stroessner, Kuba unter Batista. Während des ganzen 20. Jahrhunderts hat man den USA ihre Doppelmoral vorgehalten: Ihr predigt Demokratie und Freiheit, aber gleichzeitig unterhaltet ihr aus politischen, ökonomischen oder strategischen Interessen gute Beziehungen zu finsteren Diktatoren. Und heute tun die demokratischen lateinamerikanischen Regierungen in Bezug auf Kuba genau dasselbe, ja mehr noch: Sie fordern von der Regierung der USA, gute Beziehungen zu einer Diktatur zu pflegen. Obama ist vor dem kubanischen Regime in die Knie gegangen.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach die Alternative zu Obamas Versöhnungspolitik? Soll er weiter auf Konfrontation und auf das Handelsembargo setzen?
Ich bin für die Aufhebung des Embargos, aber nur unter der Bedingung, dass die Kubaner wählen dürfen, dass es auf der Insel Parteienpluralismus gibt und Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechte respektiert werden.

Das ist genau die Politik, die während der letzten 50 Jahre offensichtlich nicht funktioniert hat.
Doch, sie hat funktioniert, weil ihr Ziel nicht darin bestand, die kubanische Regierung zu stürzen, sondern ihren politischen Handlungsspielraum einzuengen. Das Embargo hat die kubanische Diktatur zum Beispiel gezwungen, ihren Repressionsapparat zu verringern. Die kubanische Armee ist heute noch halb so gross wie in den 1980-er Jahren.

Das Embargo hat Fidel Castro persönlich nicht im Geringsten geschadet, der kubanischen Bevölkerung hingegen sehr wohl.
Im Gegenteil. Das Embargo hat zwar die desaströsen Auswirkungen der kommunistischen Wirtschaftspolitik noch verschärft, aber genau deshalb hat es die Regierung gezwungen, kleine private Unternehmen zuzulassen. Es hat also letztlich nicht für weniger, sondern für mehr Freiheit gesorgt.

Die USA unterhalten heute diplomatische und ökonomische Beziehungen zu den kommunistischen Diktaturen Vietnam und China, und im Nahen Osten ist Saudiarabien ein enger Verbündeter. Weshalb soll es dann nicht auch zu Kuba normale Beziehungen pflegen, zumal die Insel strategisch absolut keine Bedrohung mehr darstellt?
Dass die amerikanische Haltung zu Vietnam und China letztlich widersprüchlich und verlogen ist, macht es nicht besser, wenn die USA sie nun auch gegenüber Kuba einnehmen. Ausserdem wurde 2001 in Lima die Interamerikanische Demokratiecharta verabschiedet. Sie hält fest, wie die Länder des Kontinents sein müssen, um aus demokratischer Sicht als respektabel zu gelten. Kuba erfüllt nichts davon, und sämtliche lateinamerikanischen Regierungen und nun auch die USA sind bereit, dies einfach zu ignorieren.

Dennoch hat ein grosser Teil der Weltöffentlichkeit und fast die gesamte Weltpresse Obamas neue Kuba-Politik begrüsst.
Die Weltpresse kann sich irren, zumal sie von Kuba keine grosse Ahnung hat.

Anerkennen Sie, dass die kubanische Revolution trotz allem auch gewisse Errungenschaften vorweisen kann, etwa das Bildungs- und Gesundheitssystem?
Natürlich anerkenne ich das. Aber eine gebildete und gesunde Bevölkerung sollte wirtschaftlich produktiv und vor allem viel glücklicher sein. Ausserdem waren die Universitäten oder zumindest bestimmte Fakultäten auch in den kommunistischen Ländern Osteuropas relativ gut. Aber das ist keine Rechtfertigung – genauso wenig kann man den Nationalsozialismus mit dem Hinweis verteidigen, dass er die Inflation besiegt oder Autobahnen gebaut hat. Ein schreckliches politisches System kann problemlos mit einem guten Gesundheits- und Bildungswesen koexistieren.

Sind Sie ein exilkubanischer Hardliner und kalter Krieger?
Nein, ich würde mich vielmehr als jemanden bezeichnen, der sich sein Leben lang für Demokratie und Freiheit eingesetzt hat.

Sie mussten als junger Mann aus Kuba flüchten und durften die Insel seither nicht mehr betreten. Entsprechen Sie dem Klischee vom Exilkubaner, der sich ein Leben lang in Nostalgie verzehrt und vielleicht irgendwann verbittert wird?
Nein, damit habe ich nichts zu tun. Ich habe vierzig Jahre lang in Madrid gelebt. Meine Sehnsucht gilt Spanien, nicht Kuba. Die kubanische Nostalgie habe ich nach so vielen Jahren vergessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2015, 18:21 Uhr

Collection

Cuba Libre

«Das US-Embargo hat letztlich nicht für weniger, sondern für mehr Freiheit in Kuba gesorgt»: Carlos Alberto Montaner.

Zur Person

Carlos Alberto Montaner

Der 1943 in Havanna geborene Exilkubaner gehört zu den meistgelesenen und umstrittensten Kolumnisten Lateinamerikas. Er hat zahlreiche journalistische Auszeichnungen erhalten und fast dreissig Bücher geschrieben, unter ihnen auch mehrere Romane. 2012 wählte ihn die Zeitschrift «Foreign Policy» zu einem der fünfzig einflussreichsten spanischsprachigen Intellektuellen. Als 17-jähriger wurde Montaner in Havanna verhaftet und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Die kubanische Regierung wirft ihm bis heute vor, in terroristische Aktivitäten verstrickt gewesen zu sein, was Montaner entschieden bestreitet. Es gelang ihm, aus dem Gefängnis zu fliehen und sich in die USA abzusetzen. Später lebte er in Puerto Rico und in Madrid, heute wieder in Miami. Er hat an mehreren Universitäten unterrichtet. Berühmt wurde sein Disput mit dem kubanischen Sänger Silvio Rodríguez. (ben)

Carlos Alberto Montaner im Gespräch mit Sandro Benini.

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